Meine Freunde - Erzählung von René Avold
Meine Freunde
Wo sind diese, sagt es mir,
Die vor wenig Jahren
Eben also, gleich wie wir,
Jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
Sie sind in ein ander Land
Aus dieser Welt gefahren.
(Johann Christian Günther, 1695-1723)
Nein, tot wie meine Schwester Guni, an die ich mich als erstes erinnern möchte, tot sind nicht alle, hoffe ich, aber unerreichbar, fern, unbekannt verblieben, nichts als Erinnerung. Wie einsam wäre ich, hätte ich nicht meine Silke.
Über sie schreibe ich nicht.
Mit Verlaub, der Titel dieses Textes ist recycelt. Emmanuel Bove: „Meine Freunde“. Der Protagonist seines Romans hat gar keine Freunde, ein trauriger Held auf der verzweifelten Suche. Ich aber hatte viele Freunde in meiner Jugend, witzige und lustige Gesellen.
Guni war um zwei Jahre älter, geboren 1939. Sie war das fünfte Kind ihrer Mutter, die bald nach der Geburt am Kindbettfieber starb, mit 30 Jahren. Guni war also zu mir, wie die vier älteren Brüder, ein Halbgeschwister. Doch wir wussten das gar nicht, wir sind zusammen aufgewachsen. Vater, der nach dem Tod seiner Frau mit fünf Kindern allein dastand, fand ein Jahr danach bei der Evakuierung der Stadt seine zweite Frau, selbständige Hebamme, die bereit war, diese fünf Kinder, die über das ganze Land verstreut waren, zusammen zu holen und als Mutter zu übernehmen. In früheren Zeiten gab es das, heute kann ich mir das nicht vorstellen.
Guni und ich waren in der Kindheit unzertrennlich. Kam sie zur Küchentür herein nach der Schule, so fragte sie: „Wo ist der Reiner?“ Und kam ich: „Wo ist die Guni?“
Wir spielten stundenlang auf der Straße, ein brauner Schlackenweg, mit Papierschiffchen in den Pfützen oder „Völkerball“, wir führten Bandenkriege mit den Dorfkindern, und sie war die Anführerin. Im Herbst ließen wir unsere selbstgemachten Drachen steigen, im Winter, es gab immer Schnee, fuhren wir Nachmittage lang Schlitten, die steilen Wege in die Kiesgruben hinab.
Wir machten gemeinsame Winterferien mit Tante Lina in Ottenhöfen im Schwarzwald unterhalb des Ruhesteins. Von dem kleinen Häuschen mit Kachelofen, das uns ihre Freunde überlassen hatten, gingen wir zu Fuß hinauf zum Berg, die Skier auf den Schultern. Lifte gab es nicht, Stahlkanten an den Brettern auch nicht. Wir lernten von der Tante „Schneepflug“, dann breitbeinig den Hang hinab. Vor der Dunkelheit sausten wir durch die Waldwege wieder hinab nach Ottenhöfen.
Vater, der eigentlich wenig Kontakt mit uns Kindern hatte, allerdings als Arzt mit Unterstützung der Mutter viel arbeiten musste, um die große Familie zu ernähren, hielt Guni für dumm. Er beließ sie in der Volksschule bis 14 oder 15 Jahren, danach musste sie eine „Frauenfachschule“ besuchen – wie bürgerlich die Vorstellungen waren!
Sie war sehr unglücklich über Sticken und Knopflöcher nähen. So verlor sie ihre Fröhlichkeit.
Doch danach lernte sie Englisch, Französisch und Spanisch recht schnell und gut und entschwand meiner Nähe. Sie wurde Reiseleiterin in Spanien, später viele Jahre an der Algarve in Portugal, wo sie sich sehr wohl fühlte – und viel in der Sonne lag.
Sie achtete wenig auf ihre Gesundheit – und mutierte zum Playgirl. Besuchte sie mich in Gießen oder in Wiesbaden, meist wegen Krankheiten, so hatten wir aber wunderbare, nächtelange Gespräche mit Rotwein aus der Pfalz, in dem wir unsere Kindheit, unser Verhältnis zu den Eltern und Brüdern erklärten und ertranken. Mit 41 Jahren erkrankte sie an einem malignen Melanom am linken Fuß, das bereits erschreckend groß war.
Da dies keine Krankengeschichte ist, sondern eine über verlorene Freunde, will ich nur erwähnen, dass sie 11 Jahre später nach vielen Leiden daran verstarb. Von der Komödie zur Tragödie, wie in jedem Leben. In dieser langen Leidenszeit hatte sie sehr viel gelesen, vor allem Philosophie, und wurde so zur am weitesten Gebildeten und Intelligentesten meiner Geschwister. So kann ein Vater irren!
Es geht nun nicht systematisch voran, Erinnerung ist nicht so.
Die Eltern lasse ich aus, sie waren Eltern, Eltern sind Ältere, daher kommt schließlich das Wort, und schon dadurch keine Freunde. Die Mutter und die Tanten haben mich immer unterstützt und zu mir gehalten, wie auch umgekehrt.
Hildegard – und Rosemarie! Ja, so hießen die Mädel damals. Komisch, dass man sich zuerst an Mädchen erinnert. Woran liegt das? An der Konfiguration des Gehirns, nicht an den Hormonen.
Einmal waren wir im Casinogebäude von Baden-Baden, Tante Emele, Bruder Hansjörg, der ihr Auto fuhr, und ich. Ich war 16 Jahre alt. Eine breite Treppe führte in ein oberes Stockwerk.
Zwei Frauen und ein wohl ebenfalls 16jähriges Mädel stiegen hinauf. Auf dem Treppenabsatz blieb es stehen, ich auch, unten. Wir sahen uns an, mehrere Minuten lang, ernst und ohne Lächeln. Dann gingen wir unserer Wege. Ich habe sie nie vergessen – ein coup de foudre.
Rosemarie. In den Frühjahrsferien arbeitete ich als Gärtnereigehilfe für 1 DM 80 in der Stunde. Das erscheint nun extrem wenig, doch das Mittagessen im „Auerhahn“, Stamm, meist Bratkartoffeln und heißer Fleischkäse, kostete auch nur 1,80, ohne Bierchen allerdings.
Der Gärtnerbursche, unter 30, war schnell mein Freund. Wir topften jeden Tag in der Kammer vor dem Gewächshaus Zyklamen um, immer zu Zyklamen.
An der Wand hing ein Poster (so hieß das damals natürlich nicht) von einer blonden Schönheit, nicht Marilyn Monroe, aber ebenso schön oder gar schöner. „Ich biete dir 5 Mark für das Plakat!“ Aber er gab es nicht her. Seine erst kürzlich geschlossene Ehe war nicht glücklich.
Wenige Tage später wollte ich mich einschreiben für ein Nachmittagsseminar in Kinderheilkunde bei Professor Koch. In dem kleinen Büro saß sie! Genau diese blonde Schönheit von dem Plakat. Unglaublich. Es war niemand sonst im Raum. Sie lächelte mich freundlich an. „Sollen wir uns mal treffen, ins Kino oder spazieren gehen?“, fragt diese Schönheit mich! Dieter, mein Freund und Studienkollege aus Karlsruhe, der viel besser aussah als ich, hatte sie angehauen, doch sie hatte ihm glatt einen Korb gegeben. Mir nicht! Und ich bemerkte, dass die Mädel etwas in mir sehen mussten, das ihnen entgegenkam. Sie erkannten, dass ich sie als Persönlichkeit sah, nicht als Objekt, als möglicher Freund, als Gesprächspartner – und das war auch meine Einstellung. Alle Mädel waren ja Nachfolgerinnen meiner Schwester, und sie spürten das.
Hier sitze ich in Marina di Pietrasanta, Versilia. Endlich scheint die Sonne. Noch eine Woche und ich wäre mit dem Text fertig und hätte mich erholt. Eine winzige Zecke am Bauch hatte mir ein Erythema migrans, also eine Borreliose verpasst. Doch Samstag fliege ich zurück. Eine Woche ist zu wenig, nehme ich an.
Wir gingen an einem Samstag im März zum „Schiffenberg“, recht früh am Morgen. Im niedrigen, dichten Fichtenwald lagen noch Reste von Schnee an den Rändern des Weges. Doch die Sonne stieg, es wurde warm. Sie sagte: „Warte, ich will die Strümpfe ausziehen!“
Damenstrümpfe damals waren befestigt an einem „Hüfthalter“. Sie ging zur Seite zwischen lichte Büsche, noch ohne Blätter, zog den Rock hoch und den Hüfthalter samt Strümpfen herunter und stopfte alles in ihre Handtasche. Sie ließ mich den ganzen Vorgang, vom Weg aus, sehen. Danach fragte sie lachend: „Voulez vous couchez avec moi?“ Ich war vollkommen perplex, wie überraschend Mädel sein können. „Ja, gern“, stotterte ich, „lass uns zurückgehen, ich hab´ eine sturmfreie Bude!“ Aber sie lachte nur. Und dann: „Ich habe einen uterus bicornis, es kann nichts passieren!“ Die nächste, lachende Provokation, abgesehen von dem medizinischen Irrtum. Sie wollte damit nur wissen, ob Freund oder der übliche Sexist. (Auch dieses Wort gab es allerdings damals nicht.) Ich hatte es auf nichts abgesehen, hätte sie niemals zu irgendetwas gedrängt, in all meiner Unerfahrenheit. So gingen wir einträchtig, Händchen haltend, auf den Schiffenberg, setzten uns in eine Fensternische des Lokals und tranken Apfelwein. Wir sprachen die ganze Zeit miteinander wie alte Freunde.
