Hitler's Tod von René Avold
Dies ist eine Geschichte, nicht, wie sie war, aber, wie sie hätte sein können oder sein müssen.
„Was suchen Sie, Monsieur?“ fragte die alte Frau bei ihrem Buchstand am Seine- Kai, nachdem ich lange in ihren Büchern und Heften, in ihren Kisten gestöbert hatte.
„Ich bin Schriftsteller und Historiker – wie alle Schriftsteller suche ich nach einer interessanten Geschichte, vielleicht das Leben einer historischen Persönlichkeit…“
„Interessieren Sie sich auch für Personen aus unserem Jahrhundert, es ist ja viel geschehen in dieser Zeit?“
„Ja, durchaus, viele Begebenheiten der letzten Jahrzehnte sind noch gar nicht gewertet und publiziert.“
Die alte Dame kramte in ihren Kisten unter dem Tisch. Als sie wieder auftauchte, hielt sie ein Heft in der Hand, in blauem Karton mit Zwirn gebunden, fingerdick.
„Sie sind Deutscher, n´est pas, so, wie Sie das Französische aussprechen?“
„Ja, Madame, aber ich lebe in Paris.“
„Vielleicht ist das etwas für Sie. Schauen Sie mal hinein. Es ist auf deutsch geschrieben, und ich kann es selbst nicht lesen.- Ich habe es mehr als 40 Jahre aufbewahrt!“
Ich öffnete die unscheinbare Kladde. Sie war fein säuberlich mit Bleistift beschrieben.
Oben drüber stand: Hitlers Tod. Ich begann, neugierig zu lesen. Die Umstände von Hitlers Tod waren ja bekannt. Er wurde von einer Gruppe von französischen Geheimagenten getötet. Aber hier wurde offensichtlich die bekannte Version in Frage gestellt.
„Und was sie nicht alles zusammengelogen haben, danach!“
Ich las den ganzen Absatz.
„Hier die einfache Wahrheit. Aber erst die Vorgeschichte, die historischen Zusammenhänge, die Ursachen, die politischen, die gesellschaftlichen und die persönlichen.“
Das war eine Geschichte, wie ich sie suchte.
„Madame, was darf ich Ihnen dafür geben?“
„Rien, Monsieur, Bücher müssen Sie bezahlen, aber das Heft gebe ich Ihnen so mit, als Leihgabe. Der das schrieb vor vielen Jahren, war ein guter Freund, es ist seine persönliche Sicht der Zeit, nehme ich an.
Was darin steht, weiß ich nicht im Einzelnen. Auf jeden Fall hat er verfügt, dass es erst nach vielen Jahren an die Öffentlichkeit kommen sollte. Wenn Sie nichts damit anfangen können, so bringen Sie es mir bitte wieder, geben Sie mir Ihren Namen und die Adresse!“
Ich nahm mit Dank das Heft – und las die halbe Nacht, mit kleinen Pausen zum Nachdenken
wegen der Dramatik des Geschilderten. Gegen ein Uhr schlief ich ein, träumte von der schlimmen Zeit in den Dreißigern, die ich gar nicht erlebt hatte, erwachte mit Herzklopfen und las weiter.
Ich war fasziniert. Sollte es wirklich so gewesen sein? An der offiziellen Version zweifelte niemand mehr. Der französische Geheimdienst war verantwortlich, doch nun dies!
Ich schien ein historisches Dokument in Händen zu haben, einen Bericht von eigener Hand, der nur in einem einzigen Exemplar existierte.
Ich musste unbedingt mehr über den Autor erfahren. Sein Name tauchte in dem Bericht nur als Karl S. auf. 1937 begonnen, endete der Text 1938.
Also war ich am nächsten Tag wieder am Seine-Ufer. Es regnete in Strömen, die Stände waren alle geschlossen. Drei Tage musste ich warten, voller Ungeduld und Angst, die alte Dame nicht mehr anzutreffen. Dann klarte der Himmel auf. Eine blasse Herbstsonne spiegelte sich im Wasser des Flusses. Das Pflaster, bedeckt mit den gelben Blättern der Platanen, glänzte. Aber es war sehr viel kälter geworden.
Madame trug eine alte Biberpelzjacke, ein Kleidungsstück, das es nirgendwo mehr gibt, und Handschuhe.
„Bonjour, Monsieur“ Nach einer langen Pause und einem tiefen, prüfenden Blick:
„Haben Sie es gelesen?“
Ja, Madame, und ich bin erschüttert. Wenn das wahr ist, so ist es eine Sensation! Aber Sie wissen vielleicht gar nicht, worum es geht?“
Um Mund und Augen spielte ein feines Lächeln.
„Alors, Monsieur, bringen Sie es schon zurück – oder, warum sind Sie hier?“
„Ich möchte gern mehr erfahren über - den Autor des Berichts.“
Wir standen allein und fröstelnd am Kai. Der Himmel hatte sich wieder verdunkelt, und es fielen erste Regentropfen.
„Ich schließe jetzt, es kommt sowieso niemand mehr!“
„Madame, darf ich Sie zum Abendessen einladen – und Sie erzählen mir ein wenig von sich, von jener Zeit und von ihm, der sich Charles nannte?“
„Volontier, Monsieur, vielleicht bin ich Monsieur Charles das schuldig, ohne ein paar Erklärungen können Sie ja nichts damit anfangen.“
Sie bezeichnete mir ein Lokal in der Nähe von St. Sulpice, wo ich mich gegen 20 Uhr einfinden sollte.
„Vous prenez un apéritive, Messieurs dames?“
„Oui, deux coupes de Champagne, svp.“
“Woher haben Sie Ihren französischen Namen, Monsieur Durand?”
„Meine Vorfahren waren französische Protestanten, sie mussten Ende des 17. Jahrhunderts nach Deutschland fliehen“
Die alte Dame war erstaunlich gut gekleidet. Sie trug ein blaues Wollkleid, darüber die typische, weiße Häkeljacke der älteren, französischen Frau, alles sehr sauber und ordentlich, als Schmuck eine schöne Perlenkette sowie ein schmales, goldenes Armband.
Sie bemerkte meine erstaunten Blicke.
„Vous savez, Monsieur, das habe ich einst von einer alten Dame geerbt, die ich bis zu ihrem Tod gepflegt habe, Madame d´Ormont . Steht nicht etwas von ihr in dem Heft?“
„Oh, ja, Madame d´Ormont ist ausführlich erwähnt und mit Respekt bedacht. Vor allem ist aber auf den Seiten, die hier in Paris handeln, von einer Mademoiselle Nadine die Rede – und das mit noch viel mehr Hochachtung. Sagen Sie, Madame, wer war Nadine?“
„C´est moi, Nadine Bertrand, und wir nannten ihn Monsieur Charles. Er war bei allen beliebt.
Wir in Paris fragen nicht, woher, wohin, wir nehmen jeden nur als Menschen, wenn er freundlich ist – und er war tres gentil.“
„Waren Sie ein Paar, ich meine, lebten Sie zusammen?“
„Nicht in diesem Sinne, nein. Ich hatte meine kleine Wohnung im 6. Stock, im zweiten Dachgeschoß eines alten Hauses, M. Charles hatte sein Zimmer bei Madame d´Ormont, die ich jeden Tag besuchte. Sie konnte schlecht gehen, nur mit zwei Krücken – also kaufte ich für sie ein und arrangierte die Wohnung. M. Charles hatte ich zu ihr gebracht. Er fühlte sich sehr wohl dort, er half ihr beim Anziehen, beim Baden, immerzu bei allem. Sie unterhielten sich ständig über Politik, Literatur, Musik und Malerei. Sie sprachen nur französisch miteinander, obwohl Mme. d´Ormont mehrere Sprachen sprach, auch deutsch, sie war ja eigentlich aus Wien.
Sie hatte eine große Bibliothek mit Erstausgaben und Autographen, und sie sammelte graphische Kunstblätter, Radierungen, Zeichnungen, Stiche, Aquarelle, ganze Mappen voll.
Charles schaute sich diese Blätter oft stundenlang an. Das alles habe ich später geerbt, es war der Grundstock für mein Geschäft.“
„Von dieser Sammlung habe ich gelesen, aber es ist gewiss viel lebensvoller, das noch einmal von Ihnen selbst zu hören. Madame, wie sah er aus, M. Charles, wie war er?“
„Ein Photo habe ich nicht, das heißt, ich habe noch seinen französischen Ausweis – Charles Muller aus Strasbourg, das Photo ist echt, aber der Ausweis war gefälscht.- Sie, M. Durand, sind in dem Alter, in dem M. Charles damals war, 1937, als er hier ankam. Er war 1900 geboren. Ich war gerade mal 23 Jahre alt. – Ich war Waise. Der Vater fiel 1914 im Krieg, gleich in den ersten Wochen, da war ich noch gar nicht geboren. Meine Mutter starb bei der Grippeepidemie 1919. Ich kam ins Waisenhaus, vom 5. bis zum 14. Lebensjahr. Es war nicht gut dort, wir wurden oft geschlagen, und es gab nicht viel zu essen. Aber daher habe ich meine seelische Widerstandskraft – und mein Glaube, nicht selbstverständlich in einer so gottlosen Zeit!“
„Also, Monsieur, wir lebten nicht zusammen, wir waren kein Paar im üblichen Sinne, aber er war „MON AMOUR“. Das hatte ich ja nicht, vorher. Aber genauso hatte ich mir einen Mann vorgestellt und gewünscht: respektvoll, liebevoll und zärtlich, vielleicht ist zart das bessere Wort, ein Mann, der mit mir spräche, mich bildete und unterstützte – und das tat er.
Wir sahen uns jeden Abend. Wir speisten zusammen in einem kleinen Lokal hier in der Nähe, „Chez Yvette.“ Es war nicht so teuer, halt für die kleinen Leute im Quartier, aber gut. – Yvette starb an Lungenkrebs, schon mit 52 Jahren. Das Lokal gibt es seitdem nicht mehr. Es war auf der anderen Seite der Straße.
Sie haben gefragt, wie M. Charles aussah. Nun, er war nicht sehr groß, schmal, fast dünn. Er hatte hellbraune Haare und dunkelbraune Augen. Als ich ihn zum ersten Mal sah an jenem Abend im Frühjahr 1937 trug er Wanderkluft, wie man sie im Gebirge trägt, und einen Rucksack, das war etwas wunderlich, denn hier gibt es ja keine Berge, vom Mont Parnasse abgesehen.“ Sie lachte.
„Er stand auf der anderen Seite der Gasse, mir gerade gegenüber- und lächelte. Und wenn er lächelte, war das sehr ansteckend. Fremde Leute, denen er mit seinem Lächeln begegnete, mussten auch gleich lächeln – ein Phänomen! Ich ebenfalls – und er kam herüber. Er sagte:
Bonsoir, Mademoiselle und gab mir die Hand. Das war ich nicht gewöhnt. Und dann: Darf ich Sie zum Abendessen einladen, bitte? Er sagte „bitte“ dazu! Da konnte ich nicht nein sagen.
Mir fiel nur „Chez Yvette“ ein, und dahin gingen wir dann. Es war ein sehr schöner Abend.
Wir waren uns gleich sympathisch. Er hatte den gleichen Ausdruck in seinen Augen, wie ich als Kind, wenn ich in den Spiegel schaute: völlige Verlassenheit!“
„Hat er Ihnen erzählt, weshalb er in Paris war?“
„Nein, ich habe auch nicht gefragt. Damals gab es viele Flüchtlinge aus Deutschland, meist Juden, die dort nicht bleiben konnten.
„Wussten Sie, dass er gefoltert worden war?“
„Er hatte viele Narben am Körper, wo sie ihre Zigaretten ausgedrückt hatten; als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur: vous savez, la Gestapo! Da wusste ich das, aber nicht warum. Aber sie brauchten ja vielleicht kein Warum.“
„Sie sind gut informiert über diese Zeit, Madame Bertrand. Und Ihre Geschichte ist ebenso spannend wie seine. Das reinste Zeitdokument!“
„Es war eine schlimme Zeit, Frankreich lag wirtschaftlich noch immer darnieder. Die vielen, wechselnden Regierungen mit immer dem gleichen Personal, der Streit zwischen den Rechten und den Kommunisten, all das ließ keine Erholung zu, weder dem Land, noch dem Einzelnen. Hinzu kam die ständige, offene oder untergründige Bedrohung durch Deutschland….
Charles fürchtete, dass erneut ein Krieg vom Zaun gebrochen würde - wegen der Hochrüstung der Faschisten. Wir waren ja von Faschisten an allen unseren Grenzen umgeben.“
„Jetzt möchte ich Sie fragen, womit M. Charles sich beschäftigte hier in Paris, hat er gearbeitet?“
„Er half überall, bei Yvette in der Küche und im Keller, er half jedermann, wann immer jemand hier Hilfe brauchte; er trug die Kohlen, räumte die Öfen aus und trug die Asche hinunter. Er kehrte die Höfe und Werkstätten von Madame d´Ormont, all diese Dinge, und immer in Anzug und Krawatte. Als er mich am Abend des zweiten Tages zum Essen abholte, hatte er sich vollkommen neu ausstaffiert: hellgrauer Anzug, weißes Hemd, eine schöne Krawatte und Schuhe, auf dem Kopf ein béret basque, ganz wie ein Franzose der damaligen Zeit, es fehlte nur die Zigarette an der Lippe, aber bald folgte auch diese.- Übrigens war sein Französisch recht mangelhaft und die Aussprache hart, aber er lernte schnell, nach ein paar Monaten merkte man kaum noch etwas davon.“
„Wenn jemand erkrankte hier im Viertel, so riefen sie oft nach ihm, er war ja Krankenpfleger!
