Stalins Ende Schauspiel von René Avold
Stalins Ende Schauspiel von René Avold
Das Stück bezieht sich ausdrücklich auf F.M. Dostojewski: „Böse Geister“, früher mit Dämonen übersetzt.
Alexander Solschenizin: „Die Eiche und das Kalb“
Lew Kopelew: „Aufbewahren für alle Zeit“
Warlam Schalamow: „Künstler der Schaufel. Erzählungen aus Kolyma 3“
General El Campesino: Die große Illusion
Und ganz speziell auf
Jörg Baberowski: „Der rote Terror“
Ein kurzes Vorwort
Was Stalin spricht, ist ihm in den Mund gelegt, allem liegt jedoch ein wirkliches, historisches Geschehen zugrunde, das in der genannten Literatur erwähnt ist: Die Konfiszierung des Getreides und der Kartoffeln bei den Bauern, vorwiegend in der Ukraine, die tausendfache Erschießung der „Kulaken“ (etwas wohlhabendere Bauern), die „Säuberungen“, d.h. Erschießungen und massenhaften Verurteilungen zu sibirischer Lagerhaft, Menschen, die Stalin und seinen mordenden Schergen im Sowjetsystem unliebsam waren oder gefährlich schienen, insbesondere ethnische Minderheiten jeder Nation, nicht nur die polnischen Offiziere und Intellektuellen bei Katyn – ein mörderisches Schreckensregime, das es in der Geschichte nie in diesem Maße gegeben hat – und das noch immer vielfach unbekannt ist und in Russland niemals aufgearbeitet wurde.
Die Zahlen der Ermordeten auf Befehl Stalins, der regelmäßig die Todeslisten abzeichnete,
geht an die 50 Millionen, wohl einschließlich der verhungerten und erfrorenen Zivilbevölkerung und Lagerinsassen. Zusätzlich 25 Mio gefallene Sowjetsoldaten, die beide, Hitler und Stalin, zu verantworten haben.
Bei den Lagern handelt es sich um Vernichtungslager, wie später bei Hitler. Woher dieser die Idee wohl haben mochte?
Zur Zarenzeit war der Vernichtungswille nicht vordergründig, wenn auch der massenhafte Tod durch Kälte, Hunger, Prügelstrafen und Krankheiten – die Tuberkulose grassierte dort –
dazugehörte. (F. M. Dostojewski: Aus einem Totenhause)
Auch heute gibt es in Russland, der direkten Nachfolgerin des Sowjetsystems, weiterhin Lager, etwa mit dem gleichen Zweck, wie zur Zarenzeit, nämlich nicht nur Ganoven, sondern auch politisch unliebsame Personen verschwinden zu lassen (Chodorchowski, Pussy Riot) und ebenso gefährlich für leib und Leben. – es gibt ja auch einen neuen Zaren, aus dem KGB hervorgegangen, mit allen Befugnissen und ohne jedes verläßliche Rechtssystem.
Hitler soll viel gelesen haben, wohl nicht aus literarischen, sondern aus teuflischen Interessen, um die Methoden totalitärer Macht kennen zu lernen. Er hat tatsächlich sehr viel übernommen von den Methoden, die schon in der frühen Sowjetzeit und besonders unter Stalin in den Zwanziger und Dreissiger Jahren (und natürlich bis zu seinem Tode) verwendet wurden.
Sogar sein National-SOZIALISMUS ist eine Imitation, ebenso der Personenkult und die unbeschränkte Macht der Geheimpolizei.
Immer werden viele Fragen an dieser schrecklichen, europäischen Geschichte offen sein, z.B. die Frage, welchen Einfluß das Schreckensregime der Französischen Revolution mit 200.000 Ermordeten, nicht nur in Paris mit der Guillotine, sondern beispielsweise in Lyon mit Massenerschießungen in Gräben hinein, auf die späteren Akteure im 20. Jahrhundert hatte und wie weit schon Karl Marx von diesen Ideen infiziert war.
Dostojewski hat den Mechanismus dieser Macht in „Böse Geister“ beschrieben und vorausgesehen: möglichst Viele zu Mitschuldigen am Mord zu machen, um sie umso fester an die Machthaber und ihre Verbrechen zu binden.
Es ist mir auch noch immer unbegreiflich, wie die Verbrechen Stalins bis weit in die 60 er Jahre im Westen recht unbekannt waren, so unbekannt, dass Intellektuelle wie Sartre oder – kürzer - Picasso, um nur zwei zu nennen, lange an ihnen festhielten und sich noch heute die Partei des derzeitigen französischen, völlig glück- und ahnungslosen Präsidenten, sozialistisch nennt. Offensichtlich wissen sie gar nicht, wovon sie reden!
Historiker mögen diesen Fragen nachgehen. Es wird mehr als eine Promotionsarbeit sein!
René Avold
Im November 2014
Personen
Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili. Nannte sich Stalin (der Stählerne)
Boris, sein Diener
Lawrenti Pawlowitsch Berija, Geheimdienstchef
Georgi Maximilianowitsch Malenkow, hohe Führungsperson unter Stalin
Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, hohe Führungsperson, Nachfolger
Nikolai Alexandrowitsch Bulganin, hohe Führungsperson, Regierungschef unter Chruschtschow
Das Stück beginnt mit dem Film einer großen Militärparade auf dem roten Platz zum sowjetischen Nationalfeiertag am 7. November.