Wir waren auch im Kino, Schulter an Schulter. Wir küssten uns vor ihrer Haustür. Sie stellte mich ihrer freundlichen Mutter im Wohnzimmer vor. Keine weiteren Provokationen!
Und dann sahen wir uns nie mehr, es ist mir völlig entfallen, warum. Vielleicht fing das Semester wieder an, eines der letzten und wichtigsten vor dem Examen, vielleicht wegen der Wechselhaftigkeit der Jugend. – Meine unvergessene Freundin Rosemarie!
Oder Hildegard kam dazwischen, genauso zufällig – und mit dem gleichen Ergebnis. Neben dem Studium war ich Hilfswilliger auf der Inneren Station 1. Der Stationsarzt war Dr. Ley, den ich ebenfalls zu meinen Freunden zählen möchte. Er vertraute mir und unterrichtete mich praktisch. Später war er Leiter der Intensivstation, wo wir uns häufig begegneten zu Nottracheotomien. Aber auf Station 1 war auch Schwester Hildegard, 18 Jahre, schlank, schwarzes Haar, rote Lippen, hohe Brust, helle Haut und rosa Wangen, Schneewittchen, Biancaneve konnte nicht schöner sein! Immer guter Laune, immer lachend. „Kannst du mir mein Fahrrad reparieren, es hat einen Platten!?“ Ich reparierte ihr grünes Fahrrad im Keller der Klinik und wir machten einen Ausflug. Wir lagen auf einer Wiese auf dem Bauch, jeder auf seinem eigenen natürlich, und unterhielten uns, Freund mit Freund. Ich dachte nicht im Mindesten an andere Dinge.
Die ganze Affäre, die keine Affäre war, dauerte auch diesmal nur kurze Zeit, endete aber dramatisch. Hildegard hatte ein zentrales Problem, das ein junger Mann gar nicht kennt: ihre Jungfernschaft! Sie dachte, mit 18 wäre es wohl an der Zeit, hatte aber entsetzliche Angst davor. Sie wollte es dringend, schreckte aber gleichzeitig panisch davor zurück.
Ich beschreibe Einzelheiten, die, was mich angeht, alles in allem völlig harmlos waren. Wir wollten ins Kino. Ich war in ihrem Zimmer oben in der Klinik, wo sie sich umzog, durchaus locker. Weißer Slip (auch das hieß nicht so und war immer weiß), weißer BH, immer weiß, nicht schwarz, und durchaus unnötig. Dann lagen wir angezogen auf ihrem Bett – das Kino hatten wir mal eben vergessen. Sie wollte anfassen, aber selbst nicht angefasst werden. Ich fand das nicht fair, erkannte aber durch ihr wahrhaftiges Zittern ihre Angst. – Wir gingen ins Kino.
Ob am gleichen Abend oder später, wir waren in meinem Bett, ebenfalls bekleidet. Ich drängte sie zu nichts. Sie aber war so aufgeregt, dass sie aufsprang, den Gang nach hinten lief zum WC, wo sie sich übergab.
Für einen Mann, Jungmann muss ich sagen, eine extreme weibliche Reaktion, aber schließlich tragen sie das ganze Risiko einschließlich der ungewollten Schwangerschaft. Pille gab es nicht, Abtreibungen undenkbar und verboten. Die Angst also verständlich. Sie kam wieder, ich beruhigte sie mit freundschaftlichen Worten und begleitete sie zurück zur Klinik in der Nacht. Und kurz davor sagte sie: „Ich mach´s jetzt!“ Ich war vollständig konsterniert, keinesfalls wollte ich eine gute Freundin unter diesen Umständen in Versuchung führen.
Und nun das dramatische Ende der Geschichte: Zwei Tage später begegneten wir uns morgens auf dem Gang von Station 1. Sie hatte sich vollständig verändert. Das Gesicht starr vor Entsetzen. Und sie berichtete, dass sie sich am Abend vorher von einem Assistenzarzt hatte entjungfern lassen, und dass es fürchterlich gewesen sei. „Aber Hildegard!“ Mehr fiel mir nicht ein. Sie hatte bereits gekündigt und verließ am selben Tag das Haus und die Stadt, wohl um ihrer Schande und den befürchteten weiteren Nachstellungen des „Vergewaltigers“ zu entgehen. Zu solchen Situationen führt mangelnde Aufklärung und Naivität. Bei mir führte diese Kombination zu einer missglückten Ehe mit einer Betrügerin.
Ich vermisste Hildegard sehr, ihrer Schönheit und Fröhlichkeit wegen. Und muss konstatieren, dass Frauen anders empfinden und entscheiden als Männer, unerwartet, irrational. Man kann nichts voraussehen, als Mann läuft man immer hinterher, es ist wie bei den Enten.
Arme Hildegard. Ich hoffe, dass sie irgendwann zu ihrer Fröhlichkeit zurückgefunden hat.
Die Geschichte mit Jenny – oder vielmehr die Geschichte von Jenny.
Erinnerungen laufen übers Papier, durcheinander, wie der Rabe bei Wilhelm Busch.
Jenny war 15 und nicht besonders schön. Die Nase war gebogen, die Beine ebenso.
Mutter und Tante hatten zusammengelegt und mir zum Abitur eine hellblaue Vespa 125 spendiert. Ich arbeitete vor Beginn des Studiums in der Expeditionsabteilung der „Badischen Neuesten Nachrichten“, bei denen mein Onkel Ernst freier Mitarbeiter gewesen war und köstliche zeitkritische Essays schrieb, bevor er auf Mallorca mit 47 Jahren 1953 bei einem Blutsturz aufgrund seiner Tuberkulose, die er sich in der Gefangenschaft in Kroatien zugezogen hatte, starb. Er war bei der Zeitung in guter Erinnerung, und meine liebe Tante erhielt neben ihrer kleinen „Kriegerwitwenrente“ eine regelmäßige Zuwendung der Familie Bauer, die die Eigentümer der Zeitung waren.
„Expeditionsabteilung“, das bedeutete, dass man Zeitungen, die aus Versehen frühmorgens nicht ausgeliefert worden waren, mit Fahrrad, Moped oder eben Vespa, alles eigen natürlich, nachliefern musste. Ich nahm es nicht sehr ernst, muss ich gestehen, Zeitungen dieser Art lasse ich weitgehend liegen. Morgen ist’s Altpapier.
Also fuhr ich mit meiner Vespa in den Dörfern und der Stadt umher und warf verspätete Zeitungen ein. Jenny, Lehrling ebenda, begleitete mich manchmal, von ihrer Aufsicht unbemerkt. Sie klammerte sich auf dem Rücksitz an mich, und – naja, ich genoss es. Jenny nannte sich so, hieß aber schlicht Marianne (Denglisch hielt Einzug). An den Wochenenden machten wir Ausflüge an den Rand des Schwarzwaldes, einmal zum Kloster Maulbronn, an den Rhein, an die Baggerseen. Die Mädchen trugen züchtige Badeanzüge, die alles bedeckten, was Mädels von Jungen unterscheidet und was man heute ungewollt und oft peinlich sieht. Wir lagen nebeneinander, unterhielten uns, und ich legte meine Hand auf ihren jungfräulichen Busen. Sie streifte sie sofort ab! Unberührbar!
Wenige Jahre später begegneten wir uns noch einmal. Guni und ich machten an einem Sonntagnachmittag einen Schaufensterbummel in der Kaiserstraße. Und da stand sie – mit Mann und 3jährigem Bub, alle in Sonntagskleidern. Die beiden hatten sich sichtlich nichts zu sagen. Wir grüßten uns formell. Was wohl aus dieser Ehe geworden ist? Mit 15 unberührbar, mit 17 schwanger?
Jenny hatte eine Schwester, Addi, 2 Jahre älter und ziemlich kess.
Von meinen Klassenkameraden war bisher noch nicht die Rede.
Hiermit tritt Pitt Müller auf den Plan. Seine Eltern waren weggefahren und wir planten eine Party. Speicher, Haus und Garten. Addi hatte einen Strip angekündigt; wir waren begeistert. Welcher Mut! Niemand hatte vor, Addi zu nahe zu treten, auf den Strip waren wir jedoch sehr gespannt. Es erschienen weder Addi noch Jenny. Die Party ertrank in Bier für die Freunde. Nicht für mich allerdings. Ich ahnte, dass Addi ihr Versprechen nicht halten würde und hatte ein anderes Mädel auf meiner Vespa mitgebracht, als einziger meiner Klassenkameraden. Germaine aus Dôle! Sie war zwei Wochen bei meiner guten Tante Hilde, um Deutsch zu lernen. Aber da Hilde kein Französisch sprach, hatte sie außer „Seierle“ und ähnlichen badischen Spezialitäten nichts gelernt. Germaine war 14 Jahre alt und sehr hübsch. Wir hatten schon zweimal einen Nachmittag im Rheinbad verbracht und uns gut vertragen. Nun saßen wir in der anbrechenden Dunkelheit in Müllers Garten hinten auf der Bank – und da nahm sie meine Hand und legte sie auf ihren schönen runden Busen. Jennys Gegenteil! Ich war 19. Was war das? Eine Offenbarung! Als ich sie zurückbrachte zu meiner guten Tante, umarmte sie mich – morgen müsste sie heimreisen – und küsste mich. Aber wie! Und ich erkannte, dass eine Frau, und das war sie wohl schon, möglicherweise mehr sein kann als ein guter Freund zum Reden.