Er ging zu den Leuten, sah sie sich an, hörte sie mit einem hölzernen Hörrohr ab, wie eine Hebamme, und kaufte oft von seinem eigenen Geld Medikamente. Einen Arzt konnten sich die Menschen hier nicht leisten!“
„Er war Arzt!“
„Oh, tatsächlich? Jetzt verstehe ich das! Er hat das nicht erwähnt, er sagte immer: ich bin eine männliche Krankenschwester.“
„Das war ein Teil seiner Camouflage, er fürchtete die Gestapo!“
„Ja, ich weiß, er meinte, überall in Paris welche zu sehen: „Die Invasion dieser Leute hat schon begonnen!“ Deshalb ging er sehr ungern in die Stadt, oder nur mit mir am Arm. Wir waren dann gekleidet wie ein armes Pariser Ehepaar.
Im Übrigen machte er lange Radtouren, zeichnete und malte. – Da fällt mir ein, ich habe eine Zeichnung von ihm selbst, ein Selbstportrait. Ich habe es rahmen lassen und an eine wenig beleuchtete Stelle in meiner kleinen Wohnung gehängt, damit es nicht so vergilbt. Wenn Sie wollen, könnte ich es Ihnen zeigen, hergeben will ich es natürlich nicht.
Und von mir habe ich ein kleines, hübsches Portrait in Öl, das er gemalt hat.“
Sie wurde ein wenig verlegen.
„Ich habe es mitgebracht, wollen Sie es sehen? Ich bin sehr stolz darauf, es ist sehr schön…“
Ich bemerkte jetzt, dass sie eine geräumige Handtasche mitgebracht hatte. Daraus nahm sie nun das Bild, in Seidenpapier eingeschlagen.
Wir hielten es unter die Tischlampe – und ich war überrascht. In seinem Bericht hatte er erwähnt, dass er gezeichnet und gemalt habe, kleine Landschaften vornehmlich, aber das hatte ich nicht erwartet: auf dunkelblauem Grund ein blasses, pausbäckiges Mädchen mit dunklen Haarfransen in der Stirn und über dem Ohr, ein tiefviolettes Tuch um Hals und Schultern, das vorn mit einer Camée geschlossen ist, ganz anders, als man sich eine junge Frau mit dieser Profession vorstellen würde.
„Die Zunge zwischen den Lippen, das ist eine Zufallsgeste, die jeder macht, keine Anzüglichkeit!“ sagte sie bestimmt. „ Charles liebte die Darstellung von Spontaneität, er mochte keine starren Portraits.“
„Es ist sehr schön, Madame, und Sie waren ein sehr hübsches Mädchen…übrigens erkenne ich noch jetzt an Ihnen die Ähnlichkeit: die Blässe, die glatte Haut, die vollen Lippen. Madame, ich bin entzückt von diesem Bild – und von dem ganzen Abend, ich danke Ihnen sehr!“
Wir waren bei Cognac und Café angelangt, aber es war doch noch so viel zu fragen und zu erzählen. So trafen wir uns am nächsten Morgen zum Frühstück. Nachdem ich das kleine Portrait kannte, sah ich in der alten Dame nun das blasse Mädchen dieses Bildes, als sei sie so wiedererstanden in ihrer Schönheit von ehedem, ich hatte das Gefühl, ich unterhielte mich mit jenem Mädchen.
Sie trug ein graues Kostüm, um Hals und Schultern ein tief violettes Seidentuch, das mit jener Camée gehalten war.
Sie bemerkte erneut meinen erstaunten Blick.
„Ich bin nicht so arm, wie man denken könnte, grace de Dieu. Madame d´Ormont und Monsieur Charles haben mir einen gewissen Betrag hinterlassen, den ich für eine Rente angelegt habe. Die erhalte ich jetzt. Es ist nicht viel – und das Geld wird ja auch immer weniger wert – aber ich verdiene ja mit meinem Stand.“
Da griff sie an die Brosche. „Die ist von Charles, schon 1937, nach den ersten Tagen. Ich trage sie nur selten, damit ich sie nicht verliere.“
„In dem Bericht sind die dramatischen Ereignisse der damaligen Zeit beschrieben, woher bekam er die Informationen, hier in Paris?“
„Er las französische und schweizer Zeitungen, und er saß oft an dem großen Radio von Madame, er hörte ausländische Nachrichten und Kommentare.“
„Die üble Behandlung der Juden in Deutschland hat ihn wohl entsetzt, er berichtet immer wieder davon.“
„Ja, er dachte, die Nazis würden die Juden nur nach und nach zur Auswanderung zwingen.
Er sagte: Ich bin so dumm, ich hatte immer noch nicht verstanden, wie grausam, wie mörderisch sie sind!“
Wir tranken unseren Café au lait in den breiten, grünen Tassen mit dem Goldrand und tunkten die Croissants hinein.
„Er hasste die Nazis und er fürchtete sie. Er sprach davon, dass wir nach Cuba oder Südamerika auswandern könnten. Er schickte mich mehrfach in die Botschaften, um Informationen einzuholen. Er selbst ging nicht hin. „Das sind für mich die gefährlichsten Orte in Paris!“ Aber wir konnten kein Visum erhalten.“
Um 11 Uh saßen wir noch immer im ´Deux Magot´, niemand störte uns. Schließlich kam der Kellner und fragte: „Vous désiréz quelque chose, Mdames?“
„Oui, deux coupes de Champagne, svp!“ sagte ich.
„Et des huitres! – Wissen Sie, zu Austern komme ich nie, nicht, dass ich sie mir gar nicht leisten könnte, aber allein? Es mangelt an Gesellschaft. Die Freunde von früher sind schon alle tot. Als Erster ging Monsieur Charles.“
„Wann und woran starb er?“
„Das, Monsieur Durand, erzähle ich Ihnen, wenn Sie die Geschichte fast zu Ende haben – bis auf den Schluss… Das Heft übrigens fanden wir in seinem Schreibtisch. Mm d´Ormont hat es gelesen und mir übergeben, ohne ein Wort, aber mit Hochachtung. -
Wir hätten so schön, so friedlich miteinander leben können. Einmal sagte er zu mir: Wir könnten Kinder haben, Nadine, sie wären so schön, wie Sie! Und so klug, wie Sie, erwiderte ich. Wir blieben beim Vous, wie in der alten Zeit, es ist so respektvoll – außer, wenn wir ganz unter uns waren.
Die Deutschen haben Frankreich dann nicht angegriffen, es war ein großes Glück.“
„Monsieur Charles hat seinen Beitrag dazu geleistet.“
„Darf ich Ihnen noch etwas erzählen, M. Durand, eine heitere Geschichte?“
„Erzählen Sie bitte, alles, was Ihnen einfällt, es interessiert mich sehr!“
„Wir haben eine kleine Reise gemacht, nur wir beide, Anfang Juli 37, mit dem Auto nach Trouville sur Mer. Es war die erste Reise meines Lebens- und die Einzige. Wir fanden ein kleines Hotel, wo wir unterkamen, nicht leicht damals, wenn man nicht verheiratet war, aber Charles hat das arrangiert. Sieben Tage, es war wunderschön. Wir scherzten und plauderten den ganzen Tag, eben, wie frisch Verliebte, wir lagen im warmen Sand und spielten mit Murmeln, wie die Kinder. Wir schwammen, wenn die Flut kam und liefen über den weiten Strand bei Ebbe. Und immer schien die Sonne.- Charles war einfallsreich und witzig, wir haben so viel gelacht. Ich holte meine Jugend nach. Figurez vous, Monsieur, sieben Tage Jugend!“
„Sie haben ein schweres Leben gehabt, Madame.“
„Ja, und unverschuldet. Es war la politique maudite, die unser Leben zerrissen hat. Charles hat das oft gesagt.“
Wir verabschiedeten uns mit ´des bises´. Ich versprach, sie aufzusuchen, wenn ich die Geschichte weitgehend fertig hätte.
„Dann speisen wir zusammen am Abend und Sie bringen mir das Heft wieder, bitte, hier meine Karte, rufen Sie einfach an!“
Ich begann mit der Arbeit.
Paris, 1937
Hitlers Tod
Und was sie nicht alle zusammengelogen haben, danach.
Am 21. April 37 eine offizielle Verlautbarung in den Zeitungen:
Gestern, Sonntag, den 20.April, an Führers Geburtstag, ist ein niederträchtiges Attentat auf den Führer bei seinem Besuch in K. verübt worden. Der Führer wurde aber nur leicht verletzt. Nach einer kurzen Behandlung im Krankenhaus ist er auf den Berghof zurückgekehrt.
Die Schuldigen wurden bereits dingfest gemacht. Die Gestapo verhaftete eine Gruppe von französischen Geheimdienstlern, die einem Standgericht vorgeführt und sofort erschossen wurden.
Darauf verstehen sie sich, auf willkürliche Festnahmen und Erschießungen. Und weiter:
Der Führer hat schwere Vergeltung für Frankreich angekündigt.
Dann, am 28. April:
Der Führer ist erneut zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht worden. Es geht ihm aber den Umständen entsprechend gut. Während seines Krankenhausaufenthaltes führt Martin Bormann, sein Stellvertreter, die Regierungsgeschäfte
Zwei Tage später, 30. April:
Martin Bormann hat die Verantwortung auf SS-Führer Heinrich Himmler und Minister Josef Goebbels übertragen. Der Führer ist auf dem Wege der Besserung.
Mit Kopfschuss? Alles Lügen, die ihre Machtkämpfe verschleiern sollten.
Hier die einfache Wahrheit. Aber zuerst die Vorgeschichte, die Zusammenhänge, die Ursachen, die politischen, die gesellschaftlichen und die persönlichen.
1934
„Kommen Sie ´mal rein, Herr S., ich möchte Ihnen etwas sagen.- Ich verlasse die Klinik in den nächsten Tagen, wir wandern aus nach Amerika, nach Kalifornien.“
„Gott, Herr Oberarzt Korn, wie beneide ich Sie darum, hier kann man ja gar nicht mehr in Ruhe leben.“
„Das ist wohl wahr, vor allem als Jude nicht. Es gibt keine Zukunft für uns hier, das haben wir längst verstanden. Meine kleine Familie, meine Frau hat ja erst kürzlich ein Kind bekommen, geht zuerst nach England, wo wir ja Verwandte haben. Sie wissen, ich bin in London geboren. Von da werden wir dann nach Amerika fahren.“
„Ist es schwierig, ein Visum für Amerika zu bekommen? Und kann man als deutscher Arzt dort arbeiten?“
„Für ein Visum benötigt man eine Bürgschaft, die haben wir vom amerikanischen Zweig meiner Familie. Die Arbeitserlaubnis, das variiert von Bundesstaat zu Bundesstaat. In einigen gibt es Bedarf an Ärzten, dort geht es. Alles ist nicht ganz leicht, wie Sie sich denken können. Wir müssen hier alles aufgeben und dort neu anfangen. Deshalb habe ich Sie auch hier herein gebeten: mein kleines Auto, den englischen Roadster, kennen Sie doch. Ich möchte es Ihnen anbieten. Ich dachte so an 1200 Reichsmark. Es ist in gutem Zustand, aber mitnehmen kann ich es nicht.“
„Gern, es hat mir immer gut gefallen, 1200 Mark könnte ich zusammenbringen…
Herr Oberarzt Korn, es trifft mich hart, dass Sie gehen. Sie haben mir so viel Unterstützung gegeben, mir so viel beigebracht – ich bin Ihnen sehr dankbar!“
So verliert Karl einen Lehrer und Freund. Zur Erinnerung kauft er den Wagen, einen grünen, englischen Sportwagen, racing green mit roten Ledersitzen, rechts gesteuert, sein erstes eigenes Auto. Er wird damit ein wenig Freude erleben auf seinen Ausflügen in den Schwarzwald und an den Rhein.
1934
Der alte Chef, Dr. Walter, ruft Karl abends zu sich. Er ist sehr ernst, langsam, nachdenklich.
„Hier ist alles im Umbruch, wie Sie sicherlich schon bemerkt haben. Dr. Korn ist schon weg, heute haben sie Dr. Levy entlassen, mit sofortiger Wirkung!“
Dr. Walter macht eine große Pause und schaut auf seine zitternden Hände.
„25 Jahre! 25 Jahre führe ich diese Abteilung ohne Beanstandungen. Jetzt hat man mich zur Parteizentrale bestellt, zitiert ist das bessere Wort: Sie müssen jetzt in die Partei eintreten oder wir setzen Ihnen jemand vor die Nase, das haben die gesagt!“
„Und was haben Sie geantwortet?“
„Ich war immer ein unpolitischer Mensch, mit der Führung der Klinik, mit den vielen Operationen war ich völlig ausgelastet.- Ich bin jetzt 61 Jahre alt, ich bin müde, ich glaube, es wird Zeit, dass ich mich zurückziehe, habe ich geantwortet. Das haben sie akzeptiert. Ich werde also in Pension gehen, sobald ein neuer Chef da ist. Ich hoffe sehr, dass es ein guter Arzt sein wird, wenn auch wohl ein Nazi, ich hoffe für Sie und unsere Patienten.“
Und dann kam er, der „Neue“, Prof. Ewald aus Rostock – in SA-Uniform! Groß, blond, wässrig-blaue Augen. Spatzenhirn! Die Arroganz, die Schnoddrigkeit in Person. Er pflanzte sich ins Chefzimmer, hielt laute Ansprachen an die Mitarbeiter, die vor Nazi-Parolen strotzten und sonst nichts sagten.
