Unter dem Bergwald - ein Schauspiel von René Avold
Eine Frau um die 50 und ein älterer Mann, beide in ordentlicher, aber etwas abgetragener Kleidung, sitzen auf einer niedrigen Sandsteinmauer. Hinter ihnen an der Rückwand des Theaters, sieht man Gebäude aus dem 19. Jahrhundert.
Sie schweigen.
An ihnen vorbei gehen langsam Fahrradfahrer, Frauen und Männer, die ihre Räder schieben, Elektrofahrräder. Sie tragen die Fahrradhelme auf dem Kopf. Sie sind in Partnerlook beige gekleidet, Durchschnittsalter 70 Jahre. Mann und Frau unterscheiden sich lediglich dadurch, dass der Mann einen weißen Bart trägt, was deutlich machen soll, dass er männlich ist. Sonst würde man das nicht erkennen, weil beide weiße Kurzhaarfrisuren haben, tief unten Brüste und einen dicken Bauch. Es sind offensichtlich geschlechtslose Wesen.
Die Fahrradleute kommen von links. Von rechts kommen einzelne, andere Personen in Jeans oder Dreiviertelhosen, Sandalen, Turnschuhe, zerknautschte Baseball-Kappen, Plastiktüten. Unrasiert. Ungewaschen. Unfrisiert. Sie gehen vorbei ohne Blick auf die Gebäude oder unsere zwei Schauspieler.
Das Stück muss sehr langsam gesprochen werden, mit längeren Pausen zwischen den Sätzen. Es handelt sich um ein Zitat auf Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Der Titel wiederum ist ein Zitat auf Dylan Thomas: „Unter dem Milchwald“. Zitate sind erlaubt in der Literatur, müssen aber angegeben werden, sonst wäre es ein Plagiat! Da der Inhalt ein vollkommen anderer ist, besteht hierin keine Gefahr.
Frau: Worauf wartest du?
Mann: Ich warte auf nichts.
Frau: Wirklich nichts?
Mann: Nein.
Und du?
Frau: Ich?
Mann: Ja, du!
Frau: Na ja, ich weiß nicht… vielleicht kommt er vorbei.
Mann: Wer?
Frau: Jovis!
Mann: Warum?
Frau: Damit er etwas ändert, hier in diesem Ort – etwas voran bringt!
Mann: Pah!
Frau: Was soll das heißen, Pah?
Mann: Na, Pah!
Ändert sich nichts. Siehst du doch! Geht schon Jahre so, hundert Jahre!
Frau: Stimmt doch nicht! Ist doch oft ´was los hier!
Denk´ an den Markt, jedes Jahr! Der Ministerpräsident auf dem Balkon, ist das nichts?
Mann: Nein!
Frau: Nein? Aber früher, da war doch ´was los hier!
Es war doch ein ganz berühmter Ort!
Mann: Wann war das?
Frau: Im 19. Jahrhundert!
Mann: So!
Frau: Ja!
Mann So!
Wie lang ist das her?
Frau: Nicht sehr lange.
Mann: Lang! Sehr lang!
Frau: Sag´ doch mal, weißt du doch besser. Damals, der Kaiser, die Bergbahn!
Da war doch ´was los, oder?
Pause
Mann: Vielleicht nicht!
Vielleicht nur für die Reichen. Für die Armen nicht! Die mussten schuften!
Die Männer im Bergbau – Silber und Blei. Für ein paar Groschen! Starben mit 45 an der Bleivergiftung! Für das Silber, das die Männer aus dem Berg kratzten, ließen sich die adligen Reichen Silberbestecke machen, für das Blei Rohre für ihre Villen!
Die Frauen wuschen, bügelten, kochten, putzten, servierten –
und abends, da dienten sie der Lust der Herren, für einen Fünfer.
Aber sie rächten sich, ohne das zu wollen: sie steckten sie mit der Syphilis an. Alles hat schließlich doch seinen Preis!
Frau: Wann war das denn genau?
Mann: 1860, 1880 ungefähr.
Frau: Aber, Da waren doch auch berühmte Leute hier, halb Europa im Sommer, zur Kur!
Mann: Wer denn?
Frau: Musiker, Offenbach und so, Schriftsteller – kennst du nicht die Tafeln an den Häusern?
Mann: Nein, kaum.
Wer sieht das denn noch?
Frau: Der Zar jedes Jahr! Dostojewski!
Mann: Dostojewski?
Frau: Ein berühmter Schriftsteller!
Mann: Was hat er geschrieben?
Frau: Weiß nicht…
Mann: Siehst du – alles vergessen!
Schrieb und schrieb – und alles vergessen! Tot, alles tot. Liest niemand mehr.