30 Jahre später, wie war das, Frau Erika, man soll Freunde pflegen? Ich war ich in Dôle in der Franche-Comté. Ein harmloses Städtchen am Doubs und am Rhein-Rhône-Kanal zum Malen. Wären wir uns begegnet, wir hätten uns nie erkannt. Aber ich hatte sie im Sinn! Eine späte Ehrerbietung.
Meine Klassenkameraden betrachte ich fast alle als meine Freunde, viele habe ich wenigstens einmal zu Hause besucht. Sie nannten mich „Kloiner“, da ich tatsächlich der Kleinste war, und beschützten mich. Streit unter uns gab es praktisch nie. Einmal hatte ich draußen vor dem Gymnasium Streit mit Volker Baur, keine Ahnung, warum. Wir boxten, aber er lachte mich aus. Eigentlich waren wir gute Freunde.
Baur fiel als Einziger durchs Abitur, weil er mit Bierfahne zur mündlichen Prüfung kam. Man stelle sich vor: neun Jahre Latein und sechs Jahre Griechisch – und dann durchfallen! Wir fanden das alle unfair von den Lehrern, die ihm ja wohl eine zweite Chance hätten geben können. Er entschied sich, Pilot bei der Luftwaffe zu werden, aber leider, der Alkohol…
Er starb als Erster von uns mit etwa 42 Jahren, allein in einem kleinen Appartement. Beerdigt an einem Freitag, den 13. Noch immer treffen sich einige Kameraden an einem Freitag, den 13. in Karlsruhe ihm zu Ehren. Er fehlt. Er war so lebensfroh!
Dieter Scherer. Neun Jahre lang saßen wir in der gleichen Bank. Er ließ mich bei Mathe manchmal ein wenig abschreiben. Mathe war mein schlechtestes Fach. Ich verstehe immer noch nicht, wozu Integral gut sein soll. Neun Jahre! Wenn das keine Freundschaft ist! Hinter uns, in der letzten Bank, saßen Axel Stürmlinger und Günther Schultheiß. Die beiden waren stinkefaul. Wie oft spielten wir Skat unter dem Tisch! Nachmittags im Sommer fuhren wir oft mit dem Fahrrad an den Rhein, bei der Hafeneinfahrt lagen wir auf dem Gras am Ufer, machten unsere Aufgaben und trieben Unsinn. Regelmäßig schwamm ich über den Rhein, ein ziemlich breiter Fluss in Karlsruhe. Man wurde weit abgetrieben von der Strömung, musste dann am anderen Ufer eineinhalb Kilometer unter Wolken von Schnaken stromaufwärts laufen, um beim Zurückschwimmen wieder zu den Freunden zu gelangen. Manche versuchten, die tiefliegenden Lastkähne zu entern, wurden dann aber immer von einem fluchenden Matrosen mit dem Besenstiel vertrieben. Köstliche Sommernachmittage für junge Burschen. Unsere Eltern wussten nichts davon.
Als wir 15 Jahre alt waren, wollten einige von uns in den Ruderklub, darunter Jürgen Krumm, groß und kräftig, und Wolf Parmentier – und auch meine Kleinigkeit. Der Trainer deutete auf mich und sagte: „Der nicht.“ Worauf Wolf, schon 1,80 groß, antwortete: „Dann machen wir´s alle nicht!“ So sind Freunde!
Ich durfte doch mitmachen, meist als Steuermann. 45 Kg Steuermann!
Raimund Herz. Er war einer der sportlichsten und witzigsten der Klasse. Witzig auch im Sinne von Wissen, woher das Wort ja wohl kommt. Sein Vater war bei einem Autounfall auf der Baar bei Donaueschingen ums Leben gekommen. Die Mutter ging nach Karlsruhe und zog die beiden Buben allein auf. Eine große Leistung. Raimund, den ich natürlich auch zu Hause besuchte, brachte mir Barockmusik näher, etwas, das es bei uns nicht gab. Und er spielte Tennis, undenkbar in Neureut-Heide. Ich war ein wenig beschämt.
Er hielt später die Abiturrede für alle drei Klassen und bezog sich auf Johann Peter Hebel, den alemannischen Dichter, dessen Sprache er aus seiner Kindheit kannte. Im Schlosspark von Karlsruhe steht seine Bronzebüste. Die Inschrift auf dem Sockel lautet:
„wenn de anne
Chrüzweg stohsch
und nümme weisch
wo´s ane goht
halt still und frog
di G´wisse z´erst
s´cha dütsch Gottlob
und folg si´m Roth.
Ich weigere mich, das ins Norddeutsche, das wir nun alle sprechen, zu übersetzen. Auf welche Gedichte und Geschichten sich Raimund bei seinem Vortrag bezog, ist mir nach fast 60 Jahren nicht erinnerlich. Er wird es mir sagen.
Nach dem Abitur bekam auch er einen Roller, eine Lambretta. Er fuhr am Bahnhof auf die falsche Spur und stieß frontal mit einem Auto zusammen. Doch Bruchteile von Sekunden vorher musste er bemerkt haben, was passieren würde. Er machte einen Salto über die Motorhaube und das Dach des Wagens und landete unversehrt dahinter. Sportlich, nicht?
Noch im März, nach den Abiturprüfungen, vereinbarten wir einen Skiurlaub in der Gegend von Schruns, wenn ich mich recht erinnere. Wir legten zusammen und mieteten einen VW-Bus, jenen legendären „Bulli“, rot-weiß, der später auch in Amerika zur Ikone wurde. Wer war dabei? Volker Baur, soeben durchgefallen und alleiniger Inhaber eines Führerscheins, Raimund Herz, Schneider, Scherer, Stürmlinger? Schultheiß? und meine Kleinigkeit.
Die Hütte, die uns zwei Wochen als Unterkunft dienen sollte, lag weit oben in tiefem Schnee, mit dem Auto nicht zu erreichen. Sie bestand aus einem großen Raum unten mit Leiter auf einen Dachboden mit Matratzen, auf denen wir schliefen. Unsere Mahlzeiten nahmen wir bei dem obersten Bauern des Tales ein, für 5 Mark pro Person. Es gab hartes, selbstgemachtes Tiroler Bauernbrot, Speck, Bratkartoffeln, Eierspeisen, Quark und Butter, gut und reichlich. Hier oben endete der Bergwald, 1 m Schnee, kein Lift, kein Weg, keine Spur. Über uns Fels, schwere Wolken, seltene Sonnenstrahlen. Um Ski zu fahren, mussten wir erstmal hochsteigen mit den Skiern auf der Schulter oder mit Fellen. Hinab ging´s durch Tiefschnee, um einzelnstehende, niedrige Zirbelkiefern.
Im Westen lag ein scharfer Felsgrat, den wir bestiegen, um auf der anderen Seite abzufahren. Wir waren oben, Raimund fuhr als Erster ab. Doch der gesamte, weite Hang, der am Nachmittag in der Sonne lag, war jetzt am Morgen vereist. Er stürzte sofort und rauschte auf dem Rücken 400 m hinab. Wir hielten den Atem an. Unten erhob er sich, winkte und lachte. Jugend, Zeit des Glückes und der Wunder! Wir anderen kamen mit größter Vorsicht von Spitzkehre zu Spitzkehre hinunter.
Am Abend tranken die Kameraden „Inländer Rum“, 70% oder mehr. Schneider und Baur prügelten sich, einer von beiden fiel die Leiter herunter. Und waren doch Freunde.
Baur hatte den Autoschlüssel im Schnee verloren, wir gingen eine Stunde hinunter ins Dorf, um telefonisch einen Zweitschlüssel zu bestellen, dann betrank er sich im Dorfgasthaus.
Mit Raimund lernte ich segeln: Segelschule Lindau am Bodensee. Erstmal Knoten üben und Vorfahrtsregeln. Dann auf Jollen, wir hatten großen Spaß und segelten weit hinüber bis zum Eintritt des Rheines auf der anderen Seite des Sees. Völlige Flaute auf dem Rückweg. Endlich nach einer Stunde Wind. Über dem Säntis ballten sich schnell hohe, weiße Wolken. Dann brach der Sturm über uns herein. Wir refften die Segel, die Wellen stiegen immer höher, doch wir näherten uns kreuzend Lindau. Sturm und Wellen zwangen uns, die Segel fallen zu lassen, um nicht zu kentern, worauf alle 10 Boote manövrierunfähig waren und auf die Hafenmole von Lindau zu trieben. Einige Boote kenterten, auch meines. Jollen sinken nicht, so hielten wir uns krampfhaft fest, einige schwammen ans Ufer, die anderen nahm endlich unter großen Schwierigkeiten bei dem hohen Wellengang die Seenotrettung auf. Unser Respekt vor den Kräften der Natur erhöhte sich beträchtlich.
Raimund studierte Bauwesen und wurde später Professor in Dresden. Ihn und seine sympathische Frau habe ich dort besucht. Wir hatten einen schönen Abend in einem italienischen Restaurant und unterhielten uns dann auf Herzens Balkon bis weit in die Nacht – über Literatur!
Rochus „lupus“ Wolf. Rochus Mutter war die Leiterin der „Majolika“, die berühmte Keramiken herstellte. Die Werkstatt lag vorn im Hardtwald, nicht weit von der Stelle, an der später der Generalbundesanwalt Buback ermordet wurde. Ich schaute mir alles genau an, das Anrühren des Tones, die halbfertigen Formen, die Glasuren und die fertigen bunten Vasen und Kacheln.