Alle schlichen mit gesenkten Köpfen umher, kein Scherz, kein Witz, kein Lachen mehr!
„Ja, so ist das jetzt, und so wird es bleiben, es wird nie wieder, wie es war!“ sagte Karl laut.
Er stolzierte bei den Visiten und in den Op-Sälen umher, redete ununterbrochen und arbeitete nichts. Die Privatpatienten bekamen Diagnosen, die nicht zutrafen und Operationsindikationen, die falsch waren. Die Operationen führte er nicht selbst aus, Karl sollte das machen, als ältester Assistent.
Aber Karl untersuchte am Abend bei der Op-Besprechung für den nächsten Tag die Patienten selbst sorgfältig, im Beisein des „Neuen.“ Karl stellte eine andere, die richtige Diagnose, was zu heftigen Auseinandersetzungen führte – aber Karl blieb hart.
„Wenn Sie an meiner Diagnose zweifeln, so nennen Sie Ihre Gründe – oder operieren Sie selbst!“
„Eine Unverschämtheit, ich werde Sie entlassen, ich lasse Sie wegen Insubordination einsperren!“
„Tun Sie´s, tun Sie´s nur! Ich werde keinem Patienten schaden, schließlich habe ich als Operateur die volle Verantwortung!“
So ging das tagelang. Es war unerträglich. Schließlich reichte Karl die Kündigung ein.
Jetzt war Prof. E. erschrocken, damit hatte er nicht gerechnet. Außer Karl gab es derzeit nur zwei junge Assistenten, die noch nicht viel konnten.
„Das geht nicht, das akzeptiere ich nicht, Sie bleiben hier!“
„Niemand kann mich zwingen“
„Das werden wir noch sehen, Sie tun, was ich anordne!“
„Wenn Ihre Diagnosen falsch sind, operiere ich nicht, basta!“
Jetzt legte E. einen Tobsuchtsanfall hin.
„Verschwinden Sie, ich zeige Sie an, Sie landen am Galgen, Sie Subjekt!“
Karl verließ wortlos den Raum und packte seine Sachen.
Nach einer viertel Stunde erhielt er ein Handschreiben: Herr S., ich bedaure meinen Ausfall und möchte mich entschuldigen. Prof.E.
Denn der „Neue“ war auf Karl angewiesen, die beiden tüchtigen, jüdischen Oberärzte waren fort.
„Herr Oberarzt Levy, wie schön, Sie zu sehen!“
Karl steigt vom Fahrrad, abends um halb acht. Dr. Levy war vor wenigen Tagen entlassen worden, nach fast 10 Jahren Dienst als Oberarzt in der Klinik.
„Guten Abend, Herr S., wie geht´s, wie steht´s in der Klinik?“
„Schlimm, Sie fehlen überall, niemand traut sich, darüber zu reden, aber Sie fehlen allen!“
„Dr. Walter ist jetzt auch weg, höre ich, frühpensioniert! Und wie ist der neue Chef?“
„Eine Katastrophe! Immerzu läuft er in Uniform umher, operieren kann er nicht, es bleibt alles an mir hängen. Hätten Sie und Dr. Korn mir nicht alles gezeigt, wäre ich hoffnungslos überfordert. Dabei fehlt mir die Erfahrung, ich fürchte ständig, Fehler zu machen.“
„Alle Ärzte machen Fehler, jeden Tag. Lernen Sie daraus!“
„Sind Sie auf dem Weg ins `Krokodil`?“
„Eigentlich nicht, wir Juden sind auch da jetzt nicht mehr erwünscht, scheint mir, wir sind ja jetzt ausgegrenzt, „volksfremd“, außerdem, ich kann es mir gar nicht leisten.“
„Ich würde Sie gerne zum Abendessen einladen. Ich freue mich so, mit Ihnen sprechen zu können. Ich muss Sie zu so vielen Dingen um Ihre Meinung fragen.“
Karl und Dr. Levy speisen an dem kleinen Tisch in der Ecke, an dem Karl abends immer sitzt.
Karl liebt die Ruhe an seinem Tischchen im ´Krokodil´, ein gutes Essen und ein Glas Kaiserstühler nach 12 Stunden anstrengender Arbeit.
„Was werden Sie jetzt tun, Dr. Levy, wandern Sie auch aus, wie Dr. Korn?“
Ich will mich niederlassen, niedergelassenen Ärzten tun sie ja nichts.“
„Darauf würde ich nicht wetten!“
„Ach, Herr S., ich kann nicht weg.- Sagen Sie, warum tun die das? Verstehen Sie das alles?
Ich bin doch Kriegsveteran, vier Jahre Russland. Ich habe das EK1.“
„Er hasst die Juden, wer weiß, warum. Und was er hasst, das vernichtet er.“
„Meinen Sie, dass es soweit geht?“
„Mir wäre es zu gefährlich.“
„Aber wohin?. Wir haben ja auch gar nicht viel Geld, die Eltern sind einfache Leute. Mein Vater war Pferdemetzger. – Aber es freut mich sehr, dass ein junger Kollege so mitfühlend und kritisch ist – und nicht antisemitisch.“
„Nichts läge mir ferner. Die arische Rasse, das ist eine Erfindung, so etwas gibt es gar nicht.
In Europa haben alle ihren Samen hinterlassen, die Germanen, die Römer, die Hunnen, die Juden und die Franzosen…, also, was soll der Unsinn?“
Sie besprechen noch einige fachliche Themen, wie operiere ich dies, wie jenes. Gegen 10 Uhr trennen sie sich im besten Einvernehmen. Dr. Levy weiß aber immer noch nicht, was tun.
1934
Morgens, kurz nach sieben Uhr, fährt Karl mit dem Fahrrad in die Klinik. Es ist nicht weit, nur sechs Minuten. Er hat ein möbliertes Zimmer mitten in der Stadt.
Ein Mann steht im Weg, er umfährt ihn, da steht ein Zweiter, dem er nicht mehr ausweichen kann. Dieser fasst die Lenkstange mit der linken, mit der rechten Hand hält er eine Marke hoch.
„Halt, Gestapo, steigen Sie ab!“
Sie lassen das Fahrrad liegen, fassen ihn hart unter und zerren ihn in einen Wagen. Mit hoher Geschwindigkeit fahren sie einige Straßen weiter in einen Hof. Sie führen ihn in ein Gebäude durch den Hintereingang, Widerstand unmöglich. In einem dunklen Flur nehmen sie ihm alles ab, Geld, Ausweis, Gürtel, Schnürsenkel.
„Lassen Sie das, Sie haben mir nichts vorzuwerfen! Ich bin Arzt, ich muss sofort in die Klinik!“ – Keine Antwort, stattdessen wird er – jetzt freundlich – von einem Mann in Zivil, Anzug, Fliege, in ein Zimmer geführt, genötigt ist das richtige Wort.
„Setzen Sie sich, Dr. S., der sind Sie doch?“
Karl beschließt, kein einziges Wort zu sagen, egal, was passiert. Er ist denen hilflos ausgeliefert, rechtlos. Alles, was er sagt, wird gegen ihn verwendet, ins Gegenteil verkehrt.
Eigenartigerweise ahnte er, dass etwas Derartiges geschehen könnte, in einem solchen Unrechtsstaat muss man damit rechnen, in einer solchen Atmosphäre des Misstrauens Jedes gegen Jeden, das ständig weiter geschürt wird, in einem Land, in dem kein offenes Wort gesprochen werden kann, weder zu Freunden, zur Familie oder gar zu Fremden, in dem schon ein „guten Morgen“ statt Heil H. denunziert wird und zu Gestapohaft führen kann. In den ersten Wochen nach der „Machtergreifung“ im Januar 33 grüßte Karl morgens leutselig mit „Morgen“. Es dauerte nicht lange, da fasste ihn der Pförtner an der Jacke.
„Dr. S., auch Sie grüßen jetzt mit „Heil H., verstanden?“
Karl sah ihn fassungslos an. Soweit war es schon, dass solche Leute das Sagen hatten, nur, weil sie Nazis waren. Also ging er jeden Morgen durch die Pforte, steckte den Kopf in das Kabuff und flüsterte: „Heil H., Herr Wenz!“ Dieser grinste säuerlich.
Dies alles geht ihm augenblicklich durch den Kopf – und er beschließt, eisern zu sein.
Karl beginnt, innerlich zu beten: Herr, hilf mir, Herr, erbarme Dich meiner. Immerzu.
Er setzt sich.
„Zigarette?“
Es riecht ganz grässlich nach Zigarettenrauch im Zimmer. Dieses ist ziemlich groß und grün gestrichen, an der Wand ein H-Portrait im Rahmen. Eine helle Lampe an der Decke, die Fenster verschlossen, davor starke Gitter. Die Einrichtung besteht aus einem hellen Schreibtisch, auf dem nur eine einzige Akte liegt, offensichtlich die von Karl, und zwei Stühlen.
Karl fasst sich, das Gebet läuft in seinem Hirn weiter.
„Also nicht, Kaffee?“ –„Auch nicht. Sie sprechen nicht mit mir!“
Er macht eine Pause. Langsam kommt er hinter seinem Schreibtisch hervor und tritt näher. Plötzlich schlägt er ihm mit einer Reitpeitsche, die Karl vorher nicht bemerkt hat, heftig übers Gesicht. Karl blutet an der aufgerissenen Lippe, den Streifen über das ganze Gesicht sieht man monatelang.
„Jetzt vielleicht?“
Karl erkennt, dass dieser Mann, dessen Name er nie erfährt, ein Sadist ist. Gegen solche Leute hilft nichts, wenn sie Macht über dich haben.
„Fangen wir doch einfach an! Sie sind Assistent an der …Klinik, Ihr Chef, Prof. Ewald, ist keineswegs mit Ihnen zufrieden, vor allem nicht mit Ihrem staatsbürgerlichen Verhalten.“
Nun weiß Karl, von wem die Anzeige bei der Gestapo kommt. Er schweigt.
„Was haben Sie dazu zu sagen?“
Keine Antwort.
„Also, wir müssen Sie erst zum Reden bringen, offensichtlich haben Sie ja etwas zu verbergen!“
Er geht zum Telefon, wählt und sagt: „Holt ihn ab, das Schwein, Zelle zwei!“
Zwei Mann in Uniform kommen herein, andere, als vorhin, Personal gibt es hier genug, zerren ihn vom Stuhl und stoßen ihn vor sich her, zwei Treppen hinab, zwei Keller tief.
Sie öffnen eine Zellentür und drängen ihn hinein.
Die Zelle ist groß und hell erleuchtet. Keine Einrichtung, keine Pritsche, kein Stuhl. Karl bleibt stehen, nach einiger Zeit setzt er sich an die Wand. Es ist kalt, sehr kalt, bald beginnt er zu zittern, die Zähne klappern. Es vergehen zwei oder drei Stunden. Die Uhr hat man ihm auch abgenommen.
Ein Schlüssel in der Tür. „Mitkommen!“
Wieder zwei Mann, einer vor und einer hinter ihm, typische Henkersknechte, grobschlächtig, schnurrbärtig, ekelhaft. Sie führen ihn in den gleichen Raum, zu dem gleichen Mann in Zivil, dem Sadisten.
„Nehmen Sie Platz. Haben Sie sich Gedanken über Ihre Sünden gemacht?“ Er sagt Sünden, der Satan!
„Ja, ich werde eine Anzeige gegen Sie bei der Staatsanwaltschaft machen wegen Nötigung, Beleidigung und Körperverletzung.“
„Machen Sie sich nicht lächerlich, die Polizei, die Staatanwaltschaft, das sind wir!“
Das zeigt, dass die Gewaltenteilung aufgehoben ist, aber, das war ja schon klar: vom Rechtsstaat zum Unrechtsstaat.
Direkt vor Karl zündet sich der Ekel eine Zigarette an – ein Kettenraucher. Doch die Zigarette dient einem anderen Zweck. Er raucht genüsslich und bläst Karl ins Gesicht, langsam und stetig. Als die Zigarette zu Ende geht, drückt er sie auf Karl`s Brust aus – durch das Hemd.
Karl schreit auf, der Schmerz ist höllisch, er schlägt ihm die Hand weg.
„Ah, Widerstand gegen die Staatsgewalt, sieh´ an, darauf steht mindestens ein Jahr.“
Er steckt sich die nächste Zigarette an, geht zum Telefon, wählt wieder und sagt: „Kommt ´rein!“
Wieder zwei Mann erscheinen, es könnten dieselben sein, reißen Karl hoch und ziehen ihm mit Gewalt Jacke und Hemd aus. Daraufhin legen sie ihm Handschellen an.
„Lassen Sie das mit den Zigaretten, es ist unmenschlich!“
„Macht aber Spaß!“ Damit drückt er eine weitere Zigarette auf Karl´s Brust aus. Karl brüllt.
„Nun kriegt er das Maul auf, na endlich! – Was machen Sie in Frankreich?“
Das Schweigen ist nicht durchzuhalten, es reizt ihn zu mehr Brutalität.
„Wein, Weib und Gesang.“
„Das gibt`s hier auch.“
„Ich bin hier geboren, hier kennt mich jeder, das geht hier nicht.“
„Und warum gerade in Frankreich?“
„Es ist Elsaß, sie sprechen Deutsch, dieselbe Mundart wie wir.“
„Ich glaube Ihnen kein Wort.“
„Da sind wir uns einig, ich Ihnen auch nicht.“
„So ein frecher Hund ist mir noch nie begegnet!“
Er öffnet die Schreibtischschublade und legt eine Pistole auf den Tisch. Er kann Karl jederzeit erschießen, hier oder irgendwo in ihren Kellern und wird dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Man wird sagen: auf der Flucht.