Wie der Ort – tot!
Frau: Aber…
Mann: Kein aber.
Frau: Du meinst…
Mann: Ja, meine ich! Sie lesen nichts, gar nichts! Sie haben auch nie gelesen.
Große Pause
Frau: Jovis kommt nicht?
Mann: Nein – vielleicht – eher nicht…
Frau: Dostojewski!
Geht mir nicht aus dem Sinn.
Mann: Was sagt dir der Name?
Hast du doch was von ihm gelesen?
Frau: Nee, iss ja wohl ziemlich olle!
Mann: Siehste, tot! Liest niemand mehr.
Ich schon!
Frau: Was, ich schon?
Mann: Hab´ was von ihm gelesen.
Frau: Wirklich?
Mann: Ja!
Frau: Was denn?
Es gehen die beschriebenen Personen schlurfend und blind vorbei.
Mann: „Arme Leute“.
Frau: Stimmt, lauter arme Leute!
Mann: DAS BUCH HEISST „ARME LEUTE“!
Der Zar hat geweint, als er es las.
Frau: Echt? Worum geht´s?
Mann: Um arme Leute!
Frau: Wie hier.
Mann: Genau.
Frau: Und Nietzsche, was hat der geschrieben?
Mann: Zarathustra. Liest niemand. – Niemand denkt, niemand sieht ´was, blind! Ohne jede
Bildung.
Große Pause
Frau: Vielleicht kommt ja Jovis!
Mann: Nein!
Frau: Nein?
Mann: Verflucht, nein! Hier kommt niemand!
Pause
Frau: Aber… die Spielbank, das Theater, das schöne Kurhaus!
Mann: Leer.
Frau: Das kann doch nicht so bleiben!
Mann: Doch, bleibt so, NIEMAND!
Frau: Weltkulturerbe soll´ s doch werden!
Mann: Noch mehr Fahrradfahrer mit Bart und Helm!
Frau: Sei doch nicht so!
Mann: Bin ja kein Fahrradfahrer mit Helm!
Frau: Nee, Gott sei Dank!
Und die Bergbahn? Wär´ doch toll, oder?
Mann: Ja, wenn Jovis kommt.
Frau: Ja!
Mann: Aber er kommt nicht!
Pause
Frau: Was kostet denn die neue Bergbahn, was meinst du?
Mann: 5 Millionen, 10? Mir egal!
Gibt´ s ja nicht! Woher? Von Jovis?
Und wer will das schon?
Frau: Alle wollen das!
Mann: Wollen und Können sind zwei verschiedene Dinge.
Frau: Also, keine Bergbahn!
Mann: Ganz sicher nicht!
Frau: Es bleibt also so, die verrosteten Schienen, die zerschlagenen Kabinen, das fehlende
E bei der Schrift: heißt nur noch B rgbahn…
Mann: Es bleibt so, warum nicht? Alles geht zu Grunde, alles, wir selbst.
Frau: Aber, das ist doch schrecklich!
Mann: Ja!
Frau: Gott, was bist du scheußlich!
Mann: Stimmt. Fühl mich auch so hier!
Frau: Geh´ doch!
Mann: Ich geh´ auch.
Frau: Wann gehst du?
Mann: WANN GEHST DU?
Große Pause
Frau: Oder gehst du doch nicht?
Mann: Ich gehe nicht, wenn ich EINEN treffe, mit dem ich mich unterhalten kann.
Frau: Bin ich niemand?
Mann: Du bist EINE, mit der ich mich unterhalten kann, Gott sei Dank! Den EINEN habe ich
noch nicht getroffen.
Frau: Such doch!
Mann: Pah!
Frau: Was bist du pessimistisch!
Mann: Immer, wenn ich denke, mit DEM könnte ich mich unterhalten, bemerke ich, dass
sein Kopf nach hinten gewendet ist.
Frau: Nach hinten?
Mann: Ja, rückwärts! Ins 19. Jahrhundert! Wie willst du mit jemand reden, der nach hinten
schaut?
Frau: Versteh´ ich nicht!
Mann: Eben, ich auch nicht!
Von 1860 bis heute sind 155 Jahre vergangen.
Geschichte, Tote! Zerfallene und zerfallende Häuser. Der Lauf der Zeit! Staub!
Sie schauen rückwärts auf Staub!
Glaubst du, Jovis kommt für Staub?
Große Pause
Frau: Warten wir, er wird schon kommen!
Mann: Trinken wir ´was?
Frau: Was denn?
Mann: Bier vertrag´ ich nicht:
Frau: Ich auch nicht!
Mann: Lassen wir´ s!