Von lupus lernte ich das Fotografieren, das Einstellen der Blende je nach Lichtverhältnissen und der Zeit, Lichtmesser gab es noch nicht, ja, es hat sich seither viel verändert!
Rochus Wolf plante ein Abenteuer: unterhalb des Michelsberges am Rande des Kraichgaus in der Nähe von Weingarten sollte es ein altes Bergwerk geben, das er besichtigen wollte. Wir waren Buben von 13 Jahren. Ich hatte noch mein Kinderrad - Damenformat. An einem Samstag also fuhren wir zum Michelsberg, 15-20 Kilometer hin. Wir fanden den Eingang und krochen in den Stollen, der sich jedoch bald verzweigte. Ich ging zurück, Rochus ging weiter – und war eine lange Zeit verschwunden. Schließlich fand er den Ausgang. Wir lachten, nicht ahnend, in welcher Gefahr wir gewesen waren. Das Abenteuer war jedoch noch nicht zu Ende. Kürzlich bei einem kleinen Klassentreffen in Karlsruhe erzählte er mir, dass auf dem Heimweg die Kette meines Fahrrads brach und wir viele Kilometer das Rad abwechselnd nach Hause schoben. Diesen Ausgang der Geschichte hatte ich völlig vergessen. Wenn wir uns sehen, selten genug, lachen wir noch immer.
20 Jahre nach dem Abitur organisierte ich ein Klassentreffen, nachdem ich mühevoll alle Adressen gesammelt hatte. Wir wollten uns im „Moninger“ treffen, einem großen Gasthof der Brauerei gegenüber der Hauptpost, die auch nicht mehr existiert, wie auch die Brauerei. Nur die alten Gebäude stehen noch, vom Bombenhagel verschont, der sonst die ganze Stadt zerstört hat. Ich betrat das „Moninger“ und ging entlang der Theke bis nach hinten – keine Kameraden, und zurück denselben Weg. Jetzt erkannte ich jemanden. Da saßen 20 alte Knaben, teils gebeugt und stark verändert. Dauber, der zwar klein, aber ein sehr muskulöser Reck- und Barrenturner gewesen war, nun ein schmales Männchen. Auch er schon lange tot. Woran nur? Rauchen und Saufen?
Dieter Boehringer traf ich als Sitznachbar in der Pathologie- Vorlesung der Uni Heidelberg im 6. Semester. Die Vorlesung hielt monoton Prof. Lederle über das Lymphsystem, niemand verstand ein Wort! Doch Prof. Lederle war ein wahrer Wissenschaftler, der die Klassifikation der Lymphzellen vollbrachte und später in Kiel ein berühmter Mann wurde.
Die Vorlesung war extrem langweilig – 350 Studenten in einem Hörsaal. Hier würde ich nichts lernen können. Ich erzählte meinem Landsmann Dieter von Gießen. 50 Studenten im Semester, bed side teaching, so stand es in der „Zeit“. Und zu Beginn des nächsten Semesters fuhren wir von Karlsruhe nach Gießen in meiner Isetta, ein lächerliches Ding von BMW mit Tür vorn und Schaltung in der Wand links, noch idiotischer kann man es nicht machen. Das ganze Auto, ein großes Wort, es war kein Auto, sondern ein Motorrad von 500 ccm mit ein wenig Blech rundherum, war voll mit seinen Federbetten!
Wir wurden und blieben Freunde. – Dieter hatte eine Sucht: Die Diskussionssucht. Bei langen Spaziergängen erfand er immer neue Thesen, immer neue Behauptungen zu egal welchen äußerst wichtigen Themen, die wir dann diskutierten, eine sehr kurzweilige Beschäftigung, die an Sokrates erinnerte.
Der Abend im „Dalmazia“ am Meer. Die Gäste sind fast alle fort, nur hinten sitzt noch ein italienisches Paar mittleren Alters, er mit Glatze, in den Zähnen stochernd, während sie tief gebeugt ihr Dessert löffelt. Warum sind die Männer heute so glatzköpfig? Man sagt, wegen zu viel Testosteron. Vielleicht das Gegenteil? Zu viel Bier? Man sieht sofort, dass beide nur noch aus Gewohnheit beisammen sind. Miteinander machen sie nichts, nicht einmal reden.
Wie traurig! Die Leiden der Anderen.
Dieter also hatte bei Rosemarie keinen Erfolg und erzählte mir, dass er kürzlich ein Mädel in seinem Bett hatte. Er ging zur Tür, um das Licht zu löschen. Auf dem Rückweg stolperte er aber über einen Stuhl und das Mädel sagte: „Mach das Licht an!“ So ist das Leben: unvorhergesehene Ereignisse.
Das war die Zeit der vielen guten Freunde.
Peter Costas, Grieche aus Athen, jahrelang mit seinem Vater in New York, immer die New-York-Times in der Hand, ein großzügiger Freund. Er hatte einen uralten, grünen VW, Baujahr 1953, den er mir ohne weiteres lieh, keine Erstattung des Benzins, nichts, einfach Freundschaft. - Costas wollte nach griechischer Art ein ganzes Lamm auf einer Wiese grillen und Professoren dazu einladen. Der Schäfer wollte uns keines geben. Er sah uns Jüngelchen schief an. Viele Jahre später erst habe ich verstanden, warum.
Einst schrieben wir im Gymnasium eine Griechischarbeit. Aus Gründen, an die ich mich nicht erinnere, saß ich in der ersten Bank, sonst weit hinten. Ich hatte ein Wörterbuch unter dem Tisch auf dem Schoß, in das ich ein einziges Mal verstohlen blickte. Aber Lang-Lehndorf, der durchaus verehrte Griechischlehrer, sah das sofort. Er nahm das Buch und sagte laut: „So verdorben sind Sie noch nicht, dass man es nicht merkt!“ Ich erwiderte nichts, dachte aber, dass ich alles andere als verdorben sei, sondern extrem naiv. – So auch mit dem Lamm.
Schließlich trieben Peter Costas und sein griechischer Freund, der das arme Tier zubereiten sollte, doch ein Lamm auf. Sie steckten es an einen langen Spieß und grillten es stundenlang mit in der Gegend aufgesammeltem Holz, vor dem Walde in einem Tal. Wir saßen derweil mit einigen Mädels auf der Wiese, tranken Bier, redeten durcheinander, lachten, machten Faxen und warteten auf das Abendessen. Doch das Lamm wurde nicht gar. Schließlich kam Prof. Sandritter, unser Pathologe. Da wir nur wenige Studenten pro Semester waren, kannte er uns alle von Ansehen. Er setzte sich zu uns, erzählte und hatte seinen Spaß.
Endlich in der beginnenden Dämmerung wurden halbgare Stücke Fleisch abgeschnitten.
Viel später erfuhr ich, dass das in Griechenland ebenso ist: ein ganzes Lamm ist an einem Spieß nicht gar zu kriegen. Wir gingen bei Dunkelheit nach Hause. Wir hatten einen lustigen Nachmittag – und Hunger.
Peter Costas studierte später noch in Berlin Soziologie, als Mitglied des SDS. Ich habe ihn dort besucht. Man soll doch seine Freunde pflegen! Danach habe Ich habe nie wieder von ihm gehört.
Menachem Amitai. Da alles schon so lange zurückliegt, traue ich mich, die vollen Namen zu nennen, schließlich habe ich nur Gutes mit meinen Freunden damals erlebt.
Er war Busfahrer in Tel Aviv gewesen, bevor er sich entschloss, Medizin in Deutschland zu studieren. Und er beherrschte die Sprache. Er wohnte im Studentenheim, ich im Dorf außerhalb der Stadt, deswegen verbrachte ich viele Mittagsstunden bei ihm, Musik hörend und auf das nächste Seminar wartend. Wir sprachen über alles, niemals allerdings über die entsetzliche deutsche Schuld an den Juden, die mir schmerzlich bewusst war.
Menachem studierte gleichzeitig Medizin und Psychologie, ich weiß nicht, wie er das zeitlich zusammenbrachte. Er wurde Psychiater und Psychoanalytiker, also ganz konsequent, in Freiburg. Jahre später, während eines Kongresses dort, habe ich ihn angerufen, morgens um 10 Uhr. Ich war in einer Minute abgefertigt. – Wieder ein verlorener Freund.
In Gießen war der Zusammenhalt unter uns Studenten eng. War man einmal nicht in der Vorlesung, fragten die andern am nächsten Tag: „Wo warst du?“ Abends saßen wir oft in einer Studentenhöhle, dem „Skarabee“, mit einen kleinen Fläschchen Bier für 3,50. Andere tanzten, wir nicht, wir hatten meist keine Mädchen.
Klaus Schreiber. Er war mein bester Freund über lange Zeit, wir machten in der Freizeit alles gemeinsam: rudern, schwimmen in Baggerseen und Freibad, wandern, feiern. In seinem grünen Cinquecento fuhren wir einmal nach Bad Hersfeld zur Freilichtbühne zu einer Skakespeare - Vorstellung. Bergab fuhr er schneller, als das Wägelchen hergab, er flog!
