Trouville oder die Offenbarung – Erzählung von René Avold
Im Alter von 13 Jahren, 1954, schickten mich meine Eltern als Feriengast allein mit dem Zug nach Paris, Gare del Est. Ich trug einen hellgrauen Flanellanzug mit kurzen Hosen und war ein ziemlich kleiner, braver und dummer Bub. Ich stieg, wie alle Leute, aus und erwartete, von der französischen Familie abgeholt zu werden. Nach und nach leerte sich der Bahnsteig, bis ich ganz alleine neben meinem Köfferchen stand. Ich war nicht beunruhigt, ich wartete einfach. Schließlich, nach einer guten halben Stunde, kam mir vom Ausgang weit vorn eine alte Frau entgegen, fragte mich nach meinem Namen und nahm mich mit in die Bahnhofsmission, sie wies mir einen Stuhl an und reichte mir Tee. Ich verstand kein Französisch, in der Schule hatten wir seit drei Jahren Latein, aber noch kein Englisch oder Französisch, erst nach den Ferien sollten Griechisch und Englisch hinzukommen.
Nach einer weiteren Stunde erschien ein Paar, er ein recht alter Mann mit Schnurrbart, Zahnlücke und Zigarette auf der Unterlippe, ein beret basque auf dem Kopf, sie deutlich jünger, mollig und stark blondiert.
Wie ich später erfuhr hatte der Mann, der ein hoher Polizeibeamter war, inzwischen meine Eltern angerufen, um ihnen mitzuteilen, dass ich nicht angekommen sei! Jetzt aber nahmen sie mich freundlich mit, ich stieg in einen großen, schwarzen Citroen, mit den sie lange durch ganz Paris fuhren an den berühmten Sehenswürdigkeiten vorbei: Tour Eiffel, Les Invalides, Pantheon, Arc de Triomphe, Champs Élyssées…
Danach, es war schon 7 Uhr abends, hielten wir vor einem alten Haus in der Innenstadt, stiegen drei Treppen hoch in ihre Wohnung. Diese war eine weitere Überraschung, denn die Wohnung bestand nur aus einem größeren Raum mit Tisch, Stühlen und Kredenz. Die Schlafräume für Eltern und Kinder waren lediglich schmale Alkoven in der Wand mit offenen, dünnen Vorhängen. Neben dem Eingang der Wohnung gab es noch eine kleine Küche sowie eine Toilette, die ebenfalls nur mit einem Vorhang von der Küche getrennt war.
Nun erhielt ich ein Sandwich, bestehend aus trockenem Baguette, viel Butter und einer Scheibe Kochschinken. Da ich kein Wort französisch konnte, außer bonjour und merci, und beide kein Deutsch, konnten wir nur mit Gesten und begleitenden fremden Wortfetzen kommunizieren. Ein wenig französisch hätte ich vor den Ferien wohl lernen sollen, doch niemand forderte mich dazu auf.
Nun stiegen wir wieder in den Wagen und fuhren aus der Stadt in einen tief gelben Abendhimmel, ich schlief bald auf dem Rücksitz ein. Als der Wagen hielt, waren wir in Trouville angekommen, mitten in der Nacht.
Eine Frau mittleren Alters empfing uns, sie brachte mich in ein Zimmerchen, nachdem der Mann und die Blondine abgefahren waren. Und ich verstand, dass der Vater der Kinder, Monsieur C. mit seiner Freundin, Mme. la Maitresse, die Ferien verbrachte.
Am nächsten Morgen lernte ich Madame C. und die drei Kinder kennen: Joel, hoch aufgeschossen und 14 Jahre alt, Robert, 12 Jahre und Nadine, 10 Jahre, die immer so neugierig war, wenn ich später irgendwo am Strand hinter den Felsbrocken mein unschuldiges Wässerchen ließ. Zum Frühstück, und auch dies war völlig anders als bei uns, gab es Kakao in der Boule, dazu Baguette, vom langen Laib abgerissen und dick mit Butter beschmiert. Das wurde dann in den Kakao getunkt und laut schmatzend und schlürfend verspeist.
Gleich danach rannten wir zum nahen Strand bei Ebbe, ein Anblick fürs Leben: sechs Kilometer gelber Sand, in der Tiefe, nicht in der Breite! In der Breite sind´s wohl nur 1000 Meter, dann begrenzen rechts Felsen und ein ansteigender Berg den Gang, auf der linken Seite das umzäunte Freibad mit Sprungturm und der Hafen, der aus einem schmalen Kanal besteht und bei Ebbe trocken fällt.