„Geben Sie mir meine Kleider. Ich muss in die Klinik, 10 Operationen stehen auf dem Plan, darunter schwerkranke Kinder. Wenn sie nicht so bald wie möglich, operiert werden, sterben sie. Es könnten Ihre sein.“
„Das kann jemand anderes machen.“
„Es ist niemand anderes da!“
Er schleicht um Karl herum, immer mit der brennenden Zigarette.
„Sie haben weiter Kontakt mit den Juden!“
„Der Jüngere ist ausgewandert, der Ältere entlassen.“
„Sie stehen mit ihnen weiter in Verbindung!“
„Nein.“
„Du Lügner!“
Er drückt seine Kippe auf Karl´s Handrücken rechts und links.
Karl schreit laut auf – und sieht die perverse Lust in seinem Gesicht.
Sadisten sind schwer gestörte Personen, unbehandelbar. Die Psychiatrie hat sich noch nicht des Themas angenommen, nicht mal Freud, so weit Karl weiß.
Als wenn er seine Gedanken lesen könnte:
„Sie haben unter Ihren Büchern viele von Juden, Freud, das Schwein …“
Sie sind also in seinem Zimmer gewesen, haben alles durchsucht. Karl antwortet nicht.
„Ihr Schweigen ist ein Ja.“
„Sie wissen das doch schon. Sie waren in meinem Zimmer, ohne Durchsuchungsbefehl!“
„Den brauchen wir nicht!“
Die nächste Zigarette, auf dem Rücken. Er strahlt vor Vergnügen. – In der nächsten viertel Stunde folgen noch etliche Zigaretten auf Karl´s Haut.
„Wir bringen dich schon dahin, wo wir wollen.“
Seine Grammatik lässt zu wünschen.
„Sie sagen Herr Doktor zu mir, wie sich das gehört! Per du sind wir nicht!“
Weitere Brandmale.
„Was halten Sie von unserem Führer A.H.?“
Dies ist eine gefährliche Frage.- Das Telefon klingelt. Er hebt ab und sagt „Ja“, nicht aber seinen Namen, und hört.
„Er ist hier zum Verhör, ich bin noch nicht fertig.“ Er hört wieder. „Jawohl, in Ordnung!“
Er legt den Hörer ab. „Mein Vorgesetzter. Ihr Chef fragt, wo Sie bleiben. Sie können gehen.“
Er bestellt die Kleider. Karl zieht sich schnell an, Über den Schreibtisch schiebt der Sadist ein Blatt, da steht: Ich wurde beim Verhör am ….1934 höflich und respektvoll behandelt.
Ich verpflichte mich zu völligem Stillschweigen - unter Androhung von schwerer Strafe. Unterschrift.
Er wendet sich seinen Schergen zu wegen der übrigen Sachen. Karl streicht „höflich“ und „respektvoll“, steht sofort auf und verlässt den Raum, so schnell es geht. Sie lassen ihn durch den Vordereingang hinaus auf die Straße. Geldbeutel, Ausweis, Uhr, alles ist dort geblieben.
Untriuwe ist in der saze
Gewalt vert auf der Straze
Fride unde recht sint sere wunt.
Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – 1228)
„Untreue ist in der Sasse, Gewalt fährt auf der Straße, Friede und Recht sind sehr wund.“
Kann man in einem solchen Land noch leben?
Karl schleppt sich nach Hause – mit offenen Schuhen, ein Schmerzensmann.
Seine Zimmertür in der Wohnung von Frau Vonhausen steht offen. Alles ist zerstört, das Bücherregal umgeworfen, der Fußboden bedeckt mit zertrampelten Büchern und Schallplatten, der Arm des Grammophons herausgerissen, die Matratze aufgeschlitzt, alle Kleider aus dem Schrank. Zu verbergen, zu verstecken hatte er hier nichts.
Frau Vonhausen erscheint in der Tür, die Arme über dem gewaltigen Busen verschränkt.
„Alles, was mir gehört, müssen Sie aber bezahlen!“
Karl schließt die Fensterläden und legt sich mitten in der Zerstörung auf die zerrissene Matratze.
Er liegt den Rest des Tages und die folgende Nacht stöhnend mit offenen Augen im Bett.
Wohin? Als Tagelöhner? Nicht mal eine Schiffspassage nach Amerika könnte er bezahlen.
Tagelöhner haben sie dort wohl auch genug! Was tun?
Am nächsten Spätnachmittag steht plötzlich Prof. E. in Karls Tür, die Wirtin hat ihn hereingelassen. Nichts war aufgeräumt, es war auch nichts mehr aufzuräumen, es war alles zerstört. Sobald er sich erholt hätte, müsste er ausziehen.
Prof. E. bleibt mit offenem Mund stehen, ohne Gruß. „Was ist denn hier los?“
„Das wissen Sie doch!“
„War das die Polizei?“ Karl antwortet nicht.
„Geht’s Ihnen nicht gut?“
Die Wunden von den Zigaretten beginnen zu eitern. Karl öffnet die Schlafanzugjacke voller Blutflecken und richtet sich halb auf.
„Also, Herr S., ich will deutlich machen, dass ich nichts damit zu tun habe!“
„Sie haben mich denunziert, Sie selbst!“
„Nein, keinesfalls, ich habe lediglich in Gesellschaft geäußert, dass – dass Sie sich nicht, dass Ihr staatsbürgerliches Verhalten…“
„Genau, so hat sich der Gestaposchurke ausgedrückt, genauso – und Ihren Namen erwähnt.“
„Es ist ein Unglück, ein einziges Unglück!“
„Nein, es ist System, keine Spur von Unglück!“
„Hören Sie, Herr S., Sie müssen unbedingt wiederkommen. Niemand hat einen Op- erfahrenen Oberarzt oder Assistenten, den er mir schicken könnte. Ich habe überall herumtelefoniert, in Heidelberg, Freiburg, sogar in der Charité, überall!“
Karl schweigt. Dann: „Warum operieren Sie nicht selbst?“
„Ich habe anderes zu tun, die ganze Verwaltung, die Arbeit in der Partei… Und dann, wissen Sie, bei uns in der Universitätsklinik stand die Wissenschaft an erster Stelle, nicht so sehr die Operationen. Es gab auch nicht so viele, wie hier.“
Was der wohl publiziert hat? Über die nationalsozialistische HNO-Heilkunde?
„Ich komme Ihnen in allem entgegen, wenn Sie nur wiederkommen. Darf ich mich setzen?“
Er wischt sich die Stirn und setzt sich in den einzigen, alten, muffigen Sessel, der im Zimmer steht.
„Zum Beispiel?“
„Ich mache Sie zum 1. klinischen Oberarzt, damit erhalten Sie ein wesentlich höheres Gehalt!“
„Und weiter?“
„Nichts weiter, genügt das nicht?“
„Keineswegs! Für jede Operation, die ich für einen Ihrer Privatpatienten mache, erhalte ich das volle Op-Honorar.“
„Sind Sie verrückt? Das geht natürlich nicht!“
„Das heißt, ich wäre weiter Ihr Sklave, der alles macht und nichts verdient, aber die volle Verantwortung trägt.“
„Nein – doch –nein, sagen wir 10%.“
„100, oder Sie sehen, wo Sie bleiben. Irgendwo wird sich schon so ein Dackel finden.“
„Herr S., ich bitte Sie, ich flehe Sie an, kommen Sie zurück. Ich biete Ihnen, na, 20%.“
„50% des Op-Honorars – mein letztes Wort. Außerdem eine schriftliche Bestätigung der Gestapo, dass nichts gegen mich vorliegt, ein einwandfreies Führungszeugnis der Polizei, meine persönlichen Sachen einschließlich eines ungezinkten Ausweises. Sie haben genügend Beziehungen, um das zu erreichen, dazu eine persönliche, schriftliche, notariell in meinem Beisein beglaubigte Garantie von Ihnen für meine Sicherheit, die ich noch formulieren müsste.
Zusätzlich wäre ich der Personalchef, dessen Entscheidungen respektiert werden!“
E. rutscht tiefer in den Sessel.
„Das ist eine Erpressung!“
„Das ist ein Geschäft. Sind Sie zu mir gekommen oder ich zu Ihnen, um Sie zu erpressen?
Ich bin jetzt 34 Jahre alt und habe noch nichts verdient. Die Sklavenrolle passt mir nicht länger!“
Und so geschieht es letztlich, man einigt sich auf 50% des nackten Op-Honorars, schriftlich – und Karl bekommt sie. – Zum Auswandern braucht man Geld!
1934
Karl besucht seine Eltern. Er ist nicht oft dort, wegen der vielen Arbeit, den Nacht- und Wochenenddiensten. Karl schätzt seine Eltern, die Mutter wegen ihres unendlichen Fleißes, den Vater wegen seines Verstandes; er schweigt und schaut sich die Dinge genau an, dann bildet er sein Urteil.
Der Vater ist mittlerer Bahnbeamter. Die Familie wohnt in einem Haus der Bahn mit Garten, direkt an der Bahnlinie. Wenn Besuch kam von den Tanten, so sagten diese immer: Was ist das hier laut, wie haltet ihr das aus? Karls Familie aber hörte das nicht mehr, für sie war es ein schönes, ein ruhiges Haus.
Ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau, Beate, deren einziges Kind Karl ist, heiratete der Vater wieder, Emilie. Der Vater heißt Emil, die Mutter Emilie, sie passen gut zueinander und haben zusammen fünf Kinder, ein Mädchen und vier Buben, wie die Orgelpfeifen.-
Osterferien. Der Vater nimmt Karl mit zu einem Spaziergang.
Als Kinder stellten sie sich vor, an der Bahn entlang um die ganze Welt zu laufen. Die Bahn war und ist ihre Verbindung zur äußeren Welt, ihre Informationslinie: der Kaiser auf der Durchreise, die Generäle. Ab 1914 die Truppentransporte nach Nordwest und bald darauf die Lazarettzüge zurück. Wo blieben die Kohlenzüge?
„Du bist jetzt 10 Jahre alt, ich möchte, dass du aufs Gymnasium gehst, du sollst eine gute Schulbildung erhalten, auch deiner Mutter zu Ehren!“
Der Vater ist Sozialdemokrat. Er war schon immer Sozialdemokrat.
Als der Krieg ausbricht, 1914, sagt der Vater: „Was geht uns der österreichische Thronfolger an, sollen sie die Schuldigen doch bestrafen - und basta!“
Anscheinend sind aber alle anderen Leute begeistert, die Augen leuchten. Die Begeisterung ist ansteckend, auch für Kinder. Aber der Vater hat ihnen verboten, auf die Straße zu gehen und den vorbeiziehenden Soldaten zuzuwinken. Doch die Züge voller Rekruten, die aus den Fenstern hängen und singen, fahren direkt am Garten vorbei – und so winken sie ihnen doch.
Mutter sagt: „Sie fahrn in Kaisers Namen!“
Beim Abendessen sagt der Vater in die Stille hinein, an Karl und seine Schwester gerichtet:
„Ja, der Krieg ist da, er lag ja in der Luft. Es gibt keinen Grund für Begeisterung, Krieg heißt Tod. – Sie meinen, in drei Monaten zurück zu sein, das ist vollkommen unsinnig. Auch 1870 waren sie nicht in drei Monaten zurück, und es gab Tausende von Toten und Verletzten.
Jetzt stehen wir aber viel stärkeren Mächten gegenüber, als Preußen damals Frankreich . Es war ja gar nicht Deutschland, es war Preußen – und Bismarck hat das provoziert! Und nun geht es grad wieder los!“ Dann, übergangslos: „ Ja, der Kaiser, der eitle Mann, er lässt das zu, mein Gott! Gut, dass du erst 14 bist!“
Dann rasiert er sich den Schnurrbart ab. „Er erinnert zu sehr an Willem zwo.“ Sagt er bitter.
„Aber, Emil, es war doch dein Schnurrbart – und nicht der des Kaisers. Seinen könntest du ja meinetwegen gerne abrasieren!“
Der Vater überlegt: „Du hast recht, Emilie.“ Und so lässt er ihn wieder wachsen. Es ist seine Art des Protestes.
Während des Krieges, als die Bevölkerung aufgefordert wurde, Gold und Silber abzugeben, sagt der Vater: „Wir haben kein Gold und Silber – und schon gar nicht für den Kaiser, soll er doch seines geben!“ Auch sollte man Kriegsanleihen zeichnen. Der Vater sagt, und sein feines Lächeln, das Karl so sehr an ihm mag und das so ansteckend ist, verlöscht:
„Wir haben nichts zu essen und kein Geld für den Krieg: Sie sollen das sinnlose Gemetzel sofort beenden!“
„Aber, Emil, was sollen denn die Kinder denken?“
„Ganz recht, Emilie, sie sollen selber denken!“
Das nimmt sich Karl dann zu Herzen.
1910
Das Gymnasium ist ein klassizistischer Bau aus gelbem Sandstein. Und steht, wie könnte es anders sein, in der Bismarckstraße. Vom Bahnhof läuft Karl zu Fuß gut eine halbe Stunde. Vater hat ihm die alte Taschenuhr des Großvaters gegeben. Sie war ´mal versilbert, jetzt schaut das Blech hervor. Auf dem rückwärtigen Deckel ist sie graviert: Friedrich S. 1862.
Karl ist sehr stolz auf die Uhr und hat sie mit einer Schnur an die Gürtelschlaufe gebunden. Eine Kette gibt es nicht mehr.
Bei der Aufnahmeprüfung wäre er beinahe durchgefallen, obwohl die Noten vorher alle sehr gut waren.
Man ruft ihn an die Tafel für eine Mathematikaufgabe zu lösen, die er jedoch nicht lösen kann.