Das Examen nahte. Wir mussten eine Vierergruppe bilden: Klaus, Friedrich, über den ich noch viel berichten muss, und Friedrun (viele Mädel gab es damals im Studium nicht, heute sind sie in der Mehrzahl) und ich. Wir bereiteten uns intensiv vor. 13 Fächer! Jede Woche eine Prüfung. Wir hatten drei Monate Zeit. Jeden Abend trafen wir uns, um unser Wissen im jeweiligen Fach abzugleichen. Das Examen begann mit den großen Fächern Innere Medizin und Chirurgie, schriftlich und mündlich. Dazwischen blieb immer eine Woche Zeit: Alles noch mal wiederholen, die dicken Bücher, Diagonallesen erforderlich, ganz allein auf der Bude, abends abhören zu viert. Wir waren gut. Wir machten alle eine 1. Nur in Pharmakologie hatte ich eine 2; ich verstehe noch immer nicht viel davon. Am Ende, nach der letzten Prüfung, warfen mich meine Freund in die Luft, 50 kg Lebendgewicht.
Und danach? Friedrun war als Erste weg, wer weiß, wohin. Dann Friedrich – in die Pathologie nach Kiel. Klaus, nun schon mit Frau und Kind, nach New York. Jahre später habe ich ihn mit Familie dort besucht, ohne die Freundschaft erneuern zu können. Meine damalige Frau, mein Irrtum, hintertrieb es. – Die Zeit vertreibt die Wolken, die Sorgen, die Lieben und die Freundschaften.
Des Lebens Karawane zieht mit Macht,
Und jeder Tag, den Du verbracht
Ohne Genuß ist ein verlorner,
Schenk ein, Saki, es schwindet schon die Nacht.
(Omar-i- Chajam, um das Jahr 1000)
Friedrich Desaga. Ein besonderer Freund, ein Original! Ich muss seine Studentenbude beschreiben: Großes Zimmer mit Klavier, von dem sich zum Kleiderschrank eine Wäscheleine spannte, auf der die Höschen und BH´s seiner Freundin hingen. Diese habe ich nie gesehen, ich nehme an, er wechselte sie regelmäßig aus. Daneben gab es eine breite Matratze vom Sperrmüll, die ich später übernahm (ja, wir waren halt arm!), ein Aquarium mit Guppis, (das ebenfalls bei mir landete) und einen Käfig mit einem Hamster. Der Hamster starb. Und was tat Friedrich? Er sezierte ihn. Und fand einen Hirntumor! Noch deutlicher kann man sein medizinisches Interesse nicht kundtun. Er also ging nach Kiel in die Pathologie, wurde dann Internist und Röntgenologe – welch weite Wege – und übernahm die Privatklinik seines Vaters im Odenwald, seines Vaters, dem er nie nachfolgen wollte. Wir hielten losen Kontakt. Er hatte zwei Kinder: seine Frau war die geizigste Person, der ich je begegnete. Seine Ehe war miserabel, wie so viele – und meine auch.
Ich besuchte ihn in seiner Klinik, Spezialität: Gewichtsabnahme. Er selbst hatte Doppelkinn und Bauch wie sein Vater. Ich schlug ihm vor, eine Wanderung im Schwarzwald zu machen, von Offenburg unten im Rheintal nach Titisee, ein gutes Stück Weges. Es war eine denkwürdige Wanderung und so, als wären wir nie voneinander entfernt gewesen. Der Weg stieg immer weiter an, bis wir gegen Abend auf tausend Meter waren, Friedrich ununterbrochen hinkend und fluchend. Als wir endlich eine Unterkunft fanden und aßen und tranken, bemerkte ich, dass sein stattliches Doppelkinn und sein Bauch kaum noch da waren. „Sieh, Friedrich, so nehmen deine Patienten ab!“ Wir schafften es bis Titisee in vier Tagen, wir waren glücklich. Friedrich schimpfte nur noch grinsend.
Noch einmal später habe ich ihn angerufen. Sein Interesse war mäßig.
Was verlieren die Menschen im Verlauf ihres Lebens? Hoffnung? Zuversicht? Phantasie? Gott? Vielleicht alles zusammen? Es bleibt nichts von ihnen, lange vor dem Tod, eine Hülle, ausgehöhlt in den Nöten, in den Wirrungen ihrer Tage. Vielleicht lesen sie zu wenig gute Literatur?
Maschalla Mirsalim. Einer meiner besten und witzigsten Freunde. Er nannte sich Mike und stammte aus Teheran, ein Jahr vor mir in der HNO-Klinik in Gießen, und er begann sofort, mich zu unterweisen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch kein einziges Trommelfell gesehen. Von wem lernen wir ein Fach? Von den älteren Assistenten und Oberärzten, nicht vom Chef. Der verbreitet allenfalls Theorie. Auch gut, aber die Details, die lernen wir von unseren Freunden.
Mike war auch ein Original. Ich kenne seine ganze Familiengeschichte: Reicher Vater, Immobilien in Teheran, Bruder im eigenen Gewächshaus am Stromschlag gestorben, derlei persönliche Dinge. Er fuhr einen neuen blauen Opel-Sportflitzer, wie hießen die Dinger? Vergessen! Sein Hauptinteresse galt „Brötchen“, so bezeichnete er die jungen Mädchen, deren er im Laufe der Jahre unzählige besaß.
Abends, wenn ich Nachtdienst hatte, unbezahlt natürlich, war er noch immer da im „Ärztekasino“, einem kümmerlichen Raum mit staubigem Sofa und zwei Kochplatten und machte sich Rühreier mit Tomatenscheiben, redend, feixend, lachend, großartig! Mehr Freund kann man nicht sein. Der Chef, aus der DDR kurz vor dem Mauerbau mit Familie als Maulwurf geschickt (damals dachten die Kommunisten noch, sich ganz Deutschland einverleiben zu können, obwohl ihnen Tausende davongelaufen waren. Wie viele von den „Davongelaufenen“ waren auch Maulwürfe?) bezeichnete Mirsalim einmal bei der Visite laut als Kameltreiber. (Die Fremdenfeindlichkeit in der DDR war systematisch; die Gastarbeiter aus Vietnam wurden wie Sklaven behandelt). Ich hatte diese Beleidigung nicht selbst gehört, weil ich in dem kleinen Patientenzimmer ganz hinten stand. Ich hätte wohl sonst die roten Sternchen vor den Augen gesehen und das nicht ohne heftigen Widerspruch gelassen.
Zu jener Zeit haben Mike und ich fast nie etwas gemeinsam unternommen – und waren doch dicke Freunde. In späteren Jahren, er niedergelassen in Darmstadt, ich in Wiesbaden, besuchten wir uns wohl. Nicht nur Arzt war er, auch Unternehmer, Immobilien, Wertpapiere. Er eröffnete eine riesige Disco, der Eingang ein ganzer Straßenbahnwagen. Tanzbühnen auf mehreren Ebenen, Bars, Discjockeys, Mädchen… Von seinen Geschäftsführern und Angestellten wurde er nach Strich und Faden betrogen. Er fuhr die neuesten Porsches, wohnte aber in einem winzigen Appartement voller ungeordneter Papiere, Patientenkarten, T-Shirts und sonstigem Müll. Jeden Mittag und jeden Abend aß er in einem großen Topf vorbereiteten Reis, von dem er ein paar Löffel in immer die gleiche Pfanne mit Tomaten und etwas Öl gab und auf einer kleinen Elektroplatte erhitzte wie damals. Nur wenn ich ihn einlud, aß er ein Steak. Er trank niemals Alkohol, verachtete und verlachte aber die islamische Religion, den Schah mit seinem Polizeistaat ebenso. Als dann Chomeini die „Iranische Revolution“ begann und den Schah vertrieb, fuhr Mike unverzüglich mehrfach für Wochen nach Teheran, um dort in Krankenhäusern unentgeltlich Operationen für arme Leute durchzuführen. Bald erkannte er jedoch, wie die Entwicklung verlaufen würde. Er wurde am Flughafen festgesetzt, verhört und endlich abgeschoben. In den ersten Monaten waren zweihunderttausend Menschen ermordet worden, an den Straßenlaternen aufgehängt, gefoltert, in Gefängnissen getötet. Er und ich und die ganze Welt waren entsetzt, doch so geht das mit Revolutionen, die religiösen, die ideologischen sind die schlimmsten. Siehe die „Französische Revolution“, die noch immer als positiv für ganz Europa beschrieben wird, doch ebenfalls zweihunderttausend Ermordete forderte. Und wenn man Opfer sagt, so sind das Opfer eines ideologischen Wahns gewesen. Mike fuhr nie wieder in den Iran!
Er verlachte mich wegen meiner Bürgerlichkeit, ich lebte damals schon in treuer Eintracht mit Silke. Er hatte noch eine Afghanin, deren Brüder ihn erpressten und um hunderttausend DM erleichterten, danach eine hübsche und intelligente iranische Studentin, die jedoch einen deutschen Professor heiratete. Irgendwann verlor er mehr und mehr seine Haare und einige seiner Zähne; die von uns favorisierte italienische Küche muss doch besser sein. Ich habe noch alle meine guten Zähne und mein volles Kopfhaar. Und obwohl über Fünfzig, trug er noch immer Jeans und Jeansjacke. Mit den „Brötchen“ wurde es schwieriger, auch Casanova musste das erleben. Er gab seine Praxis vor mir ab – und so verloren wir uns. „Unterwegs verloren“ (Ruth Klüger). Ach Gott, muss das so sein?