Stalin, Bulganin, Malenkow, Berija, Chruschtschow und andere Größen der Sowjetunion neben den Generälen grüßend auf der Tribüne. Die dazugehörige Musik, ziemlich laut über mehrere Minuten.
- Akt
Stalins Datscha. Man sieht lange Stalins „living room“. Das Bühnenbild ist sehr wichtig: Es muss den ganzen Muff der 40 er und frühen 50 er Jahre zeigen.
Später Nachmittag. Großer, gut beleuchteter Bühnenraum, um die Gestik und Mimik der handelnden Personen erkennen zu können. - Bretterboden. Links vorn eine breitere Tür, durch die später die Gäste kommen werden. Weiter nach hinten eine alte Kredenz, oben mit Glastüren für die Gläser, einer (ausziehbaren?) breiten Platte, unten mit Türen und innen Fächern für Teller, Tischdecken usw. Hinter der Kredenz eine schmalere Tür, durch die der Diener Boris und später auch Stalin selbst den Saal betreten und verlassen.
An der Stirnseite des Raumes eine einfache Standuhr, vorn mit Glas. Daneben ein gusseiserner Ofen mit langem, schwarzem Rohr, das oben durch die Rückwand geht. Kohlenschütte. Auf dem Ofen ein Samowar.
An der rechten Seite des Raumes hinten ein Tisch, der als Schreibtisch dient – ein schwarzes und rotes Telefon – darüber ein Regal an der Wand mit mehreren, unterteilten Fächern, darin Stapel von Papieren. Auf dem Schreibtisch ebenfalls Papiere, unordentlich, außerdem ein Stapel „Prawda“, gefaltet und offensichtlich ungelesen. Hässliche Stehlampe mit gelblichem Schirm. Lederner Papierkorb.
Weiter vorn an der rechten Seite des Raumes mehrere, vergitterte Fenster, durch die man zu Beginn kahle Zweige von Bäumen sieht, beginnende Dämmerung. Rote, schwere Vorhänge, teilweise zugezogen.
Weiter vorn rechts eine alte Liege aus abgewetztem, braunrotem Leder, ekliges, gelbliches Kissen.
In der Mitte des Raumes steht ein großer Tisch mit je zwei Stühlen an den Seiten und je einem Stuhl an den Stirnseiten. Der Tisch ist bedeckt von einem fleckigen, weißen Tischtuch, schmutzig vor allem am Kopfende, Stalins Platz.
Der Zuschauer soll lange Gelegenheit haben, das Bühnenbild in seiner ganzen kleinbürgerlichen Scheußlichkeit zu betrachten.
Das Stück muss gesprochen werden wie eines von Beckett, sehr langsam mit großen Pausen.
(Weitere Ähnlichkeit mit Becketts Stücken besteht aber nicht – es handelt sich um einen historischen Stoff mit historischen Personen!)
Boris, Stalins Diener, huscht durch die kleine Tür. Er trägt eine schwarze Hose, die schon bessere Tage gesehen hat, eine offene, schwarze Weste und eine weiße Bluse.
Er blickt in die Runde, kontrolliert den Raum.
Boris geht zum Schreibtisch. „ Die Listen! – Später!“
Er öffnet den Vorhang des dem Schreibtisch nächsten Fensters. Niest wegen des Staubes. Räumt vom Tisch einen Aschenbecher mit Pfeife weg und ein Wodkaglas. Blickt angewidert auf die Tischdecke. Geht zum Ofen, rüttelt am Hebel unten. Stöhnt auf und verschwindet lautlos durch die kleine Tür.
Nach geraumer Zeit erscheint Stalin durch die gleiche Tür. Er trägt eine weite, hellgraue Hose, die vorn im Schritt links einen 5x5 cm großen, nassen Fleck hat sowie eine weinrote Samtjoppe, offen. Eine wenig bestickte, weiße Bluse mit Flecken vorn.
Er geht im Zimmer mit langsamen Schritten auf und ab, dabei zieht er das linke Bein außen herum nach (Gangbild Wernicke-Mann nach Schlaganfall). Der Arm und die linke Hand sind nicht wesentlich gelähmt, der linke Arm aber verkürzt nach einem Unterarmbruch mit nachfolgender Osteomyelitis, wahrscheinlich nach schwerer Misshandlung durch seinen Vater. Beide Hände zittern manchmal beim Heben eines Glases oder einer Gabel, jedoch nicht sehr auffällig. Er ist erstaunlich klein – oder klein geworden, der Rücken rund, leicht gebeugt.
Das Gesicht ist rot, die Lippen bläulich: ein alter, kranker Mann, mit dem man Mitleid haben könnte, wäre es nicht Josef Stalin…
Er spricht vor sich hin, leise, aber deutlich und bestimmt, manchmal sehr laut.
Die Inkontinenz des inneren Monologes! Alles sehr langsam!
Er geht zum Schreibtisch, setzt sich, setzt bedächtig eine Brille auf, blättert in Papieren.