Die beiden Prüfer lachen. Karl wird dennoch zugelassen.
Der Vater sagt zu Hause: „Sie wollten dich durchfallen lassen, weil ich nur mittlerer Bahnbeamter bin!“
Die Eltern der anderen Schüler sind höhere Beamte, Ärzte, Anwälte, Ingenieure.
Das Klassenzimmer ist mehr als vier Meter hoch mit hohen Fenstern. Vorn in der rechten Ecke steht ein riesiger Ofen aus Gusseisen, der im Winter Kohlegeruch verbreitet - wenn es Kohlen gibt. Oft gibt es keine, dann wird es im Klassenzimmer von Tag zu Tag kälter.
Herr Kölmel betritt das Klassenzimmer, der Lateinlehrer. Alle stehen auf. „Setzen!“
Sie setzen sich in die alten, verkratzten Bänke, Kinderbänke, acht lange Jahre lang. Dann geht’s in den Krieg.
Asinus der Esel, canis der Hund, puella das Mädchen. Karls Schwester Hilde hört ihn ab und lernt dabei gleich selber Latein. Hilde ist nur um zwei Jahre jünger, die beiden können alles miteinander bereden, sie ist sein bester Kamerad bis heute, obwohl sie schon 1919 an der Grippe starb, innerhalb von drei Tagen. – Jetzt hat Nadine ihre Rolle übernommen.
Der Unterricht geht von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr, sechs Tage in der Woche; jeden Tag gibt es zwei Stunden Latein, jede Woche einen „Lateinstil“, eine Übersetzungsarbeit. In den höheren Klassen ist das Tacitus oder Cicero. Der Satz geht über 15 Zeilen, ganz am Ende steht das Verb.
Sie erfahren viel über römische Geschichte, die Republik, Caesar und Caesars Ermordung, Oktavian-Augustus. Neben der Tafel hängt eine Karte des römischen Reiches. Sie hören sehr wenig über neuere Geschichte, etwas von der Reichsgründung und natürlich von Bismarck – und von den Ottonen. Am Ende, nach der Schule, muss Karl die nötige Bildung selber nachholen. Was haben sie gelernt in den vielen Jahren? Viel Latein und Griechisch, das Meiste bald vergessen, etwas Französisch und die grässliche Mathematik, nichts, was man anscheinend braucht im Leben. Und doch war all das die Voraussetzung für Bildung.
Zurück zum Klassenzimmer:
An den Wänden sind Haken, an denen die Kleider hängen. Nach fünf Stunden bemerken sie selbst den Gestank, den Gestank von Mänteln und Jacken und Mützen, von ungewaschenen Haaren und ungewaschenen Leibern.
In der Pause rennen sie die Treppen hinunter in den Hof. Man trifft sich in der Latrine zum Pissen an eine Betonwand. Schon beim Eintreten schlägt ihnen der ätzende Geruch von Ammoniak entgegen. Putzt man mit Ammoniak? Nein, man putzt gar nicht, sie haben nie jemand putzen gesehen. – Dann kicken sie mit Kastanien oder Steinchen, und alle sind so albern, wie möglich, während Homers Hexameter in ihren Köpfen tönen:
Μή δή μοί θάνάτον γέ πάράυδά, φάίδίμ´ Оδυσσέυ.
(„Verkläre mir doch nicht den Tod, glänzender Odysseus!“
Achilles zu Odysseus in der Unterwelt)
Karls Ausgabe der Odyssee von Teubner, 1901, ist voller Männchen, in den langen Stunden hineingekritzelt, voll von Karikaturen der Schüler und Lehrer, voller Hühner, Kaninchen und Hunden.
Alles wird benotet, ein ewiger Wettlauf um Noten. Karl fragt sich oft: halte ich das neun Jahre aus? Es sind nur acht Jahre, dann folgt die Musterung und die Einberufung.
Als er später wieder in die Schule kommt, um das Abitur nachzuholen, ist nur noch ein Drittel der alten Kameraden am Leben. Von diesen sind einige schwer verwundet, die Möglichkeiten, sich im Leben zu entfalten, sind ihnen genommen. Einer hat sich bald erschossen.
Der Latein- und Klassenlehrer Kölmel erzählt, dass die Römer ihre Heerstraße über die Höhen des Schwarzwaldes legten, man könne die jetzt noch sehen. In der Rheinebene waren nur Wälder und Sümpfe, so dass sie dort keine Straße bauen konnten.
„Können wir das nicht mal anschauen?“ fragt einer, ohne die Hand zu heben oder aufzustehen, wie es verlangt wird. Die Disziplin bleibt von Woche zu Woche mehr auf der Strecke. Alle sind ausgehungert und fahrig, alle wissen, dass auch sie bald in den Krieg müssen, und alle, die Lehrer wie die Schüler, sind kriegsmüde.
„Ich will den Herrn Direktor fragen, vielleicht könnten wir einen Ausflug in den Schwarzwald machen.“
Und den machen sie dann tatsächlich. Herr Kölmel meldet sich krank, er weiß wohl, warum.
Stattdessen begleitet sie Herr Krommer, der Sportlehrer, ein strenger, harter Mann, schon über 50, der immer eine Haselnussgerte auf dem Sportplatz bei sich trägt, mit der er den Buben zärtlich auf den Kopf klopft oder auch schon mal beim 200 Meterlauf auf den Rücken schlägt: Los, du Flasche, schneller!
Sie fahren mit dem Zug in den Nordschwarzwald und treiben unterwegs schon allerhand Unfug. Herr Krommer liest die Zeitung und denkt sich: die werden schon müde werden beim Wandern.
Sie wandern dann, der Lehrer mit der Karte, die er aber nicht recht lesen kann, vorweg.
Alle helfen ihm, schauen über seine Schulter in die Karte – und weisen einen anderen Weg.
Nach zwei Stunden haben sie sich hoffnungslos verlaufen, von Römerstraße keine Spur.
Alle lachen, kauen Vesperbrot und sprechen mit vollem Mund, einige haben die Hemden ausgezogen, denn es ist sehr warm. Sie schlagen sich, sie werfen sich gegenseitig in den Wald, sie pinkeln am Weg, einfach so mal schnell. “Lupus kann seinen Kleinen nicht finden!“ Hans Hohl singt laut, immer wieder:
„Schön und kaffeebraun
sind alle Frau´n
in Kingstentown.
und
Pedro aus Caracas
in Südamerika
handelt mit Ananas
A n a n a s!
Plötzlich sind Einige weg. Sie klettern einen Sandsteinfelsen hinauf, johlend und schreiend.
Herr Krommer brüllt: „Kommt runter, ihr Affen, seid ihr denn noch gescheit? Wenn Einer von euch ´runter fällt, komm´ ich ins Gefängnis, unterlassene Aufsicht!“
„Wir verteidigen Sie, uns kann man nicht beaufsichtigen!“
„Ja, das stimmt, sagt Krommer leiser. Dann setzt er sich auf einen Stein, völlig entnervt.
„Nie wieder geh´ ich mit euch irgendwohin. Ihr kriegt alle Karzer!“
„Aber, Herr Krommer, wir sind doch sowieso bald tot!“
Herr Krommer schaut sehr nachdenklich in seine Karte.
„Dort unten ist ein Dorf, lasst uns dorthin gehen und einkehren, ich glaub´, ich brauch´ einen Schnaps. Den müsst ihr mir dann aber ausgeben, ihr Lumpen, das seid ihr mir schuldig!“
In dem Gasthof trinken dann alle zwei Dünnbier und sind glücklich, auch der fromme Weber.
Und schreien weiter durcheinander.
Herr Krommer trinkt sein Schnäpschen, eins vor und eines nach dem Bier und lächelt selig:
„Ihr seid alle verrückt!“
„Bei so viel Latein und Griechisch kann man ja nur verrückt werden!“
Lehrer Krommer lächelt verständnisvoll. Ob er wohl Latein und Griechisch hatte?
„Ihr solltet mehr Sport treiben.“
„Damit wir bessere Soldaten werden!“
Da sind sie wieder beim Thema.
1934
Als Karls Vater die frische Narbe an der Unterlippe sieht, fragt er scherzhaft: „Welche deiner Freundinnen hat dich in die Lippe gebissen?“
„Die Freundin heißt Gestapo. Für andere habe ich leider nicht genügend Zeit.“
„Was wollten sie von dir? Was hatten sie dir vorzuwerfen?“
„Es war eine Denunziation – vom neuen Chef.“ Karl erzählt kurz den Hergang der Verhaftung und der Folter.
„Wir sind ein Gestapoland geworden, Spitzel, Denunzianten, Verleumder überall, auch bei der Bahn. Man muss jedes Wort überlegen, ein falsches kann dich an den Galgen bringen. Soweit haben wir es kommen lassen: die Verfassung außer Kraft, Recht kann man nicht mehr bekommen. Dieser ekelhafte Gruß: Heil, Caesar, dir, den ganzen Tag, ich kann´s nicht mehr hören, widerlich!“
„Mir geht es genauso. Wohin geht das, wohin führt das?“
„Es war vom ersten Tag an eine Gewaltorgie. Wer was zu sagen hatte in der sozialdemokratischen Partei zum Beispiel, wurde verhaftet, wenn es ihm nicht gelungen war, im letzten Moment das Weite zu suchen. Ich bin schon 1915 ausgetreten, als die Partei im Reichstag alle Kriegswünsche der Regierung absegnete, aber ich habe noch meine Kontakte.“
„Ist das nicht gefährlich?“
„Ich bin nicht aktiv, dazu bin ich zu alt, aber ich erfahre so Manches. Es soll überall Gefangenenlager geben…“
„Dostojewski: Aus einem Totenhause.“
„Ja, nur dass der rechtskräftig verurteilt und dann von der Todesstrafe begnadigt wurde. Er hat, glaube ich, vier Jahre im Lager verbracht. Jetzt kommen die Leute dahin ohne Prozess, ohne Urteil, und wie´s ihnen dort ergeht, werden wir nie erfahren. Ernst Thälmann, der Kommunistenführer, wurde auch sofort verhaftet und ist seitdem verschwunden.“
„Die Liste ihrer Verbrechen ist lang. Hast du „Mein Kampf“ gelesen, Vater?“
„Ich hab´s versucht, aber es hat mich angeekelt und ich hab´s weggeworfen. Aber ich hätte es wohl behalten sollen, ich könnte dann nachschlagen, wohin das Ganze führt, es steht ja darin.“
„Wohin es geht, hat Dostojewski auch beschrieben, in den „Dämonen“, zwar für die Kommunisten, aber das Strickmuster ist ja das gleiche.“
„Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Wenn man überlegt, was sie sind, alle miteinander, nämlich Ganoven, Lügner und Diebe, angeführt von einem Oberganoven, der alles anordnet und jedes Verbrechen deckt, wenn es nur seinen Interessen dient, dann wird schnell klar, wie es weitergeht.“
„Warum hasst er so? Die Juden, die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Literatur, die zeitgenössische Malerei: warum dieser schreiende Hass?“
„Es ist sein Charakter, es befriedigt ihn zutiefst – und Mord, Mord ist seine wahre Leidenschaft. Wie viele Morde haben sie schon begangen, allesamt ungesühnt? Tausende!
Und das nach erst zwei Jahren! Es werden noch viele hinzukommen, sehr viele, das ist es, wohin es führt! – Und was tust du jetzt?“
„Ich weiß es noch nicht. Erzähl mir bitte, was du tust! Beamte müssen Parteimitglieder sein, nicht wahr?“
„Ich habe schon zwei Aufforderungen unbeantwortet gelassen. Ich werde einen Pensionsantrag stellen, aus gesundheitlichen Gründen. Ich sehe schlecht. Auch mit Brille kann ich die Fahrpläne und Anweisungen kaum noch lesen. Den Bahnarzt kenne ich schon 20 Jahre, es wird schon gehen. Und dann hoffe ich, meine Ruhe zu haben.“
„In diesem Land hat jetzt wohl niemand mehr seine Ruhe, auch ein Pensionär nicht.“
„Weißt du, Karl, wenn ich jung wäre, wie du und nicht verheiratet, so würde ich gehen, so schnell, wie möglich!“
„Das ist nicht einfach. Mit deutschem Examen kann ich als Arzt nirgendwo arbeiten. Die Zeiten, in denen die deutsche Medizin führend war, sind im Dritten Reich vorüber. Die Wissenschaftler sind schon alle weg. Zum Auswandern braucht man Geld für die erste Zeit.
Man müsste überall ganz von vorne anfangen, in einem anderen Beruf, Tellerwäscher zum Beispiel!“
„Sicher, aber man würde auch keine Schuld oder Mitschuld auf sich laden. Sie machen uns doch alle zu Schuldigen!“
„Das ist sehr hellsichtig, Vater. Dostojewski hat auch das in den „Dämonen“ beschrieben.“
Der Vater hatte in den letzten Jahren sehr viel gelesen, sein Bücherschrank wurde immer länger und höher.
„Ich glaube, in der Literatur kann man das, was jetzt vorgeht, nicht finden. Bei früheren Tyrannen war es nicht so schlimm, bei Caesar, bei Napoleon zum Beispiel – die Freiheit selbst im Vergleich zu heute.“
„Höchstens bei Calvin in Genf! - Ich brauche etwas Geld, dann gehe ich. Ein oder zwei Jahre wird´s wohl noch Zeit haben, vor dem nächsten Krieg, den will ER doch? Wozu sonst diese Hochrüstung? Millionen von Soldaten schon, die Kinder bereits militärisch gedrillt, Tausende von Panzern und Kanonen, riesige Kriegsschiffe, U-Boote. Und seine aggressiven Reden dazu!“
Sie umarmen sich und müssen sich ihrem Schicksal überlassen, das sie nicht mehr allein bestimmen, A.H. bestimmt das.