Ich sitze noch mal am Strand in Marina di Pietrasanta, mein Flug Pisa – Frankfurt geht erst am Nachmittag. Es ist 10 Uhr morgens. Die ersten Strandgäste treffen ein, sehr laute junge Frauen mit schreiendem Kind. Es ist der erste Tag der Saison, nachdem es lange sehr schlechtes Wetter gewesen war. Der Himmel ist strahlend blau, das Meer ganz ruhig und sehr kalt. Alle „bagni“ müssen noch aufgebaut werden – und Ende September komplett wieder ab, eine Sisyphus-Arbeit! Täglich wird der breite Strand maschinell gereinigt, der breite, viele Kilometer lange, feine Sandstrand. Die ersten Strandbars und Restaurants eröffnen. Im September, wenn der Ansturm der Sommergäste nachgelassen hat, muss es wunderschön sein: ruhig, fast leer, warmes, klares Wasser, Balsam für die Seele, das unbekannte Ding, vor dem langen Winter in Deutschland.
Hatte ich Freunde in Freiburg?
Meine Wirtin, Frau Grosch, stellte mir auf der Straße ihre Nichte vor, 16 Jahre alt. Nie wieder habe ich ein so schönes Mädchen gesehen, auch nicht in der Skulptur, der Malerei. Sie gab mir artig die Hand. Einmal gesehen im ganzen Leben, nie vergessen! Gerhard Richter, der Maler, hat recht: Es geht immer um Schönheit! Was muss sich Gott gefreut haben, als er dieses sein Werk sah!
Gerd Schückle aus Niefern, außer mir der einzige Süddeutsche in der Studentenverbindung.
Ich wollte zu unserer Hütte, ein altes Bauernhaus in Bärental unterhalb des Feldberges, und ging zur Straßenbahn, Gerd neben mir. Wir unterhielten uns und stiegen in die Höllentalbahn und sprachen die ganze Zeit über Titisee hinaus bis Endstation Bärental sehr angeregt. Dort stieg ich aus, er nicht. „Steigst du nicht aus?“ „Nein, ich wollte dich nur begleiten“. Und fuhr nach Freiburg zurück.
So etwas kann man doch nicht vergessen!
„Z´Friburg in der Stadt, sufer ischs und glatt.“ (J.P.Hebel) Wir sahen den Film „Letztes Jahr in Marienbad“, in dem ein merkwürdiger Typ ein Spiel mit Streichhölzern auf den Tisch legt, 7, 5, 3, 1 untereinander (das Nimm-Spiel). Wer das letzte Hölzchen zieht, hat verloren. Der Typ gewann immer, niemand verstand, warum. Gerd studierte Physik und Mathematik. Am Abend setzte er sich in den Chargenstuhl mit Streichhölzern und einem Kasten Bier. Am nächsten Morgen war der Kasten leer und er hatte die Lösung. Er gewann jedes Spiel, hat uns aber nie verraten, wie. Das war Gerd Schückle! Bei einer Mensur schlug ihm sein Gegenpaukant ein Stück des linken Ohres ab. Die Jungs klaubten es auf und fuhren ins katholische Josefs-Hospital. Der Assistent aber weigerte sich, das Stück wieder anzunähen. So sah Gerd halt aus wie Vincent van Gogh. Er machte sich nichts daraus.
Seine Schwester hatte einen roten Sportflitzer. Sie fuhr eines Sommertags auf die Autobahn in Durlach, das Verdeck offen. Da stand ein junger Anhalter und hob den Daumen. Sie hielt, lachte ihn an und sagte: „Gell, do glotsch!“. Und gab Vollgas, ohne ihn mitzunehmen!!
Als ich von Berlin nach Freiburg zurückkam, um Physikum zu machen, war Gerd Schückle verschwunden und tauchte niemals irgendwo wieder auf.
Helfried Rüsing. Wir standen auf dem Balkon des Hauses in der Mozartstraße, er und ich. Da fuhr ein Mädel mit dem Fahrrad auf der Straße vorbei. Helfried sprang mit einem Satz über die Sandsteinbrüstung des Balkons in den Garten, um das schmiedeeiserne Tor herum, rannte ihr nach, hüpfte auf ihren Gepäckträger und verabredete sich mit ihr. Unfassbar!
Badenweiler. Helfried und ich fuhren auf meiner Vespa nach Badenweiler ins Thermalfreibad.
Wir sprangen von der Seite mit „Bombe“ ins Wasser. Wir hatten einen Riesenspaß. Die Kurgäste weniger. Helfried entschuldigte sich lachend und wir gingen ein Bierchen trinken. Es war nicht meine Idee gewesen, die Sache mit der Bombe. Jugend ist so, sie war schon immer so und wird immer so sein. Jetzt stehen wir Alten verständnislos daneben – und erinnern uns gar nicht, dass wir genauso waren.
Im ersten Semester sprach mich auf dem Gang der Anatomie der Professor an (wieso mich, den Pygmäen?): „Wären Sie bereit, morgen in der Vorlesung ohne Hemd die Muskulatur von Oberkörper und Armen zu zeigen, die ich demonstrieren will?“ Ich antwortete: „Ich habe nicht viel Muskulatur, aber einer meiner Bundesbrüder, der sehr gut aussieht, ist muskulös, ich kann ihn fragen!“ Dieser Freund war Hinrich Budelmann. Er studierte Jura, sah aus wie Apollo, hellblond, stark, braun gebrannt, eine Schönheit von einem jungen Mann.
Am nächsten Tag stand Hinrich mit freiem Oberkörper vor 800 Studenten in dem riesigen Hörsaal und straffte seine Muskeln nach Wunsch des Professors. Die Mädchen – fast die Hälfte aller Zuschauer - waren begeistert, ihre Äuglein funkelten, sie lachten vor Freude. Nach Ende der kurzweiligen Stunde zog Hinrich sein Hemd an und benutzte die Gelegenheit, für seine Kandidatur zur ASTA zu werben – mit Erfolg. Die Mädchen haben ihn wohl alle gewählt. Dann verschwanden sie, die Mädchen, ins „Pädagogische Institut“. Eine sagte mir: „Ich kann keine Leiche sehen!“ Wir hatten gar keine Leiche in Freiburg!
In den letzten Jahren haben Hinrich und ich uns wieder getroffen. Die „Hütte“ im Bärental brauchte neue Schindeln. Hinrich machte den Bauleiter. Ich war eine Woche lang dabei. Wir rissen die alten Schindeln ab und schlugen tagelang frische Lärchenschindeln an die Außenwände. Am letzten Abend, Hinrich war dabei, die Ecken zu versorgen, was das Schwierigste war, kam er langsam auf dem obersten Gerüst auf mich zu mit fragendem Blick. „Ich möchte, dass du mir hilfst!“ „Ich?“ „Ja, das ist mir am liebsten!“ Am Abend in einem Gasthof in der Nähe saßen wir stundenlang zusammen, Silke dabei, und erzählten uns Geschichten von früher, auch die vorher beschriebene, an die er sich genauso erinnerte wie ich, 40 Jahre später!
Ingolf Böttger, auch er ein Bundesbruder.
Kann ich noch weiter über Freunde schreiben? Es sind viele! Ich wundere mich selbst.-
Mit Ingo war ich im Frühjahr 62 auf Mallorca. Guni hatte das vermittelt. Was für eine Story! Einer Kurzgeschichte würdig. Es war März, wir blieben zwei Monate. Wir sollten an die deutschen und englischen Touristen am Strand Tickets für Bootstouren und Tauchgänge mit „Desportes Pol“ verkaufen. Pol war ein Bekannter meiner Schwester, Tauchmeister, groß, breit und stark. Ich musste ihm erstmal sagen, dass „Desportes“, was spanisch Sport heißt, kein Ausländer versteht. Er änderte den Namen in „Sport-Pol“.
Durch Frankreich fuhren wir zwei Tage lang mit dem „Europabus“ über die Route National 7 (Autobahn war noch nicht) nach Barcelona. Dort abends angekommen, nahmen wir ein Taxi und baten, uns zu einem billigen Hotel zu fahren. Wir bekamen ein Zimmer für (umgerechnet) 15 Mark für zwei pro Nacht. Es war sauber, das Licht kam vom Aufzugsschacht. Wir aßen in einem kleinen Lokal in der Altstadtgegend, dann tranken wir noch ein Bier an einer Theke – und mussten bemerken, dass wir im „Hurenviertel“ gelandet waren. Wir zogen uns schnell in unser Zimmerchen zurück. Am nächsten Abend gingen wir aufs Schiff nach Palma. Ingo nahm erstmal eine große Mahlzeit im Restaurant ein. In Palma trafen wir Pol, der uns stundenlang seine geliebte Insel zeigte, herrliche Buchten, einsame Strände, kein Tourismus! Wunderschön – und alles längst vorbei!
Pol besaß ein Haus in Can Pastilla, wir durften im 1. Stock wohnen, 2 Zimmer, Balkon. Die Sonne schien strahlend, wir wanderten die 6 km von Can Pastilla nach El Arenal den Strand entlang. Kein Haus, kein Hotel, nichts. Die Gegend kannte ich schon, denn ich war mit 15 mit dem Paddelclub „Rheinbrüder“ dort gewesen. Am Abend, als wir ins Bett gingen, wurde es kalt. Die Wolldecken waren merkwürdig feucht; wir schlotterten die ganze Nacht. Am Morgen wrangen wir die Decken aus, so nass waren sie und breiteten sie auf der Dachterrasse aus. Am Abend jedoch waren sie genauso nass: die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass die Sonne nichts dagegen ausrichten konnte.