„Die Listen, immer diese Listen! Weg damit, Kakerlaken.- Zertreten!“
Er unterschreibt zwei Listen mit Namen – Todeslisten!
„Früher mehr – hundert und mehr – am Tag! – Von Jagoda – und Jeschow…
Volksfeinde! – Alles Feinde der Arbeiterklasse – fremde Agenten – Konterrevolutionäre – Kulaken – Kakerlaken!“
Stalin spricht abgehackt, macht oft minutenlange Pausen, in denen er ins Publikum starrt.
„Jagoda – welch hinterlistiger Hund! – Lange tot – vernichtet – gefährliche Schlange – der!“
Er tappt wieder durch den Raum, um den Tisch, zupft an der Joppe, bohrt in der Nase, reißt ein langes Haar aus dem Nasenloch und hält es unters Licht.
„Heute Abend kommen sie – zum Essen – meine Mitarbeiter – und Freunde!“
Er lacht kurz: „Ha!!“
Laut: „ES GIBT KEINE FREUNDE! - NIEMAND HAT FREUNDE! (Pause) Speichellecker – alle vier! –
Spekulanten – Spekulanten um die Macht! – Sie belauern sich gegenseitig. – Sie gegeneinander ausspielen – so bleiben sie gefügig!“
Dass ich das noch immer…“ Pause
Er greift sich an den Kopf.
„Diese Kopfschmerzen – dieses innere Zittern!“
Er geht zum Schreibtisch, bückt sich schwerfällig, holt darunter eine Flasche Wodka hervor und trinkt daraus, einmal, zweimal. Stößt auf.
„Gut! – Wird schon besser werden!“
Nimmt noch einen Schluck und stellt die Flasche wieder weg.
Laut: „ZUM TEUFEL! – MAN KÖNNTE UM SICH SCHLAGEN!!“ Große Pause.
„Diese Einsamkeit! – Von Swetlana auch lange nichts gehört – alte Hure“ – Pause
„Jung müsste man noch mal sein – jung – voller Energie – Ideen – und Kraft!“ Pause
Der Einbruch mit Andrei und Jewgeni --- Mutter und Tochter – hübsches Ding – schwarze Locken, hohe Brust!
Die Mutter schnell erledigt – dann die Tochter…
Ich war 17, Andrei 19. – Er zuerst! – Ich hielt ihr den Mund zu.
Dann ich – zuletzt Jewgeni…
Sie lag auf den Knien dann – versuchte, sich aufzurichten –
Andrei schoss ihr zwei Kugeln ins Herz – die Pistole mit Fußlappen umwickelt – das dämpft den Knall –
Zwei Rubel haben wir erbeutet –
Jewgeni erhielt nichts – außer einem Schlag in den Magen – da hast` deinen Rubel!“
Pause
„War am Rande des Dorfs – keiner hat´s gemerkt – wir waren schnell weg.-
Geht zum Fenster und starrt hinaus in die Dämmerung.
„Dass wir die Kirchtürme haben stehen lassen!
Aber die Popen – die haben wir nicht stehen lassen! – Alle erledigt - - Sibirien – oder gleich tot geschlagen – das Geschmeiß!“ Pause
„Wenn man bedenkt – im Priesterseminar! ...“
Pause
„Jetzt gehen die alten Weiblein an den Kirchen vorbei und getrauen sich nicht, sich zu bekreuzigen –
Werden sonst gleich kassiert!“
Große Pause
Sehr laut: „GOTT! GOTT!! - Hier, in diesem Land – von Wladiwostok bis Berlin,--
Vom Nordmeer bis zum Schwarzen – und weiter nach Asien – gibt´s nur EINEN, dem gehuldigt wird – überall! Bis in alle Ewigkeit!!
AMEN!!“
Durch die kleine Tür schaut vorsichtig Boris herein.
„Väterchen, brauchen Sie etwas?“
„NEIN – GEH!“
Boris schließt geräuschlos die Tür.
„Die Zaren – sie waren nicht konsequent – alle Feiglinge! – Wie viel haben sie ihm gegeben, dem Fjodor Michailowitsch – Dostojewski?“ Pause. „Vier Jährchen Lager – und ein bisschen Verbannung?“ Pause. „Und der – der Medizinstudent – wie hieß er gleich? – Warlam Scharlatan? – Der das Plakat „NIEDER MIT STALIN“ hochhielt, - der Idiot!
Das volle Maß! – 25 Jahre Kolyma! –
Weiß nicht mehr, wer mir die Geschichte überhaupt erzählt hat – eine winzige Episode –
Dass ich mich daran erinnere! –
Sicher lange tot – verhungert – erfroren – minus 50 Grad im Winter – monatelang!“
Pause
„Kohlsuppe! – Wie kann man nur so dumm sein – sieht nicht die Zeichen der Zeit!“
Pause
Sehr laut; „MEINER ZEIT!“
Große Pause
„Hitler – ja, der dachte, wie ich! ---- Nationalsozialismus! – Dass ich nicht lache! –
Sein Sozialismus war so viel wert, wie meiner!“ Pause
„Eine Ausrede – ein Alibi!
Karl Marx – ein deutscher Fantast – ein Romantiker!“ Große Pause.
„Es gibt keine Gleichheit unter den Menschen – nur im Tod! --- Der Genickschuß ist bei allen gleich!“
Pause.