1935
Ilona ist Ungarin. Sie spricht ein lustiges Deutsch mit unverständlichen, ungarischen Einlagen, manchmal ganze ungarische Sätze, wobei sie Karl bedeutungsvoll anschaut.
Ilona ist jung und schön. Und sie riecht so gut, nach Weib! Sie hat runde, feste Brüste und einen herrlichen, dunklen Busch, dunkellockig, wie ihr glänzendes Haar. So recht die Trösterchen in diesen Zeiten.
Die ´Zeiten` hatten sich ein wenig beruhigt, die Olympiade erschien am Horizont, die Exzesse der Schlägertrupps und der Gestapo gingen zurück. Das „Dritte Reich“, SEIN Reich sollte in der Wahrnehmung des Auslandes friedlich aussehen. Welch glänzender Schachzug! Und das schon ein Jahr nach dem „Röhm-Putsch“, als ER, ganz nach Ganovenart, seinen Mörderbruder Röhm und Genossen umbringen ließ.
Die Leute waren´s zufrieden, sie feierten, sie tranken Champagner und Moninger-Bier, sie lachten, sie tanzten, sie vögelten.
Eines Abends kommt sie mit einer großen Tasche, Ilona.
„Keine Angst, ich zieh` nicht ein!“
Natürlich zieht sie ein. Sie liegt im Négligé auf dem Sofa und telefoniert, stundenlang. Was sie tagsüber treibt, weiß Karl nicht, er ist ja nicht da, jedenfalls telefonieren und keinesfalls arbeiten.
„Ich bin Sekretärin!“
Ilona schimpft wie ein Rohrspatz auf die Nazis: „Diese Verbrecher, schau, wie sie ´rumlaufen!“
„Vorsicht, Ilona, alle hören mit, die Wände, die Nachbarn und die Spatzen.“
„Du Angsthase!“
„Hier kein politisches Wort, bitte, die Gestapo hat mich geimpft.“
Geld darf Karl nicht liegenlassen, sie nimmt es sich sofort und kauft sich etwas Neues, ein Kleid, eine Handtasche… Karl lässt oft bewusst Geld liegen, so ist sie immer gut gekleidet.
Karl ist übel, er musste sich übergeben. Gegen halb fünf fährt er nach Hause, drei Stunden früher, als sonst. Er öffnet die Tür. Ein großer SS Mann steht im Wohnzimmer, die Mütze in der Hand. Ilona liegt im Sessel, den Bademantel weit geöffnet, nackt.
Karl geht wortlos ins Schlafzimmer, reißt die zerwühlten Laken herunter. Der SS-Mann macht sich aus dem Staub.- Karl öffnet den Schrank und nimmt alle ihre Kleider samt Bügel über den Arm und wirft sie in den Hausflur.
Ilona fängt an, zu schreien:
„Du Wahnsinniger, Du Irrer, Du Mistkerl!“ In dieser Art.- Karl packt sie beim Kragen und wirft sie vor die Tür, einen Koffer hinterher. Sie zetert und droht noch eine Weile, dann ist sie weg.
Das war Karls Ausflug ins Reich der Sinne, ungarisch!
1918
In das Musterungslokal, eine Turnhalle, müssen immer zehn Mann auf einmal eintreten, bis auf die Unterhose entkleidet. Ein Feldwebel brüllt, ein anderer schreibt hinter einem Tisch die Angaben des Doktors auf. Dieser ist ein gemütlicher, kleiner Mann mit roten Bäckchen, in Anzug und Weste, darüber einen weißen Kittel, den er offen lässt. Um den Hals hängt ein Stethoskop, in der Kitteltasche steckt ein Hämmerchen. Das sind all seine Instrumente.
Alles ist recht lustig, außer dem Feldwebel. Er ruft die Namen auf: „Vortreten!“
Der Doktor schaut sich die Nackten an, die O- und X-Beine, die Platt- und Spreizfüße, die Hühnerbrust, all die hübschen Dinge.
Dann beginnt er zu klopfen und abzuhören, kurz und fachmännisch.
„Pleura drei Querfinger verschieblich, Vesikuläratmen. Herzaktion regelrecht, Puls 70/Min, Zunge weißlich belegt, Mandeln vergrößert, leichte Lymphknoten am Kieferwinkel – Haben Sie das?“ Der Soldat schreibt.
Dann Kniebeugen.
„Hose runter!“ schreit der Feldwebel.
Nun noch das Allereigenste.
„Normales Gemächt, beide Hoden deszendiert, leichte Phimose.“ Alle grinsen.
„Hier wird nicht gegrinst!“ Der Feldwebel schreit; zu tun hat er sonst nichts.
Messen und Wiegen: „1m70, 48 Kg.- Untergewicht!“ diktiert der Arzt. Alle haben Untergewicht.
„Kein Wunder, von den Marken kann ja auch keiner leben.“ Ruft Karl.
„Halten Sie den Mund, Sie sind nicht gefragt!“ Faucht der Feldwebel, der Doktor aber sagt:
„Ja, ja, leider, leider!“
Nun noch das Gehör. Geflüsterte Zahlen aus drei Meter Abstand. Die Augen prüft eine junge Schwester. Sie sind immer noch in Unterhose.
Alle werden mit 1 oder 2 gemustert, sie brauchen frisches Fleisch in Flandern. Der Vetter Hans, der so kurzsichtig ist, wie ein Maulwurf, -5 dpt., wurde auch tauglich gemustert, als Futter für die Kanonen muss er nichts sehen.
Vorstellen kann sich den Krieg eigentlich keiner. Die offiziellen Meldungen von der Front sind durchweg positiv, glauben tut das niemand mehr. Bilder gibt es nicht.
Nach der Musterung stehen sie noch ein Weilchen draußen vor der Tür zusammen.
„Wenn sie mich zu Grabe tragen, haben sie nicht viel zu tragen, 48 Kg.“ Sagt Karl.
“Du glaubst doch nicht, dass dich noch einer zu Grabe trägt? Du bleibst einfach liegen. Du kannst von Glück sagen, wenn dich der nächste Einschlag zudeckt – nee, du kannst sowieso gar nichts mehr sagen! Mein Bruder liegt schwer verletzt im Lazarett, ihm fehlt das linke Auge und der Oberkiefer. Er hat erzählt, wie es da zugeht an der Westfront!“
Alle verstummen und machen sich still davon.
Als Karl nach Hause kommt, sagt der Vater:“Sie werden dich bald einziehen, aber die Grundausbildung dauert drei Monate und bis dahin ist der Krieg zu Ende. Die Offensive an der Marne ist gescheitert. Unser Land ist vollständig erschöpft, es geht nicht mehr.“
Das kommt dann aber doch anders.
1918
Karls Vetter Hans liegt im Lazarett. Der ganze Kerl riecht nach Jodoform. Er hat einen Lungen -Durchschuss rechts in Russland bekommen.
„Hab´ Glück gehabt.“ Sagt er. Aber es geht ihm nicht gut, er liegt hier schon sechs Wochen.
Das Lazarett ist in einer Schule untergebracht, in den Klassenzimmern liegen immer 30 Mann in Feldbetten mit blau gestreiften Laken. Manche stöhnen und wälzen sich, andere schauen nur mit leeren Augen an die Decke.
„Kurz bevor einer stirbt, bringen sie ihn raus auf den Flur“ Erklärt Hans. „Es sterben viele. Ich will hier ´raus, ich halt´s nicht aus!“ Er ist mit Zügen wochenlang von Lazarett zu Lazarett gebracht worden – und lebt immer noch.
„Ich bring dir ´was zu lesen.“
„Ach, lass´ mal, ich schau mir lieber die Ärschlen von den jungen Schwestern an!“
Typisch Hans. Er hat dann tatsächlich überlebt, doch immer wieder ist die Wunde aufgegangen, ein ganzes Jahr lang!
1918
Die Grundausbildung, die in Friedenszeiten drei Monate dauerte, ist nach vier Wochen beendet. Sie findet in der großen Kaserne in der Moltkestraße statt.
Strammstehen! Präsentiert das Gewehr! Latrine reinigen, marschieren, wieder Stammstehen.
Mit voller Ausrüstung durch Stacheldraht robben – es regnet fein und stetig. Danach Uniform säubern, Stiefel wichsen, Essen fassen: Graupensuppe mit Kohl, feuchtes Kommissbrot.
Schießausbildung. Sie schießen alle daneben. Die Unteroffiziere brüllen sich heiser, es wird nicht besser. Neben Karl, der auf dem Bauch liegt, taucht der Feldwebel auf. „Sie schießen nicht schlecht.“ Er schaut sich das Gewehr an – und gibt ihm ein anderes.
„Anlegen, nur Sie! Feuer!“ Karl trifft. „Noch mal!“ Karl trifft erneut. Der Feldwebel geht wortlos, übt einzeln mit anderen Rekruten. Nach einer halben Stunde, am Ende seiner Geduld, kehrt er zurück. „Name?“ Karl steht stramm. „Rekrut Karl S., 13. Kompanie!“
„Sie melden sich anschließend auf der Schreibstube!“
„Übermorgen, 8 Uhr, Abmarsch zum Bahnhof! Hier Ihr Marschbefehl. Sie werden zum Scharfschützen ausgebildet! Weggetreten!“
Karl fährt mit Urs, einem Jungen aus dem Schwarzwald mit schweizer Mutter zur Schwäbischen Alb. Auf einer der flachen Höhen steht eine ehemalige Wanderherberge,
die jetzt die Kaserne für die Scharfschützen ist.
Die Behandlung der Rekruten dort ist locker, wesentlich angenehmer als bei der Grundausbildung. Die ehemaligen Kameraden aus der Moltke-Kaserne sind bereits auf dem Wege zur Westfront – in den Tod.
Auf der Alb dauert die Ausbildung weitere vier Wochen. Karl erhält ein Gewehr mit langem Lauf und Zielfernrohr. Es ist eine sehr schöne Waffe, zielgenau und präzise. Am besten ist das Fernrohr: noch in 400 m Entfernung sieht man das Auge eines Menschen.
Schießen im Liegen, im Knien, im Stehen im Schützengraben. Man schießt auf Pappfiguren.
„Schießen Sie jetzt genau ins Herz, es sind 350 Meter!“
Karl schießt ins Herz – und hofft, dies niemals tun zu müssen.
Mit Urs freundet er sich an. Die Rekruten kommen aus dem ganzen Reich, Urs und Karl sind Süddeutsche, sie verstehen sich und halten zusammen.
Die Verpflegung ist gut. Fast täglich gibt es dicke Bohnensuppe mit Speck und richtigem Bauernbrot. Am Abend auf den Pritschen furzen sie um die Wette in allen Tönen, bis einer sagt: Schluss jetzt, Kinder, mit dem Stimmen der Instrumente, wo ist die Partitur?
1935
Am Vormittag war ein Patient mit einer schweren Mittelohrentzündung eingeliefert worden. Karl untersuchte ihn. Er hatte schon eine beginnende Nackensteifigkeit, die eine Hirnhautentzündung anzeigt. Karl operierte den Mann am frühen Nachmittag . Das Mittelohr und die angrenzenden Räume wurden vollständig von eitrigen Herden befreit. Der große Hirnblutleiter lag frei, der Knochen darüber war fast aufgelöst. Mehr als diesen schweren, eineinhalb Stunden dauernden Eingriff, konnte man nicht tun.
Der Zustand des Patienten verschlechterte sich trotz Operation, Medikamente gegen die Entzündung gab es nicht, so dass der Tod abzusehen war.
Karl machte am Abend Visite und setzte sich an das Bett. Der Patient war schon nicht mehr ansprechbar. Karl fasste seine heiße Hand. Zur Schwester sagte er: Lassen Sie mich allein!
Der Patient war in Karls Alter. ´So also muss jemand in diesem Alter sterben, weil Die Medizin keine Medikamente gegen Bakterien, keine Mittel mehr hat!´
Der Nachttisch stand offen, darin die Papiere des Mannes. Karl las: Josef Müller, geboren am 2.10. 1900 in R. Augenfarbe Braun, Haarfarbe braun. Größe 1.70 m. Keine besonderen Kennzeichen. Beruf: Krankenpfleger.
Den Ausweis würde Josef Müller nicht mehr brauchen. Nach einem Jahr schon würde der Mann weitgehend vergessen sein. Seine Familie würde ihren gewohnten Tagesablauf haben, seine Frau einen anderen Mann.
Der Ausweis verschwand in Karls Kitteltasche. Niemand würde ihn vermissen. Er aber könnte ihn brauchen, wenn er Deutschland verließe – und dazu war er entschlossen. Er ist so alt, wie ich. Wegen des Geburtsdatums im Oktober ist ihm der Einsatz im Krieg wohl erspart geblieben.- Karl dachte an seine eigene, kurze Kriegsepisode in Flandern:
Aufgerissene, verbrannte Erde, überall durchzogen von eingestürzten Schützengräben und Unterständen; Lehm, Nässe und Exkremente, Fetzen von Uniformen, Helmen, Gasmasken, aus dem Grund ragende Gliedmaßen, Füße mit Stiefeln, verkrampfte Knochenhände, halb verfaulte Schädel, die Hölle selbst, Hieronymus Bosch. Tag und Nacht anhaltender Beschuss mit Granaten von beiden Seiten, ein ungeheueres Getöse. Gab es mal Feuerpausen, so versuchte man, die Verletzten wegzubringen, einen Schluck Wasser zu trinken, eine Scheibe matschiges Brot zu essen und seine Notdurft zu verrichten, irgendwo.