Wir bekamen von Pol eine rot gestrichene uralte Vespa, der Vergaserdeckel war eine Sardinenbüchse. Hiermit fuhren wir jeden Mittag nach Palma hinein, vorbei an Slums von Zigeunern, zum Hafen unterhalb der Kathedrale, immer ins gleiche Gasthaus, dessen Namen ich nicht erinnere. In die Küche konnte man von allen Seiten hineinsehen. Wir aßen „Carne con patatas“ für sehr wenig Geld. Ingo aß immer zwei Portionen. Danach setzte er sich draußen auf die Stufen und hielt glücklich seinen Bauch. Dann schwang er ein Bein über den Rücksitz der Vespa und sagte: „Gib Dunst!“ Wir waren in Valdemosa, wo Frederic Chopin und George Sand einige Zeit gelebt hatten. In seiner Musik, vor allem in den Klaviersonaten 2 und 3, höre ich den Klang des Landes. Wir sahen uns mit dem roten Roller, der nur 60 fuhr, fast die ganze Insel an, Hügel und alte Dörfer mit Feldern rings umher, einsame felsige und sandige Buchten ohne Hotels. Es war erst Anfang März, die Touristen kamen später.
Gerd Löffler. Er war unser „Fecht-Chargierter“. Ja, ich weiß. Schlagende Verbindungen haben einen schlechten Ruf. Mein Vater trat 1907 ein. Man stelle sich vor: vor mehr als hundert und zehn Jahren! Er brachte mich dahin, wörtlich.
Das Fechten war schon im 19. Jahrhundert eine künstliche Wiederaufnahme aus vorrevolutionärer Zeit. Übrigens waren Duelle in Deutschland durchaus verboten, aber die Obrigkeit drückte die Augen zu, weil es gar keine richtigen Duelle waren oder sind. Und keine Sorge, es kann nicht viel dabei passieren, ganz anders als beim olympischen Degenfechten oder beim Ski-Abfahrtslauf, wo es schon mal einen tödlichen Ausgang gibt. Wir nahmen es als Sport, es trainierte Arme und Rücken. Morgens um 7 Uhr übten wir in der alten Brauerei „Feierling“ am Gerberbach mit einem Pauklehrer, der es liebte, mit der flachen Klinge auf das Leder des Schutzhelmes über die Deckung hinwegzuschlagen. Das tat wirklich weh, so dass man bestrebt war, den Arm mit dem Schläger weit hoch zu nehmen. Man ist beim „Rapierfechten“ überall geschützt, Augen, Nase, Hals, Brust, Hände, nur nicht auf dem Kopf und im Gesicht (eventuell Backenleder). Die Klinge ist scharf geschliffen und wird über dem Kopf gehalten. Beherrscht man die Technik, so kann man jedem Schlag des Gegners, ausgesucht gleich groß oder - wie in meinem Fall - gleich klein, begegnen. Es gibt, wenn ich mich recht erinnere, zwanzig „Gänge“ zu je 10 Schlägen im Rhythmus. Dann gehen die Sekundanten dazwischen. Fließt etwas Blut aus einer kleinen Kopfwunde, kann sofort abgebrochen werden. „Kneifen“, Zucken darf man nicht. Nach Ende der Partie, der Gegner stets von einer anderen Verbindung, geben sich beide die Hand, setzen sich lachend zusammen und trinken ein Bierchen. Braune Töne, wie heute in Österreich, gab es bei uns niemals!
Gerd hatte eine alte 125 NSU Max aufgetrieben, konnte aber nicht fahren. So lehrte ich ihn Motorradfahren auf den kleinen, krummen Sträßchen am Schloßberg. Das Motorrad hatte ein Nummernschild, war aber nicht angemeldet. Ein Schloss gibt es auch nicht mehr.
Gerd war der beste Fechter, den ich je sah. Er vereinbarte eine „Partie“ mit einem gleich schnellen und ebenso guten Fechter einer befreundeten Turnerschaft in Heidelberg. Wir fuhren hin, mit aller Ausrüstung. Die beiden traten an, Freunde und Gegner, sie schlugen so schnell, so perfekt, so wütend auch aufeinander ein, dass man durchaus den Eindruck eines Duells hatte. Und das war es auch, ein hochdramatisches, emotionales Spektakel aus alter Zeit. Beide bluteten, wollten aber nicht „abgeführt“ werden. Wer das tut, hat verloren. Doch beide wollten siegen!
Hanfried aus Bremerhaven. Damals hatte er noch nicht die merkwürdige Eigenschaft der dortigen Menschen, ununterbrochen ohne Punkt und Komma zu reden (und ich nicht so die vorwitzige Zunge). Wir bereiteten uns gemeinsam auf das Physikum vor und hatten dazu ein Doppelzimmer bei Frau Zimmermann in der Günterstaler Straße genommen, er sein Feldbett in der einen Ecke, ich in der anderen. Es gab eine sehenswerte Küche: turmhoch stapelten sich auf dem Tisch Töpfe, Pfannen und Teller, ungespült, dazwischen eine Hausmaus.
Wir standen um 7 Uhr auf, wuschen uns über der Badewanne nebenan, tranken unseren Tee und begangen zu lernen. Das Physikum war und ist das Feinsieb im medizinischen Studium, 50% der Studierenden muss durchfallen. Die schwierigste Prüfung. Wir hatten gedruckte Skripten erstanden, recht dicke Kladden: physiologische Chemie mit komplizierten chemischen Formeln, 50 Seiten lang. Physiologie ebenso, Anatomie, Histologie, Embryologie in allen Einzelheiten, Knochen, Muskeln, Gefäße, Nerven, Hirn, alles. Bloß keine Lücken lassen! Wir lernten, jeder für sich, bis 13 Uhr, fuhren dann zum Mittagessen ins Verbindungshaus in der Mozartstraße, anschließend gingen wir ins Loretto-Bad zum Schwimmen. Um 15 Uhr saßen wir wieder eisern jeder an seinem Tisch und paukten bis 19 Uhr. Kurzes Abendbrot mit einem kleinen Bier. Von 20 – 22 Uhr gegenseitig abhören. Drei ganze Monate lang. Gestritten haben wir uns nie (wir hätten dafür auch gar keine Zeit gehabt!).
Die Prüfungen waren schriftlich und mündlich. Wir bestanden mit einer 2 und vergaßen all das sofort, außer der Anatomie. Hanfried, ja die Norddeutschen haben eben so komische Namen, ging nach Göttingen (wo ich ihn besuchte), ich nach Heidelberg und dann nach Gießen. Hanfried wurde schließlich Chefarzt einer Kinderklinik in Bremerhaven.
Als wir, Silke und ich, vor jetzt mehr als 10 Jahren in Freiburg lebten, haben wir die Freundschaft zu erneuern versucht, weil er auch dahin umgezogen war. Jetzt studierte er mit fast 70 Jahren frühchristliche Archäologie, ohne aber Christ zu sein. Er bestand das Examen mit 1. Seine Frau Petra verbot danach jedes weitere Studium.
Klaus Th. Er war 2 Jahre älter und schon länger in der Verbindung, mein „Leibbursch“. Im Sommer 1960 oder 61 unternahmen wir gemeinsam eine lange Frankreichreise, sechs Wochen lang. Klaus, groß, stark, roter Bart, ein Wikinger, hatte eine Angebetete in Frankreich. In der Nähe von Besançon traf er sie in einem Feriencamp, in dem Studenten mit Schubkarren und Spaten Wanderwege anlegten. Ich habe sie nicht zu Gesicht bekommen, aber er sprach 6 Wochen lang von nichts anderem.
Wir fuhren in seinem alten Fiat Topolino, wir sahen den Pont du Gard, einen Stierkampf in der Arena von Nimes, besichtigten Arles, Aigues-Mortes und Carcassonne, zelteten am Strand von St. Marie de la Mer, einfach so, niemand störte das. Wir machten eine lange Bergwanderung in den Pyrenäen mit einer Gruppe von 1956 geflohenen jungen Ungarn zu Lac de Gaube, einer Art Kratersee hoch oben in den Bergen mit wunderbar klarem Wasser. Wir sprangen ins Wasser, ich war genauso schnell wieder draußen. Das Wasser mag 5 Grad gehabt haben. Aber Klaus, der Wikinger, schwamm gemütlich darin herum.
Wir querten Frankreich und erreichten bei Bidart die Biskaya gegen 7 Uhr abends. Wir schnappten Handtuch und Badehose und rannten zum Strand ins Wasser. Köstlich nach langer Fahrt. Wir schwammen hinaus mit großem Vergnügen, doch als wir nach einigen Minuten zurücksahen, waren wir schon sehr weit vom Strand entfernt und bemerkten einen starken Sog nach draußen. Wir machten also kehrt, nur zog es uns weiter schnell hinaus auf das Meer. Die einzelnen Strandgänger wurden kleiner und kleiner, die Wellen höher und höher. Unsere Kräfte ließen nach; wir winkten und winkten, uns der Gefahr bewusst. Man bemerkte uns endlich. Ein Rettungsschwimmer mit Ring und Seil schwamm auf uns zu, und so hielten wir uns fest. Der Sog nach draußen war jedoch so stark, dass das Seil riss. Zwei weitere Schwimmer kamen mit dickerem Seil. Das war unsere Rettung. Sehr langsam wurden wir alle an Land gezogen. Und dort hätten sie uns zu Recht beinahe verprügelt. Der Strand heißt „Les Amants“, da immer wieder nachts Liebespaare schwimmen gehen und ertrinken. Große Warnschilder standen da; wir hatten sie beide nicht beachtet. Wir bauten unser winziges Zelt auf und dachten nicht weiter darüber nach. Es war das gefährlichste Abenteuer meines Lebens.