„Ob sie die Kulaken in den Wäldern einzeln erschossen haben – oder mit Maschinengewehr?“
Pause.
„Müßte Jeschow fragen ---- selbst erschossen worden – der tollwütige Hund!
Lange her. (Pause) Ist ja auch egal!
Es gibt keine Gleichheit unter den Menschen!
Im Lager ja – in der Kolchose – sind sie gleich – nichts wert – Maschinen! – Arbeitstiere – weniger als ein Pferd!“
„Mein Hirn! – mein armes Hirn!“ Pause
„Dreht sich im Kreise – seit dem Schlag…
Davor – klare Gedanken
Chaos – pures Chaos jetzt!“
Große Pause
„Die Ärzte – sie taugen nichts! – NICHTS!!“ Pause.
„Sind vielleicht zu viele gefallen, erschossen worden von den Deutschen – und von uns selbst bei den Säuberungen…
Blödsinn! – Wie kann man ein Land voranbringen, wenn man die intelligenten Leute beseitigt?!“
Laut: „Aber sie waren ja Feinde – lauter antisozialistische Volksfeinde! – Wurzellose Kosmopoliten!“ --- leiser: „Jetzt haben wir die Idioten nur noch! --- Nur noch die Idioten….“
Große Pause
Umhertapsen. Räuspern. Blick zum Wodka unter dem Schreibtisch, Blick zur Decke, Stöhnen usw.
„Ich schlafe nicht! – Fast gar nicht! – Erwache mit rasendem Puls und dem grässlichen Zischen in den Ohren – im Kopf – jede Stunde! --- Liege wach – und der alte Unsinn im Kopf dreht sich – immer wieder dieselben Sachen – von früher.
Und was gibt er mir? - BROM! NICHTS ALS BROM! – IMMERZU BROM!! (sehr laut)
Leiser: „Und morgens todmüde.- Was gibt er mir? – Pervitin! – Der Hund!
Zum Teufel! – Will mich vergiften!
Muss ihn austauschen – den Doktor Schwachkopf!“
Große Pause
„Hätte man wirklich was Ernstes, müsste man nach London – inkognito – da sind sie heiß auf´s Geld, die Ärzte! – Aber sie können vielleicht was…
Unsere können nichts – NICHTS (laut)!“
„Gott sei Dank ist es nichts Ernstes - - ein Schlaganfall vor vier Jahren, - längst überstanden –
Kann Jeder kriegen! –
Gut – pissen kann ich auch nicht! – Jede Stunde aufstehen – ein dünnes Strählchen – mein Gott!“
Große Pause
„Wieso dauernd Gott? – Warum hilft er mir nicht?“ Pause. Hüsteln. Ups usw.
„Elender Mistkerl! – Gibt´s gar nicht – reine Erfindung alter Weiber und schwuler Priester!“
Pause
„Schad´eigentlich!“
Pause
„Wollen realistisch bleiben: Es zählt nur die Macht! – Die pure, rohe Macht! – Darum ging´s!
Lenin hatte das schon verstanden – war nicht konsequent genug – Trotzki auch nicht – musste sterben deshalb – in Mexico ------ Eispickel!“ Pause.
„Hitler hat´s verstanden.- Pure Macht!“ Pause.
„NUR MIT DER GANZEN MACHT KANNST DU WAS VERÄNDERN!“ (laut)
„Aus einem so rückständigen Land - - wie hoch war eigentlich der Anteil der Analphabeten?? – ein Industrieland –eine Atommacht – ein Weltreich zu machen --- darum ging´s!
Nur darum!!
Und das geht auch nicht mehr zurück, - hab´s durchgesetzt!
Pure Macht!!
Muss halt Mancher leiden, der´s nicht versteht – muss weichen der Macht!“
Große Pause
„Im Mausoleum – später – einbalsamiert – besser als ein Pharao – hält ewig!“
Große Pause
„Er wollte mich besiegen – er hat mich beinah´ besiegt --- Jetzt hab´ ich ihn besiegt – und um Jahre überlebt!“
Große Pause. Umhertapsen, wirre Gesten…
„Was wollte der? – Sozialismus? – Nein --- alles nur eine Kopie!
Die EINE Partei (Pause)
EIN WORT – ein Mord! – Alles nur Kopie!
Selbst die Lager ---- in Deutschland gab es nie Lager vorher – soweit ich weiß –
Dann Lager vom ersten Tag an!
Später Vergasungen ---- (Pause)
Hatten wir nie nötig. – Bei uns genügt Sibirien, --- Kolyma.
Die Kälte tötet von allein –
Niemand macht sich schuldig –
Alles normale Urteile.-
Verurteilt als Feind der Arbeiterklasse! –
Ein halbes Maß – ein ganzes – 25 Jahre…..
Wer überlebt das denn schon?“
Pause
Von 100 000 Mann aus Paulus´ Armee hat das allenfalls ein Viertel überlebt – bisher!“
Große Pause
„Was wollte der eigentlich – der Hitler? --- Mit unseren eigenen Methoden? –
Ein europäisches Reich – vom Atlantik bis zum Ural?
Und dann?