Karl und Urs standen dann im Schützengraben, 30 Meter voneinander entfernt, ihre Zielfernrohre auf die gegnerischen Linien gerichtet, dahin, wo man sie im Schlamm vermutete.
Ein völlig unerwarteter Granateinschlag schleuderte Urs in die Luft und riss ihn in Stücke.
In einer Lawine von nasser Erde traf Karl ein Granatsplitter am rechten Oberschenkel, eine tiefe Fleischwunde. Er hinkte in den Unterstand, in dem der Leutnant und die Unteroffiziere auf Kisten saßen, rauchten und Rotwein tranken. Sie verbanden ihn notdürftig und sandten ihn nach hinten. Nach zwei Stunden, das Dauerfeuer hatte wieder eingesetzt, erreichte er einen Verbandsplatz, vor dem viele Schwerverwundete auf Tragen lagen.
Karl bat nur um Jod und Verbandsmaterial und versorgte seine Wunde selbst. Niemand hatte Zeit, ihm zu helfen. Das Gehen fiel nun immer schwerer, der Schmerz nahm zu. Er fand eine Latte, die er als Stütze gebrauchte. Sein Gewehr hielt er eisern fest. Es konnte jederzeit, auch in der Nacht, eine Erstürmung durch den Feind stattfinden. Der Feind: Franzosen, Engländer, Iren und Schotten, Algerier, Australier – eine Völkerschlacht!
Bei einem rückwärtigen, intakten Befehlsstand meldete er sich und erhielt einen Marschbefehl in ein Lazarett, das er jedoch erst am nächsten Morgen erreichte. Die Wunde hatte sich entzündet und wurde breit ausgeschnitten, ohne Betäubung. Karl lag in diesem Lazarett zwei Wochen. Am 6. November wurde die Kapitulation des Deutschen Reiches unterschrieben, alle Waffen schwiegen. Die Überlebenden des Mordens gingen einfach nach Hause.
Urs, sein guter Freund, war tot. Warum bist du nicht rechtzeitig in die Schweiz gegangen, wie deine Mutter riet?
Nach Tagen erreichte Karl seine Heimatstadt, das Gewehr geschultert.
Als er aus dem Bahnhof trat, sprach ihn ein alter Mann an: „Soldat, ein Schinken gegen Ihren Mantel?“ Karl zog seinen Mantel aus und nahm den Schinken. So hatte er wenigstens etwas mitzubringen für die hungernde Familie.
Cora, die Hündin, muss ihn von weitem bemerkt haben. Sie sprang über das Gartentor und lief ihm mit Freudengebell entgegen. In der Schulzeit – das kam ihm nun lang entfernt vor – war er jeden Nachmittag mit ihr eine Stunde am Bahndamm entlang auf Kaninchenjagd gegangen, Coras schönster Zeitvertreib.
Das Gewehr versteckte er an sicherem Ort. Nie hat jemand danach gefragt.
Im April fährt Karl mit dem Zug nach Freiburg, um sich in Medizin zu immatrikulieren. Beim nächsten Mal wollte er lieber Verwundete versorgen, als im Schützengraben zu stehen.
Es ist ein sonniger Tag. Er steht am offenen Fenster im Gang und schaut auf die Landschaft, das schöne Baden. Die Schwarzwaldhöhen begleiten den Zug, zartgrün, von bläulichem Dunst verschleiert.
Im Immatrikulationsbüro steht Karl allein vor dem Schalter. Die Sekretärin nimmt den Ausweis und das Abiturzeugnis, füllt ein Formular aus, seine Immatrikulation in Medizin, so einfach ist das. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Es ist der 20. April.
Karl hat rechtzeitig Abitur gemacht mit Note 2, ein Gnadenabitur für Kriegsteilnehmer, niemand ist durchgefallen.
Anschließend besteigt er den Turm des Münsters aus rotem Sandstein. Von hier hat man einen weiten Blick nach Westen bis zum Kaiserstuhl und zu den Vogesen. Ein mittelalterliches Städtchen, dieses Freiburg, durchzogen von schnell fließenden Bächlein. Er wird sich wohl fühlen hier, endlich Frieden, ein unruhiger zunächst mit Attentaten, Aufmärschen und Geschrei. In Freiburg wird das wohl nicht allzu schlimm werden, hier haben noch der Bischof und die vielen schwarzen Kutten das Sagen. Warum haben die eigentlich nichts gesagt, als der Krieg begann? Sie mussten wohl Kanonen segnen!
Karl nimmt ein Zimmer in der Stadt, es ist winzig klein, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein wackliger Schrank. Über dem Bett ein Weihwasserfässchen und ein Kreuz.
Nach dem Physikum wechselt Karl nach Heidelberg. Er wohnt bei einer sehr alten, immer schwarz gekleideten Frau in Rohrbach. Morgens wäscht er sich in der Küche mit freiem Oberkörper am Spülstein, der einzigen Wasserquelle im Haus, während die alte Frau am Küchentisch ihre warme Milch mit eingeweichten Brotstückchen löffelt. Es macht ihr sichtlich Freude, Karl zuzusehen.
Im Semester sind nur 50 Studenten, alle kennen sich. Die Professoren nennen die Studenten mit Namen. Man kann in Vorlesungen und Seminaren Fragen stellen und erhält eine klare Antwort. Aber auch mal ein: „Das müssen Sie aber jetzt nachlesen, das sollten Sie längst wissen!“ Das spornt an.
Schließlich macht Karl mit drei Freunden, Costas aus Athen, Menachem aus Tel Aviv und Friedrich - aus dem Odenwald- Examen, alle mit summa cum laude.
Gefeiert wird nur mit einem Bier, keiner hat Geld.
Die politischen Wirren sind weitgehend an ihnen vorübergegangen, auch die Inflationszeit.
In der Mensa gab es noch etwas zu essen, kaufen konnte man nichts. Der Monatswechsel war wertlos, sobald er kam.
Die Freunde zerstreuen sich in alle Welt und sehen sich nie wieder.
1935
„Wissen Sie, ich hatte mir ja mehr versprochen.“ Sagt Prof. E eines Tages. Er hatte sich mehr versprochen von seiner Mitgliedschaft in der NSDAP! E. ist jetzt fast freundschaftlich. Kein Wunder, er lebt von Karls Arbeit. Der lässt sich seine Abneigung nicht anmerken.
„Man soll nichts versprechen, nicht mal sich selbst! Kürzlich hat uns der F. in einer Radioansprache Frieden versprochen. Vielleicht erinnern Sie sich? Hält er sich daran?“
„Selbstverständlich! Der F. hält sich immer an seine Versprechen!“
„Ihr Wort in Gottes Ohr!“
„Es gibt keinen Gott!“
„Ja, ich merke es. Das ist der Fehler!“
Karl sollte sich besser auf die Zunge beißen. Sein vorlautes Mundwerk ist einer seiner Charakterfehler. Karl weiß das, Mutter Emilie hat das oft gesagt.
Ilona, Karls Liebchen vom soeben vergangenen Sommer, hat ihm die Freude an der Wohnung genommen. Wenn er jetzt spät abends nach Hause kommt, sieht er den SS-Knaben im Wohnzimmer stehen.
Die neue, kleine Wohnung in der Kaiserstraße ist SS- und Ilona frei. Sie liegt im vierten Stock eines alten Hauses und war ehemals die Unterkunft der Bedienten – Bediener müsste es eigentlich heißen. Die kleinen Fenster gehen zum Hof nach Süden, so dass es Sonne gibt – wenn sie mal scheint, was ja nicht so häufig ist – und Karl auch zu Hause, was noch seltener ist. Eine Wohnung braucht er aber ja doch, irgendwo will er ruhig schlafen, ohne Frau und ohne Uniformen. Er lässt niemanden mehr herein, nicht mal eine Person aus der Familie.
Seine Bücher hat er teilweise ergänzen können, auch seine Platten, aber Mendelson-Bartholdy oder Blues-Platten von Sunny Boy Williamson und Leadbelly gibt es nirgendwo. Ein wenig „Freud“ bekam er unterm Ladentisch…
Über Karls Domizil ist nur noch der alte Speicher und so trampelt ihm auch niemand auf dem Kopf herum.
So ein Speicher erregt seine Neugier. Karl steigt die steile Treppe hinauf und schaut sich um:
Überall dicker Staub auf uralten Möbeln, abgeschlagenen Betten, zerbrochenen Stühlen und Tischen. Die Menschen, die all das besaßen, die in den Betten schliefen und sich liebten, sind lange nicht mehr.
Geschlechter sind erglüht wie helle Funken
Haben gelebt, geliebt, gehasst, getrunken;
Sie leerten hier ein Glas und sind verlöscht,
Sind in den Staub der Ewigkeit gesunken.
(Omar i- Kajjam, um 1000 vor u. Z.)
Die Dachfenster sind fast blind vor Staub und Alter, dennoch ist es hell im Speicher, fast gemütlich, es fehlt nur eine Frau Rheinbacher mit ihrem Wäschekorb, auf dem man sich gemeinsam vergnügen könnte. Doch hier kommt niemand mehr hoch, niemand sucht hier noch etwas. Karl berührt nichts von den alten Sachen. Aber eines der Fensterklappen muss er aus Neugier doch ein wenig öffnen: Man schaut auf die Kaiserstraße, man sieht den Platz und das Denkmal. Hier geboren, weiß er doch nicht, welcher Großherzog dort auf dem bronzenen Gaul reitet. Er wundert sich, dass die Nazis das stehen ließen – vielleicht stellen sie bald einen bronzenen H. hin mit ausgestrecktem Arm und seinem Kläffer Goebbels daneben an der Leine. Das wär´ doch hübsch!
„Frau Rheinbacher“
(Josephine Mutzenbacher)
Anfang April erzählt Prof. E. begeistert: „Haben Sie schon gehört? Der F. kommt nach K., an seinem Geburtstag! Es gibt einen großen Empfang im Rathaus. Ich versuche, eine Einladung zu bekommen!“ Er strahlt übers ganze Gesicht.
Karl ist sprachlos. ER hier? Man könnte ihm in die Mörderaugen schauen. Man hätte ihn gar vor der Flinte! Welch Vorstellung!
Sie haben IHN zu ihrem Gott gemacht, die Verehrung ist geradezu religiös. Denn Gott selbst ist tot, im Krieg gefallen, mit Giftgas umgebracht, zerrissen und dann liegen gelassen. Ja, er war schon in der Französischen Revolution hingegangen, 200.000 enthauptete Unschuldige, Männer und Frauen.
In der Zeit nach dem großen Krieg suchte die Gesellschaft verzweifelt nach einem Ersatz, etwas, an das sie glauben könnte. ER gab ihnen wieder Glaube und Hoffnung. Den Betrug, die Verführung bemerkten sie nicht.
Was wäre, wenn? Abgesehen von der Todesgefahr für den Schützen! – Der große Hasser wäre weg, der Obersatan. Es gab genügend kleinere Satane, massenhaft Mörder, Schläger, Sadisten, Karrieristen, aber den Ton, den Grundton, würden sie nicht heulen können. Nach und nach käme das Land, das ER sich genommen hatte, zum Rechtsstaat zurück, zur unverzichtbaren Gewaltenteilung, vielleicht mit Hilfe der Wehrmacht. ER würde dann zum Märtyrer. „Ewige“ Verehrung. Ein Mausoleum, wo seine präparierte Leiche zu besichtigen wäre, wie Lenin. An einen Nachfolger mit der gleichen kriminellen Energie, wie Stalin in Russland, glaubte Karl nicht.
Vielleicht war es gar keine Ideologie, der Nationalsozialismus, nur ein Auswurf seiner verbrecherischen Persönlichkeit, eine Imitation des russischen Kommunismus, was keiner merken sollte, niedergeschrieben in einem ungenießbaren Buch? Kann ein Einzelner eine Ideologie begründen? Karl bezweifelte das. Der Katholizismus, der Kommunismus, das waren Ideologien, von vielen, von Generationen getragen - was nichts über ihren Wahrheitsgehalt aussagt. Welche Verbrechen hat der Katholizismus zu verantworten, in Mittel- und Südamerika? Die Verbrechen der Inquisition?. Jetzt die völlig fehlende Kritik jener an den Verbrechen der Nazis! Welche Verbrechen der Kommunismus? 100000 Tote schon unter Lenin! Wie viele hat Stalin bereits begangen und würde er noch begehen? Was für eine irre Welt! - Und es waren Einzelne, die die Verbrechen befahlen!
Wenn Einzelne ein ganzes Volk knechten, angrenzende Völker in Angst und Schrecken versetzen können – dann kann ein Einzelner auch korrigierend eingreifen, wenn er den richtigen Moment erfasst.- Dies schien der richtige Moment! Vielleicht der Letztmögliche.
Stalin erkrankt an schwerer Grippe und stirbt. - H`s Fahrer fährt in den Graben und ER bricht sich das Genick. In Russland wäre das wohl nicht das Ende des Gewaltsystems, in Deutschland schon, nicht sofort, aber bald, eben, weil nur ER den Nazismus repräsentiert.
„Ist seine Regierung nicht redlich,
Die Redlichen werden zu Schelmen,
Die Guten werden zu Heuchlern.
(Tao Te King)
Solche Gedanken machten sich selbständig und quälten ihn tagelang.
Niemand hatte es so versucht, alle bisherigen Attentäter hatten eine Bombe gelegt und waren dann weggelaufen. Sie hatten IHN nicht erwischt, aber sie hatte man schnell gefasst.
Karl verstummte vollständig. Er sprach zu niemand.