Klaus´ Abenteuer war allerdings noch weit gefährlicher und folgenreicher für seine Zukunft. Er heiratete jene Französin, die ihn auch noch vor sich selbst warnte, da ihr Vater mehrfach Monate in psychiatrischen Kliniken verbracht hatte. Sie gebar zwei Mädchen, beide später schwere Borderliner, die niemals etwas arbeiten konnten, wie dies ja zum Krankheitsbild gehört. Im Laufe der Jahre belegte seine Frau ihn, auch das typisch, hasserfüllt mit den übelsten Schimpfnamen und machte Klaus Rotbart zum Hampelmann, der, obwohl zweifellos psychisch gesund, für Monate in der Klapsmühle landete und seinen gut bezahlten Job als Syndikus eines großen Unternehmens in Frankfurt verlor.
Was lernen wir daraus? Scherzhaft: Heirate keine Französin!
Als Silke und ich in Freiburg um die Jahre 2000 lebten, besuchte er mich dort, ein Wrack mit Khakihose, Khakijacke, Khakimütze und Herrentäschchen. Zum Mittagessen nahm er einen Betablocker und ein Psychopharmakon, die sich nicht miteinander vertragen. Beim anschließenden Spaziergang im Wald brach er zusammen. Ich musste ihn ins Krankenhaus bringen mit einem Puls von 45/min, eine Folge der Medikamente. Sie stellten ihn in vier Tagen wieder auf die Beine. Ich kaufte ihm weiße Schiesser Unterhosen mit Eingriff, Größe 6.
Alte Freunde soll man vielleicht nach langen Jahren doch besser nicht wiedersehen.
Borderliner brauchen eine oder mehrere Personen zum Zerstören. Den Partner, aber auch die Kinder oder sich selbst. Meine Erste, ebenfalls von dieser Sorte, hat das auch betrieben, doch bei mir funktioniert das nicht. Bei Klaus hat es funktioniert, er hatte trotz seiner Bärenhaftigkeit keine Widerstandskraft, kein Einsehen in seine eigene Situation und keinen Mut, sich rechtzeitig zu verabschieden. Armer Kerl! Nun ist der Text in diesem Teil doch fast eine Krankengeschichte geworden.
Gewiss, es gab noch etliche andere gute Freunde, die bisher keine Erwähnung fanden – und das ist vielleicht besser so, weil ihr Lebenslauf, ihr geistiges Potential und ihr Ende schmerzhaft waren.
Pina.
Dieses Kapitel muss ich kurz machen. Weil es nicht nur Freundschaft war. Sie war die große Liebe meiner mittleren Jahre vor Silke und hat mich aus der Kälte in einer Ehe mit einer betrügerischen Frau gerettet.
Dass man das immer zu spät bemerkt! Aber Betrüger könnten nicht betrügen, wenn man es gleich ahnte, so spielen sie also die nettesten Leute. Pina, recht klein, lockiges schwarzes Haar, ganz weiße Haut, Ergebnis von Zuchtwahl in Sizilien, und volle Lippen. Sie war 20 Jahre alt. Ich hatte sie beim ersten Blick ins Herz geschlossen.
Verloren ist das Slüsselin
du muost immer drinne sin.
(Walther von der Vogelweide)
Es dauerte nicht lange – leider. Sie heiratete, bekam zwei Kinder, aber nicht von mir. Sie ließ sich scheiden und entglitt. Zum Geburtstag und zu Weihnachten schrieben wir uns viele Jahre liebevolle Karten, sahen uns aber nie. Zweimal noch, 35 Jahre später, haben wir mit Wissen von Silke einen Prosecco oder zwei in Wiesbaden getrunken und geschwätzt. Einmal habe ich sie zum Essen eingeladen. Sie war gepflegt und hungrig. Danach machten wir noch einen kleinen Spaziergang im Kurpark bis zum Ententeich. Dabei sprach sie so wirres Zeug, erschreckend unverständliche Dinge, dass ich einen schizophrenen Schub diagnostizieren musste. Ihre Mutter hatte das - im gleichen Alter. Ich fuhr nach Hause, suchte und fand das „Slüsselin“ und schloss die Kammer auf. Manche Dinge tun halt weh.
Jörg.
Sein älterer Sohn ging mit meinem in dieselbe Klasse; so lernten wir uns kennen. Jörg war mein dickster Freund in jener Zeit in Wiesbaden. Wir spielten 8 Jahre lang Squash jeden Samstagmorgen. Jörg, immer lachend, hatte ein Bäuchlein und zwei Vorlieben: Rauchen (60 Zigaretten pro Tag) und Frauen. Neben seiner Ehefrau, die ebenfalls stark rauchte, hatte er jahrelang eine Maitresse. Sonntags wollte er allein in die katholische Kirche, wahrscheinlich zum Büßen. Er ging vorne hinein und sogleich hinten wieder heraus. Er besuchte seine Maitresse – und büßte dort.
Seiner Vorliebe „Frauen“ ging er auf vielen Wegen nach, auch telefonisch zunächst, mit seiner schönen, männlichen, erotischen Stimme, dann aber schnell ganz konkret. Seine arme Ehefrau erlitt einen schweren Schlaganfall (Rauchen scheint doch nicht ganz so gesund zu sein!) und war fortan ein Pflegefall, aber da hatte er sie schon verlassen und bald eine Jüngere geheiratet.
Wir haben nie verstanden, warum ausgerechnet diese, die ja schon 37 Jahre alt war (Silke war 26, reicht doch für einen 51jährigen!). Ihre persönlichen Vorzüge waren für Außenstehende nicht ersichtlich. Die beiden „retorteten“ noch ein Kind, das, weil es keine Milch an der Brust bekam, fast verhungert wäre. So schickte ich Jörg am Samstagnachmittag in die Notapotheke, um Milchpulver und eine Flasche zu kaufen. Das Kind erholte sich. Die Freundschaft zerbrach. Ich hätte das Kind doch nicht verhungern lassen können! Doch davor waren wir über Jahre gute Freunde gewesen, mit viel Witz und Humor, und darum geht es schließlich bei der Freundschaft.
Da wäre noch Erich Neumann zu erwähnen, der fast in meinem Alter war und nun schon einen kleinen Stein auf dem Heßlocher Friedhof hat. Wir gingen jeden Tag mit seinem und unserem Hund schnellfüßig in den Wald und unterhielten uns gut. Wir machten im Winter Holz im Wald mit der Stihl- Kettensäge, einem herrlichen Männerspielzeug mit viel Krach, das er mich nie in die Hand nehmen ließ; aber wer gibt schon gern sein Spielzeug her? Ich habe ihn gezeichnet, ein sehr gutes Portrait, und verbeugte mich vor seinem Grab.
Peter M.R., großzügiger Freund. Wir lebten 2 Jahre zur Miete in seinem Haus in Wiesbaden. Jeden Dienstag war er bei uns zu Gast beim Mittagessen. Seine Vorlieben galten der Geselligkeit, in hohem Maße dem Alkohol, nicht nur Bier und Wein, und dem Rauch (60) und immer weniger seinem Beruf als Zahnarzt. Schließlich konnte man sich mit ihm nicht mehr unterhalten, die Ganglienzellen im Gehirn waren zerstört. Dies kann nicht gutgehen, und es ist auch nicht gut gegangen. Und mit allen seinen Kumpanen, die ich auch schätzte, ebenso nicht.
Und sie fehlen doch!
Tante Lina
Bei Tante Lina sollte im Alter von hundert Jahren der letzte Zahn gezogen werden. Ich brachte sie zum Zahnarzt, dem sagte sie, ich hätte sie ihr ganzes Leben begleitet. Aber, Tante Lina, das war doch umgekehrt! Tante Lina war nicht dement, es war nur ein „Freud’scher Versprecher“.
Sie hat mich tatsächlich fast mein ganzes Leben begleitet, von der Dorfschule, der Kindheit, dem ersten Lateinunterricht bis zur missratenen ersten Ehe und der glücklichen Verbindung mit Silke.
„Ein ganzes Leben!“ (Robert Seetaler).
Ein wenig bedankt habe ich mich schon, als sie 91 war - da machten wir gemeinsam, nur sie und ich, einige Tage Ferien in Südfrankreich. Wir sahen in der Arena von Arles einen richtigen Stierkampf, mein jüngerer Sohn aus Aix war dabei. Tante Lina sah das alles zum ersten Mal in ihrem Leben. Wir nahmen ein Hotel in Nimes, waren am Strand und ich führte sie jeden Abend in ein feines Restaurant in Aigues-Mortes. Wegen ihres hohen Alters genoss sie dort besondere Ehren.
Als sie 94 Jahre alt war, besichtigten wir Rom. Silke, Tante Lina und ich. Wir sahen das Kolosseum, die Pietà von Michelangelo in San Pietro in Vincoli, den Petersdom natürlich und viele andere Sehenswürdigkeiten. Tante Lina war glücklich und sehr tapfer. Sie hatte neue Schuhe und sich eine blutende Blase gelaufen – ohne Klage.
Danke, Tante Lina.
Sie starb mit fast 105 Jahren, so tapfer wie sie immer gewesen war.
„In jener Nacht, wo keine Sterne blinken.
Wo keines Auswegs Hoffnungsstrahlen winken,
Schrick nicht zurück, wenn deine Reihe kommt,
Der Becher kreist, und jeder muss ihn trinken.
Omar - i- Chajam