Wie lange hätte er es halten können mit seinen wenigen Leuten – und immer weniger –
Gegen uns – und die Amerikaner? --- Das wusste er ja!“
Pause
„NEIN, das war´s nicht, das muss es nicht gewesen sein!“
Große Pause
Trappelt um den Tisch, schaut um sich, hustet, greift sich in den Schritt.
Geht unsicher zum Schreibtisch, nimmt aus dem Regal einen Beutel mit Pfeifen und eine Büchse mit englischem Tabak. Stopft eine große Pfeife, zündet umständlich mehrere Streichhölzer an. Pafft.
„Alter Tabak – trocken – ekliges Zeug!
Kann ich auch nicht mehr vertragen!“
Hustet mehrfach.
Pause
Schreit: „WAS KANN ICH EIGENTLICH NOCH VERTRAGEN?“
Boris schaut vorsichtig zur Tür herein.
„Väterchen, kann – kann ich den Tisch decken – die Gäste kommen bald?“
„Meinetwegen! Mach´ keinen Lärm!
Ich muss nachdenken!“
Boris deckt in Windeseile lautlos den Tisch: frische, weiße Decke, Teller, Bestecke und Gläser aus dem Schrank und verschwindet.
„Wo war ich? – Hitler --- Hitler, das Schwein! –
Nein – ihm ging´s nicht um das europäische Reich!“
Pause
„Wie lange denke ich schon darüber nach?
Lange Pause
Vielleicht ging´s ihm um das Böse an sich?
Unsterblich werden als der BÖSE – der ABSOLUT BÖSESTE?
Böser als Zar Ivan?“
Pause
„An mich wird man sich erinnern in vier hundert Jahren – als Erneuerer Russlands -----
An IHN ----- in tausend Jahren – als den Superlativ des BÖSEN!“
Große Pause
Leiser: „ So hat er mich also doch besiegt! – DARIN hat er mich besiegt!!
Große Pause
Trappeln. Greift wieder in den Schritt.
„Obwohl meine Zahlen – nicht kleiner als die seinen!“
Pause
„Die Engländer mit ihren Bomben – General Harris –
In kleinen Städten 18000 Tote in einer Nacht! – Verbrannt zu Kohle!
In Dresden in zwei Nächten sollen´s 35000 gewesen sein – das Zehnfache wahrscheinlich –
Die vielen Flüchtlinge vor der Roten Armee!...
Hat das alles akzeptiert – der Hitler, - und nicht aufgegeben!“
Pause
„Warum?
Er muss es so gewollt haben!- Brauchte noch Zeit zum Vergasen!
Soll sich Fotos von den Trümmern Hamburgs angesehen haben – schöne Fotos im Sonnenschein – farbig!“
Große Pause
„Unsere Kriegsgefangenen in Deutschland 45 – alle ins Lager – ab nach Sibirien –
Tausende!
Alle erfroren.-
Kam keiner zurück!“
Pause
„Und der Weißmeerkanal? – Mit Pickel und Schaufel – Tausende von Häftlingen –
Extra verhaftet-
dann betoniert – ihre Knochen halten den Beton! –
Fährt kein Schiff dort – zu schmal – zu oft zugefroren –
Aber das wusste man ja nicht!
Ein Jahrhundertprojekt, so war´s gedacht! –
Ein Jahrhundertgrab – was soll´s!
Alles für´s Volk - für die Partei –
Für die Idee…“
Große Pause
Mehrfach Räuspern. Sieht intensiv ins Publikum, weit offene, fragende, hilflose Augen…
„WAS FÜR ´NE IDEE? (Pause)
WAS FÜR ´NE IDEE?
Den Friedensnobelpreis haben sie mir doch nicht gegeben – die Narren!“
Große Pause
„Ja, Jascha – hübscher Bub – blond. –
Blond? – Vielleicht gar nicht von mir?
Wer kann da sicher sein?
Konnte nichts tun –
Wollten ihn austauschen gegen Paulus –
Pah – ein Feldmarschall gegen einen einfachen Soldaten –
Hat sich in den Elektrozaun geworfen, der dumme Kerl –
In Sachsenhausen.-
Hätte ja fliehen können! –
Ich bin mehrfach geflohen aus der Verbannung in Sibirien –
War auch nicht gefahrlos –
War halt kein ganzer Kerl, der Jascha!“
Er tritt wieder ans Fenster neben dem Schreibtisch. Mondnacht.
„War lange nicht draußen!
Wozu auch! –
Nur bei der Parade bin ich dabei ---- mein Doppelgänger!
Sieht gut aus auf Fotos – wie ich vor 15 Jahren…“
Pause
Sehr laut: „WAS FÜR EIN HUNDELEBEN, TEUFEL UND TEUFEL UND TEUFEL!“
Beugt sich, wie zum Erbrechen.
„Muss das ändern! –
Mal auf der Krim spazieren – auf der Mole im Sonnenschein –
Ach was, viel zu gefährlich! – Schießt mich einer nieder – ein Tatar –
Alle umgesiedelt – die Männer – die, die übrigblieben – nach Sibirien –
Die Weiber und Kinder nach Kasachstan – im Winter verhungert –
Und mit dem Bein!
Man wird über mich lachen – womöglich!