Pause
Frau: Geh´ n wir heim?
Mann: Bald. – Vielleicht kommt Jovis doch noch!
Vielleicht hat ER ´was gelesen.
Frau: Vielleicht ist er einer der Fabrikanten hier im Ort. Die haben doch Geld! Und könnten
´was tun!
Mann: Spenden wahrscheinlich.
Frau: Wofür?
Mann: Für die Tafel?
Frau: Du meinst – sie kaufen Obst und Gemüse- kurz vor der Fäulnis?
Mann: Mag sein, so ähnlich! Ist doch schon ´mal ´was!
Frau: Jovis würde das nicht tun! Er würde richtig ´was spenden!
Mann: ´Ne Bergbahn?
Frau: Vielleicht, warum nicht?
Mann: Und dann? Stellen die Fahrradfahrer ihr Fahrrad unten ab und fahren auf den Berg,
immer mit dem Helm auf dem Kopp? Und kucken von oben runter. Sagen „ÄHM“
und fahren wieder hinab. Schön war´s.
Frau: Du bist wirklich fies! So negativ! Total negativ!
Mann: Find´ ich nicht! Bin nur realistisch. Ich mach´ mir nichts vor. Wird nie wieder ´ne
Bergbahn geben, nichts als Nostalgie!
Jovis kommt nicht, lass´ dir´ s gesagt sein!
Frau: Er muss kommen!
Mann: Hat er´ s versprochen?
Frau: Du bist nicht nur fies, du bist gottlos!
Mann: Stellen wir uns doch mal vor, was Jovis machen könnte, hier in diesem Tal: rechts ein
Bergwald, links ein Bergwald und in der Mitte der Nebel auf den Köpfen der Leute!
Frau: Was müsste er machen? Lass´ uns nachdenken. Als erstes müsste er den Nebel
vertreiben.
Mann: Den Nebel aus den Köpfen! Als Zweites den Eigendünkel und den Eigennutz.
Das ist nicht leicht. – Eine schwere Aufgabe für Jovis!
Frau: Es bräuchte also gar kein Geld, zunächst?
Mann: Nicht unbedingt! Gemeinsames Überlegen würde am Anfang genügen!
Und die Köpfe müsste er nach vorne drehen. Das wird ein wenig krachen,
wenn man mehr als hundert Jahre zurück geschaut hat.
Frau: Aber die Jungen, die schauen doch nach vorn!
Mann: Wie denn, wenn die Eltern und Lehrer nach hinten schauen. Die Jungen wenden
notgedrungen den Hals, bis er einrastet.
Frau: Man kann also nichts tun!
Mann: Doch, man könnte die jungen Leute bilden, klassische Musik statt Rap, richtige
Literatur, müsste ja nicht Schiller und Goethe sein, ginge ja auch Faulkner, Kapote,
Steinbeck – oder die Russen, Gogol zum Beispiel, sehr amüsant!
Statt Komikheftchen! – Ach was, Komikheftchen, längst out! Lesen nur noch face-
Book: „Bin gerade auf der Rolltreppe, echt total geil hier!“ so Sachen. Und abends
Mordserien im Fernsehen. Schon die Sprache primitiv – ekelhaft!
Der Ort verwaist. Ein paar Säufer und Chaoten auf den Straßen. Lass´ Jovis da hin
gehen und die Typen lehren!
Frau: Jovis kommt also nicht.
Mann: Du auf einmal so hoffnungslos! Die ganze Zeit hast du gesagt, Jovis kommt.
Warten wir doch!
Frau: Ja, warten wir!
Große Pause
Mann: Wir sind die Einzigen, die warten, hast du das schon bemerkt?
Frau: Die Anderen warten nicht?
Mann: Vielleicht warten sie. Vielleicht auf den Tod. Vielleicht doch auch auf Jovis,
um sie von ihrer geistigen Leere zu erlösen…
Frau: Du wirst doch nicht am Ende religiös?
Mann: Ich habe von den Anderen gesprochen, nicht von mir! Ich glaube nicht an die
Erlösung, wovon auch? Vom geistigen Elend? – Nicht betreffend! Vom Erden-
Dasein? Dann bin ich tot! Will ich aber nicht, noch nicht!!
Und nach dem Tod, wovon Erlösung? So viele Sünden hab´ ich nicht!
Also Erlösung von diesem verlorenen Ort?
Frau: Also gehst du doch!
Mann: Bald. - Wenn Jovis gekommen ist, gehe ich auf jeden Fall sofort, unverzüglich!
Ich will nicht sehen, was er tut! Vielleicht etwas Schlimmes! Er könnte aus Zorn
den Ort vernichten!