In den folgenden vollen sieben Wochen, die deutschen Ferien betrugen nur sechs Wochen, die in Frankreich viel länger, gehörte der Strand und alles umher uns und einigen anderen französischen Buben. Wir suhlten im warmen Sand, wir gruben uns ein, wir bauten lange Bahnen mit Kurven und Schikanen für unser Murmelspiel, wir schwammen bei Flut…
Wenn die Flut da war, kamen auch die Fischerboote in den Hafenkanal, machten fest und luden reichlich Fischkisten ab. Dann durften wir an Deck umherlaufende Krabben nehmen, die Maman zubereitete. Gegen fünf Uhr sammelten wir uns immer in der Spielhalle am Strand, spielten babyfoot (Tischfußball) und Flipper und beobachteten die Älteren, die sich mit ihren Mädchen trafen und diese - sehr zu meiner Verwunderung – auf den Mund küssten. Meine 50 DM Taschengeld waren schnell verflogen, meine Tanten, denen ich lange Briefe schrieb, schickten mir etwas Nachschub.
Mittags gingen wir kurz heim, aßen traditionell steak - frites und Salat, den Madame in einem Drahtnetz auf der Gasse schleuderte. Am Nachmittag zog sich Madame ein Sommerkleid an mit dem dünnen, weißen Strickjäckchen um die Schultern, legte Rouge auf und ging aus. Das Haus war dann bis halb sieben geschlossen, auch für uns.
Abends gab es Baguette mit Schinken und Käse, und so lernte ich schnell die ersten Worte: fromage, jambon… Unter der Anrichte stand eine Schachtel mit herrlichen Madelaines zum Nachtisch. Wir waren hungrig nach einem ganzen Tag am Strand!- Das Haus war nur für die Ferien gemietet, ein schmales, altes normannisches Backsteinhaus mit Wendeltreppe und je einem Zimmer auf jeder Etage.
Diese sieben Wochen waren die längsten und erholsamsten Ferien meines Lebens.
Doch eines Tages lag ich allein am Strand und sah in ein „Tintin“-Heftchen von HERGÉ. Ich versuchte vergeblich, den Text zu lesen, verstand aber nur die Schimpftiraden des „Kapitäns“ (tonnere de tonnere de Brest!). Ich betrachtete die wunderbaren Zeichnungen und lernte daraus. Wenig entfernt von mir lag in einem Liegestuhl eine jüngere, kräftige Frau, die mich ansprach in perfektem Deutsch: „Bist du Deutscher? Weißt du, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben? Sie haben sechs Millionen Juden aus ganz Europa auf bestialische Weise getötet, erschossen, vergast, gequält und verhungern lassen in Konzentrationslagern! Hat dir das niemand erzählt zu Hause und in der Schule?“
Ich war tief erschüttert, ich war beschämt und fühlte mich schuldig, einfach, weil ich Deutscher war. Das Thema hat mich nie wieder losgelassen. Ich habe viel darüber gelesen, in jüngster Zeit noch den Bericht von Ruth Klüger, die knapp Auschwitz-Birkenau, das Vernichtungslager (nicht das einzige!) überlebte im gleichen Alter, in dem ich damals in Trouville war. Und das Büchlein von Marcelline Loridans-Ivens. Nein, niemand hatte uns im Elternhaus oder der Schule dies je erzählt, auch das fand ich beschämend. Bis zum Abitur hat uns kein Lehrer darüber aufgeklärt, sie waren wohl alle belastet. Mutter, später auch der Vater Ende der 50iger Jahre sprachen die „Reichskristallnacht“ und Judentransporte an, Vater auch mal die Ermordung Behinderter, Schizophrener und anderer psychiatrisch Kranker.
Mit 13 Jahren von einer Jüdin aufgeklärt, denke ich noch immer über die Gründe dieses ungeheueren Verbrechens nach. Zu was ist der Mensch fähig! Jetzt, im Alter erst, beginnen sich die Ursachen zu erschließen.
Stimmt, ich habe jetzt breit mit einer Jugendgeschichte begonnen und gewartet, um das zu sagen: Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot und viele andere wie Karadzic, waren geborene Massenmörder, Mord war ihre größte Freude. Alice Miller hat nicht recht! Nicht die Tatsache, dass Hitler wie Stalin von ihrem Stiefvater oder Vater geprügelt und misshandelt wurden, hat sie zu Massenmördern gemacht: Es ist angelegt, es ist „konstitutionell!“ Dieses Wort hat vor kurzem der Psychiater des Jugendgefängnisses in Zürich in einem Artikel der FAZ benutzt. Er berichtete über einen noch jugendlichen Sexualmörder, der schon als Kind Tiere, später seine Schwester quälte und mit 17 seinen ersten Sexualmord beging, ohne je schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Und was heißt nun konstitutionell? Das heißt genetisch! Diese Menschen sind genetisch Mörder. Es wird hohe Zeit, dass wir uns dieser Tatsache stellen.
Meine Gestalt, die Form meiner Nase, meine Begabung als zeichner und Maler sind genetisch. Eine Linkshändigkeit ist genetisch bedingt. Man wird ohne Zweifel bei allen Mördern, bei allen Massenmördern eine genetische Variante finden, wenn man nur danach forscht. Genetisches Material von Stalin, auch von Hitler und Mao, von Karadzic, von Anders Breivik ist noch da. Sucht danach!
Und schreitet ein mit allen Mitteln, wenn Mörder, wenn Massenmörder auftauchen, Beispiele gibt es genug.