Der Nimbus dahin – Stalin,
GOTTSTALIN – gelähmt!“
Leiser: „Sterblich – wie alle?!
Man berichtet mir hier –
Alles!
Pause
Nachher kommen sie mit ihren Plänen, ihren Statistiken ---
Alles gefälscht!
Niemand sagt mir die Wahrheit –
Will´s auch gar nicht wissen!
Wenn mir die Zahlen zu klein sind –
Zu wenig Traktoren – Schweinehälften –
Einfach eine Null dran – verzehnfacht!
Steht dann in der Prawda am nächsten Tag –
Alles gelogen –
Heißt nicht umsonst: gelogen, wie gedruckt!
Alle Zeitungen der Welt lügen,
Kein Wort von wahr! –
Aber die Leute glauben es – und darum geht´s!“
Pause
„Und nächste Woche noch bessere Zahlen –
Noch mehr Traktoren! ---
Sie kommen mit ihren Mappen,
Sie lassen mir ihr Geschmiere da -----
Ich les ´es gar nicht – seh an ihren Gesichtern besser, wie´s wirklich steht –
Noch immer nicht genügend Korn für Brot –
Einführen aus Canada – kaum Fleisch oder Milch“ -
Pause
„Wie könnte man Millionen von kleinen Bauern befehlen, was sie zu produzieren haben?
Ohne sie zu kollektivieren?
Ginge gar nicht –
Jeder würde nur an sich selber denken!
Die Arbeiter in den Städten hätten nichts zu essen –
Wir müssten den Bauern das Getreide und die Kartoffeln abpressen –
Wie in der Ukraine –
Sind dann verhungert, die ukrainischen Bauern –
Gab auch kein Saatgut mehr im nächsten Jahr!“
Große Pause
Husten.
„Ohne Kollektivierung keine Industrie!“
Pause
Setzt sich.
„Hitler hat das nicht machen müssen –
War schon industrialisiert, das Land –
Die Bauern fleißiger –
Nicht so versoffen!“
Boris: „Jossip Wissarionowitsch, Väterchen – die Gäste sind da! Soll ich sie reinlassen?“
„Bürste mir erst meine Jacke!“
Stalin verlässt langsam tapsend das Zimmer durch die kleine Tür.
Boris geht direkt zum Schreibtisch, im Gehen: „Hab´ Väterchen ein frisches Hemd und eine Hose hingelegt – viele Hosen!“
Er sieht die unterschriebenen Todeslisten, blickt sich zur Tür um.
„Wie viele heute? 67! Litauische Namen. Wegen antisowjetischer Hetze! – Sibirien –oder gleich…?“
Er macht eine schnelle Kopfschussgeste. Er faltet die beiden Listen und steckt sie ins Hemd.
Bringt alle auf dem Schreibtisch liegenden Papiere durcheinander, holt einen kleinen Stapel aus dem Regal und mischt diesen unter – alles blitzschnell.
„Die Listen laß´ ich jetzt meistens verschwinden – er merkt´s gar nicht. Ich weiß von nichts, bin nur der blöde Diener. – Vielleicht werden sie aber doch – ohne Unterschrift…. Wer hört noch auf Väterchen Stalin? Keiner!
Obwohl – ein Wort von ihm: bumm!!
Ob man den Knall noch hört, beim Schuss in den Hinterkopf? Schon möglich! Aber man erinnert ihn nicht!“
Boris schnellstens ab durch die Tür, um Stalins Jacke zu bürsten.
Vorhang
2. Akt
Stalin erscheint: schwarze Hose, frische Bluse, Joppe geschlossen.
Stalin: „Ist es schon soweit?“
Boris verbeugt sich. „Die Gäste sind da!“
Boris schaut Stalin über die linke Schulter an, weite, ängstliche, fragende Augen.
„Lass sie rein!“
Boris öffnet die breite Tür.
„Väterchen Stalin lässt bitten!“
Herein kommen im Gänsemarsch Berija, Malenkow, Bulganin und als Letzter ein Kleiner, Dicker, Chrutschschow.
Stalin reicht ihnen zwei Finger der rechten Hand, keine Bruderküsse.
Bei der Begrüßung sagt Stalin nur jeweils Vor- und Vatersnahme, ohne Betonung, ohne Emotion.
Alle vier tragen graue Anzüge in unterschiedlichen grauen Farben und eine graublaue Krawatte, sehr bürgerlich und brav. Alle haben einen deutlich unterwürfigen Habitus –
Sie wissen, dass ein Wort von Stalin ihr Tod bedeuten kann.
Stalin, auf den Tisch weisend: „Nehmt Platz, liebe Freunde, liebe Genossen – habe Euch zu einem georgischen Abendessen eingeladen – lasst uns gemeinsam essen und trinken!“
Boris schenkt allen – die alle noch stehen – ein Glas Sekt ein.
Berija: „Danke, Jossip Wissarianowitsch, danke für die Einladung.- Wir freuen uns sehr, Sie zu sehen und in so guter Verfassung zu finden!“ Er erhebt sein Glas:
„Nastrowje, Väterchen!“
Alle trinken aus.
Sie setzen sich umständlich. Stühlerücken. Stalin steht am Kopf des Tisches, Berija setzt sich langsam rechts von ihm, Bulganin links, dann Malenkow. Als Letzter bleibt Chruschtschow stehen, wartet, bis sich Stalin gesetzt hat.
Alle tragen eine graue, schwarze oder dunkelbraune Mappe unter dem Arm oder in der linken Hand.
Stalin: „Eure Berichte – Ja!“ Er streckt die Hand aus. Boris sammelt die Mappen verächtlich ein.
„Ich werde sie lesen – morgen – und gebe sie Euch dann zurück.“
Boris legt die Mappen auf den Schreibtisch und beginnt, den Tisch mit allerlei Speisen, die er kurz zuvor lautlos auf die Kredenz gestellt hatte, zu füllen, wieder in Windeseile. Zwischendurch gießt er Wodka in die Gläser und stellt eine Karaffe mit Wasser hin.
Es entsteht eine spannungsgeladene Gesprächspause, in der Stalin die vier „stählern“ nacheinander anblickt.
´“Nun, liebe Genossen, wie steht´s im Land?“
Nur Chruschtschow lächelt:
„Wjatscheslaw Michailowitsch – Genosse Molotow – lässt sich entschuldigen. Ist in Berlin,
den Genossen dort die Lewiten lesen.
Stalin: „BERLIN – VERDAMMT NOCHMAL -
was für ein Fehler! Hatten wir ganz eingenommen –
reines Trümmerfeld -
Viermächtestatus –
Vier Mächte für ein Trümmerfeld!“
Pause
„Wie weit seid ihr damit?“
Er schaut Berija durchdringend an, tiefe Zornesfalten zwischen den buschigen, weißen Altersbrauen, Berija, den Geheimdienstchef.
Berija: „ Wir kommen voran.- Im Westen Berlins sind mehrere Tausend unserer Leute, in allen Ämtern und Betrieben, in der Bahn, der Polizei…“
Stalin: „ Ich höre Anderes: Hunderte sollen täglich den sowjetischen Bereich verlassen – mit Kind und Kegel!“
Berija: „Die Grenze muss besser gesichert werden, wie bilden Grenztruppen aus. Aber viele, die wechseln, sind unsere Agenten! Wir brauchen die in allen Bereichen, auch in Westdeutschland – und wenn die Zeit kommt – und sie wird kommen – stehen die alle auf!
Das Land gehört dann uns, über Nacht!“
Stalin: „Dein Wort in G… in meinem Ohr! Nastrowje!
Sie leeren alle ein ganzes Glas Wodka. Rülpsen, Stöhnen, Grinsen, AAAs.
Boris gießt nach, Stalin nur ein halbes Glas.
„Mach´voll!“ sagt dieser.
Stalin: „ Und in Frankreich, in Italien?“
Berija: „Die sozialistischen Parteien dort, die Unterwanderung – geht schnell voran – ganze Städte kommunistisch. Die Intelligenz – auf unserer Seite!“
Pause
Alle stoßen züchtig auf.
Pause
Stalin: „Gut, gut!-
Ich will als Erstes Berlin, ganz Berlin – verstanden? – Von da aus weiter!“
Berija: „Ja, Jossip Wissarionowitsch, ja, gewiß! – Wir sind nahe daran! Sie werden´s bald erleben!“
Pause
Malenkow: „Die Leute, trotz Krieg und Zerstörung, sind verwöhnt. Wollen bessere Wohnungen, bessere Kleider, besseres Essen – wie die Deutschen so sind – verwöhnt!“
Stalin: „Dieser Ulbricht, ein völliger Versager!
Und Adenauer, der schlaue Gauner, bestärkt sie darin – schwört sie auf den Westen ein – ein Lump der – elender!
Wollte nichts wissen von unserem Angebot der Neutralität – das steht noch immer…“
Bulganin: „Das hatten wir mehrfach vorgetragen, Jossip Wissarionowitsch – er ist, scheint´s, unbelehrbar.- Müssen anders vorgehen, untergründiger, subversiver.“
Pause. Stalin fasst sich an den Bauch, ein angedeutetes Ups. „Der Hunger meldet sich –
Nehmt Euch, nehmt Euch – es ist alles da!“
Er nimmt einen Entenschlegel und beginnt, ihn abzunagen. Alle nehmen Entenschlegel und nagen.
Auf dem Tisch gefüllte Auberginen, eine aufgeschnittene Lammkeule, Gurken in Schalen, Töpfe mit Gänseschmalz, Majonaise, Kaviar, Schwarzbrot, Gebackenes, Süßigkeiten, Orangen, alles durcheinander – und sie essen alles durcheinander.
Alle fressen und trinken vor sich hin – gedankenlos.
Chruschtschow furzt halblaut. Niemand beachtet das. Nur Boris hinter ihm, eine Flasche Wodka in der Hand, hält sich die Nase zu und wechselt den Platz.
Minutenlanges Schweigen, Schmatzen, Schlucken, Stöhnen, Malmen mit vollen Backen, zwischendurch Grinsen, Wodka, Wodka.
Stalin: „ Nicht leicht – so ein großes Land – und halb Europa“….
Große Pause
Niemand spricht. Das Essen unterbrochen.
Stalin: „ Geht nur mit eisernem Willen. – Eine Mammutaufgabe –
Millionen unter einen Willen!“ -
Vorhang
3. Akt
Die Uhr zeigt 3 Uhr 30 morgens.
Stalin steht gebeugt am Tisch, setzt sich schwerfällig.
„Sind sie weg?“
Boris: „Ja, alle abgefahren – hat ihnen gut gefallen – waren noch recht lustig draußen.“
Stalin: „Gut!“
Boris räumt den Tisch ab: Schüsseln, Gläser Flaschen, volle Aschenbecher, so flink, wie immer.
Boris: „Brauchen Sie mich noch?“
Stalin: „Nein – geh zu Bett!“
Boris: „Habe alles gerichtet, gute Nacht!“
Stalin antwortet nicht, sieht ihn schief an. Boris verschwindet lautlos.
Stalin: „Diese Gezücht!
Lügner – Lügner – verdammte Lügner – allesamt!“
Pause
Rülpsen.
„Hast nicht gut gemacht – den Menschen, Alter!
Berija muss ich austauschen, morgen schon – Mistbock!
Woher – von wo erhalte ich noch richtige Informationen?
Muss einen Dienst aufbauen – nur für mich!
Haben sonst keine Aufgabe –
Informationen nur für mich!
Sollen auch ausländische Zeitungen lesen,
Times und so –
Die dürfen das, nur die!“
Große Pause
„Werden mich wieder belügen,
von vorn bis hinten!“
Schreit: „TEUFEL NOCH EINS!! GEFANGEN IM EIGENEN KÄFIG!!“
Rülpst zweimal.
„Zuviel gegessen – ein Gläschen!“
Da der Tisch schon abgeräumt ist, muss er zum Schreibtisch und die Flasche hervorholen. Trinkt daraus – dreimal, stößt auf.
„Gut – das verdaut!“
Er setzt sich wieder an den Tisch, öffnet die Joppe, kratzt sich am Kopf, zieht die Nase hoch, räuspert laut mehrfach.
„Fängt wieder an – der Kopf –
Wo ist das Brom?“
Er erhebt sich schwer, stützt sich lange auf, schaut irr ins Publikum, geht schleppend durch die kleine Tür.
Vorhang
4. Akt
Stalins großes Schlafzimmer. Mitte hinten ein großer, russischer Diwan mit dicker, roter Steppdecke, mehrere Kissen übereinander. Altmodischer Nachttisch mit unten offener Tür, Nachttopf. Auf dem Nachttisch das Fläschchen mit Kaliumbromat und ein kleiner Löffel. Tabletten. Ein Glas Wasser.
Links an der Wand eine Kommode, darüber an der Wand die verblichene Fotografie seiner ersten Frau Ketewan Swanidse. Schäbiger Rahmen.
Am Boden ein abgetretener Orientteppich in rötlichen Farben, gelblicher Bettvorleger, Schlappen.
Die Vorhänge der Fenster (wie immer rechts) zugezogen.
Man sieht die Zeit, die ganze Tristesse der Zeit!
Stalin steht ein Meter vom Bett entfernt, gebeugt, mit hängenden Armen. Betrachtet die Fotografie.
„War eine schöne, junge Frau, Ketewan – schlank – prächtiger Busen – Flecktyphus!“
Pause
„Die Nadeschda Allilujewa dagegen – ein grässliches Weib – zuletzt!
Jeden Abend Jammern und Heulen!
Hat sich erschossen – hat die Zeit nicht ertragen –
Böse Zungen haben behauptet“ –
Pause
„NEIN – ich war es nicht!
Hatte nie eine Pistole in der Hand!“
Er geht zum Nachttisch, trinkt Kaliumbromat aus der Flasche, bückt sich, um die Schuhe zu öffnen, dreht sich im Kreise, sackt mit einem OH zusammen. Er zuckt mit den Gliedern, alles sehr langsam.
Dann ein leises, geflüstertes
„Ave Maria“
Nur dies! Stalin bleibt liegen. Der Vorhang senkt sich sehr langsam, leise Militärmusik wie im Vorspann.
Vorhang
5. Akt
Ein schäbiges Büro, stark erhellt. Hinter einem großen Schreibtisch mit schwarzem und rotem Telefon und mehreren Akten sitzt Nikita S. Chruschtschow, einen Federhalter in der Hand.
Hinter ihm an der Wand ein Lenin- und ein Stalinportrait.
Goldene, schwere, angestaubte Vorhänge, offen.
Chruschtschow ist sehr müde, gähnt laut mit beiden Händen halb vor dem Gesicht.
Das schwarze Telefon klingelt.
Ch.: „Ja?“
Boris: „Nikita Sergejewitsch, bitte –
Verzeihung um die Störung – hier Boris, Väterchen Stalins Diener –
Nikita Sergejewitsch – wir machen uns Sorgen!
Väterchen Stalin rührt sich nicht – es ist schon vier Uhr – und bis jetzt hat er nicht geklingelt, was sollen wir tun?“
Chr.: „Wart ihr in seinem Zimmer?“
Boris: „Nein – haben wir nicht gewagt!“
Chr.: „Gut! Wir haben gefeiert. Er schläft! Lasst ihn schlafen!“
Das Licht verlöscht langsam, während Chruschtschow gähnt.