Der Preis des Tyrannenmörders ist sein eigener Tod. Wer das nicht einkalkuliert, wird keinen Erfolg haben.
Was hatte Karl vom Leben?
Schwere, verantwortungsvolle Arbeit von früh bis spät, keine Frau, keine Kinder – das war für ihn nicht denkbar in dieser Diktatur – keine Freunde, keinen Gesprächspartner, außer gelegentlich den Vater, keinen Besitz. Warum bin ich nicht schon gegangen, ich Idiot? Sagte er zu sich.
Spät am Abend setzte er sich vor die Photographie seiner Mutter Beate, die mit 20 Jahren hatte gehen müssen, nachdem sie Karl das Leben gegeben hatte. Er betrachtete sie lange, ihre klaren Augen, ihre Festigkeit - wortlos.
Karl holte sein Gewehr aus dem Versteck. Er zurrte es fest unter dem Rahmen des kleinen, grünen Wagens von Dr. Korn, sein einziger Luxus, und fuhr bei Lauterburg über die französische Grenze, wie er das oft getan hatte, seit er den Wagen besaß; das Passieren der Grenze war noch immer möglich. Und von da in die Vogesen. –
Für Karl war es Bogenschießen, taoistisches Bogenschießen. Reine Ruhe und Konzentration!
Man übt, bis man fast mit geschlossenen Augen das Ziel trifft.
Als er das erste Mal in einem bewaldeten, einsamen Tal frühmorgens zwei Schüsse auf ein Blättchen Papier an einem Baum in 300 Meter Entfernung abgab, sich sicher, dass das hier niemand hören würde, sah ihm doch jemand zu, ein Jäger.
„Quesque vous faites lá, vous!“ Schrie er.
„Excuséz moi, ich bin kein Wilderer, ich ziele nur auf Papierchen, das Wild interessiert mich nicht, auch könnte ich keines töten. Ich schieße zur Entspannung, und ich liebe das Gewehr, das Zielfernrohr ist phantastisch scharf, wollen Sie mal durchschauen?“
Zugänglicher nahm der Jäger die Flinte und schaute.
„Ja, tatsächlich, es ist sehr scharf, besser als meines, verkaufen Sie es mir?“
„Seinen Bogen gibt der Bogenschütze niemals her, aber ich leihe es Ihnen.“
Seitdem hat Karl einen Freund in den Vogesen, Maurice.
Maurice ist Metzger, Jäger und Waffennarr, er hat eine große Sammlung von Gewehren und Pistolen, darunter ein paar Duellpistolen von 1801, sein besonderer Stolz. Karl darf im Jagdgebiet von Maurice schießen, wann immer er will.
Auge und Hand sind ohne Fehl.
1937
Es würde eine kurze Operation sein. Ein zartes Fingerkrümmen, ein Knall, Operation beendet!
Man würde ihn sofort aufgreifen, mit ziemlicher Sicherheit. Doch – der Überraschungseffekt, ein Entkommen war denkbar und musste bedacht werden. Sie würden alle Grenzen sofort schließen, kein Durchkommen mit dem Wagen oder der Bahn. Lange Wege über grüne Grenzen? Zu gefährlich! Also über den Rhein! Ja, das wäre der kürzeste Weg.
Ein schöner 20. April, SEIN Geburtstag – und Karls Geburtstag. Seit ER an der Macht ist, hat Karl nie wieder seinen Geburtstag erwähnt oder gar gefeiert.
Da kommen sie, sie biegen in die Kaiserstraße ein, voraus drei Motorradstaffeln, dann sein Mercedes- Kabriolett, riesig, in dem er vorn rechts steht, die Hand zum Gruß erhoben, angewinkelt im Ellbogen, starres Gesicht, keinerlei Lächeln. Im Fonds zwei weitere Uniformierte.
Karl hat ihn im Zielfernrohr, 300 Meter, noch zu weit. Sie fahren Schritt, man kann abwarten, nur nicht zu früh schießen, nur ein Schuss, der muss sitzen, kein zweiter. Trifft der erste nicht, ist es schief gegangen. Karls Gehirn dreht diese Überlegungen wortlos, ununterbrochen.
Dabei eisige innere Kälte, keinerlei Bewegung, kein Zweifel, kein Zittern. Es muss sein! Alle weiteren Verbrechen verhindern!
Jetzt sind sie auf 250, auf 200 Meter heran. Ziel ist sein rechtes Jochbein. Das Gewehr macht eine leichte Aufwärtsbewegung, wenn der Schuss sich löst, es ist ein gutes Mädchen, nur eine leichte Aufwärtsbewegung, sonst nichts. Der Abzug, der Druckpunkt ist ganz leicht.
ER dreht den Kopf leicht nach links, genau, so ist´s gut. Ein einziger PLOP, untergehend im infernalischen Geschrei von Tausenden an der Straße: Heil, Heil, Heil – und sein elender Hundename hinterher.
Das Projektil trifft an der rechten Schläfe.
Noch in Seinem Nachhintenstürzen zieht Karl den Lauf aus der Luke.
Danach geht alles ganz schnell.
Karl legt die Flinte unter eine Diele, die schwarze Maske dazu. Den Rucksack in die Hand, die Speichertreppe und die Haustreppe auf Gummisohlen hinunter und in den Hof; hier zieht er die dunklen Handschuhe aus. Es mögen ein oder zwei Minuten vergangen sein. Die Hausbewohner sind alle auf der Straße, die Alten liegen mit Kissen in den Fenstern. Durch den Hof , durch den Hofgang des Hinterhauses auf die nächste Straße. Natürlich können sie schon mit ihren Maschinenpistolen hinter ihm her sein. Aber nichts geschieht. Sie müssen völlig überrascht sein. Karl ist ganz ruhig, er rechnet mit dem Tod, jederzeit. Der Preis muss gezahlt werden. Noch alle Tyrannenmörder wurden getötet, die Mörder Caesars, alle.-
Hier lehnt sein Fahrrad, er steigt auf und fährt nach Süden, Richtung Schwarzwald, davon. Von Ferne hört er noch das Heils-Geschrei der Leute, die den Anschlag nicht gesehen haben, dann eine Polizeisirene. Auf den Straßen in der südlichen Stadt ist niemand, keine Passanten, kein Polizeiwagen …
Nach 10 Minuten ist er schon aus der Stadt heraus, noch einzelne Häuschen, Schrebergärten, Wiesen, dann der Wald.
Karl fährt zügig, doch nicht auffällig schnell, eine Fahrradtour am sonnigen Sonntag, ganz normal.
Entlang der Ebene rechts des Rheines dehnt sich der große Wald aus, nur unterbrochen von einzelnen Bächen und Kanälen.
Es ist warm, strahlender Sonnenschein, 20. April. Am 20. April ist es hier immer warm!
Karl hat alle Fingerabdrücke auf dem Gewehr, auf dem Handlauf der Treppe, auf den Türgriffen vorher sorgsam mit Spiritus beseitigt, danach immer Handschuhe getragen.
ER ist früher gekommen. ER kommt immer früher, wahrscheinlich, um Attentaten zu entgehen. ER geht auch früher, aus demselben Grund. Aber auch, wenn er noch früher gekommen wäre…
Karl war um 8 Uhr in der Klinik. Die Schwestern, die Assistenten sind es gewöhnt, dass er auch an Tagen, an denen er keinen Bereitschaftsdienst hat, in der Klinik auftaucht. Er macht eine kurze Visite, besucht das Kinderzimmer, untersucht die frisch an den Mandeln operierten Kinder, um eine Nachblutung rechtzeitig zu bemerken. Der diensthabende Arzt und die Stationsschwester begleiten ihn.- In der Nacht ist ein 9 Monate altes Kind eingewiesen worden, bei dem der Verdacht auf eine schwere Entzündung des Ohres besteht. Karl bestätigt dies.
Das Kind wird umgehend in den Op. gebracht und kurz danach operiert. Der Diensthabende assistiert Karl. Ein solcher Eingriff ist schnell gemacht: Freilegen des Knochens hinter der Ohrmuschel, Eröffnung des Warzenfortsatzes mit kleinem Meißel, Säuberung mit einem kleinen, scharfen Löffel, Jodoformgaze. Die Wunde bleibt offen, keine Naht.
Karl zieht die Handschuhe aus.
„Herrliches Wetter hat der F. bei seinem Besuch hier!“
„Ja, wunderbar, was für ein Glück!“ Es sollte Katzen hageln, ausgestopfte Katzen, mit Sprengstoff gefüllt!
„Gehen Sie auf den Empfang?“
„Das ist nur für Honoratioren, zu denen gehöre ich nicht. Aber der Chef ist da. Ich gehe an die frische Luft, kleiner Ausflug ins Albtal. Auch Unsereiner braucht mal Sonne und Bewegung!“
„Gute Erholung, Herr Oberarzt!“
Das war das Alibi. Mehrere Personen hatten Karl gesehen. Aber gegen 9 Uhr 30 ist Karl auf dem Speicher, die Waffe im Anschlag.
Nach zwei Stunden erreicht Karl die Gegend, die Münchhausen im Elsaß gegenüber liegt. Er fährt kurz am Rhein entlang, bis er am anderen Ufer die Hütte sieht, die die Erkennungsmarke ist. Im Sonnenschein stehen Angler, einzelne Ausflügler gehen vorüber. Noch einen Kilometer weiter und wieder in den Wald. An einem geschützten Flecken bei einem kleinen Wasserlauf ruht er sich aus, trinkt, isst Brot und Speck aus dem Rucksack. Dieser ist regendicht, wenn auch nicht wasserdicht. Er enthält den Ausweis von Josef Müller, Krankenpfleger, 9000 Reichsmark und an die 1000 Francs, die er in den vergangenen Jahren zusammen getragen hat, dazu einige wenige Kleidungsstücke, eine originale Baskenmütze, leichte Wanderschuhe, Brot, Speck, Schokolade und eine kleine Flasche Zwetschgenschnaps, alles extra in gummierte Tücher verpackt.
Er bleibt im Wald. Es ist warm. Auf einem geschützten Fleckchen ruht er sich aus.
Auf ein Blatt Papier schreibt er: Liebe Eltern, die ungeheuere Arbeitslast, die Pressionen durch meinen Chef, die fehlende Erholung, die Aussichtslosigkeit meines Lebens, allein,
haben mich veranlasst, ein Ende zu machen. Ich danke Euch für all das, was Ihr für mich in 37 Jahren getan habt. Ich wünsche Euch alles Gute. Verzeiht mir! Karl.
Er faltet das Papier und steckt es in die Brusttasche; man wird es finden.
Es soll die Eltern schützen!
Gegen fünf Uhr wird es kalt. Er kauert sich zusammen, bewegt sich aber nicht. Er darf nicht zu früh zum Ufer gehen. Auf beiden Seiten des Flusses sind Bunker im Bau, wenn auch noch nicht besetzt. Patrouillen gibt es dennoch. Man bereitet sich auf den nächsten Waffengang vor.
Gegen Mitternacht begibt er sich zum Waldrand. Es ist niemand zu sehen. Der Mond ist herausgekommen, über dem Fluss steigen weiße Nebel auf.
Er entkleidet sich schnell und gleitet ins Wasser, den Rucksack hoch oben auf den Schultern, mit frischem Birkenlaub besteckt. Die Kleider, Ausweis, Börse mit wenig Kleingeld, bleiben am Ufer. Mit schnellen Schwimmzügen der Strömung nach erreicht er die Mitte des Flusses. Jetzt eine Gewehrsalve, das wäre doch ein romantischer Tod!
Minutenlang ist er versucht, sich einfach sinken zu lassen…
Er erschrickt, etwas stößt ihn von hinten an. Es ist ein totes Reh, am Bauch grotesk aufgebläht. Karl hält es mit der linken Hand an einem Bein und benutzt es als Tarnung, denn auch von der französischen Seite droht Gefahr.
Nach 20 Minuten im eisigen Wasser erreicht er das Ufer, halb erstarrt.
Im Sommer in der Jugend war er mit den Schulkameraden oft am Rhein; sie schwammen zur anderen Seite, gingen dann weit rheinaufwärts, weil sie von der Strömung abgetrieben worden waren, um zurück zu schwimmen zu dem Platz, an dem die anderen Jungen lagen.
Vorsichtig gleitet er die Böschung hoch und verschwindet im Wald. Er reibt sich mit trockenen Blättern ab, bis die Haut warm wird und kleidet sich dann schnell an.
Er umgeht Münchhausen weit im Süden.
Münchhausen, ein winziges Dorf an der Lauter, bevor sie sich in den Rhein ergießt, mit Altrhein und Auen. An seinen spärlichen, freien Tagen war Karl oft hier, hier war es so wunderschön, kein Geschrei, keine Hakenkreuzfahnen, nur eine einsame Trikolore an der Mairie, kein Misstrauen, kein Hass, wie erholsam! So kann die Welt auch sein!
Die Landschaft zeichnen mit Feder und Kohle, die alten, ins Wasser hängenden Weiden, die Wehre, die Kähne und Ruderboote, die sich im Wasser spiegeln. Schwimmen auch im klaren Wasser, Schwätzen mit Anglern, die die gleiche Sprache sprechen, den gleichen Dialekt, Feindschaft nirgendwo! Mittags essen im Dorfgasthaus, frittierte Sardellen, fruits de mer, Aal gebraten mit Kräutern, Baguette, Rotwein. Die Chefin, dralle Brust, stellt wortlos bei jedem eine Flasche hin, man bezahlt, was man getrunken hat, alle reden und lachen miteinander, man kennt sich; wie köstlich! Und doch nur normal, wie es sein sollte, Leben, einfaches, friedliches Leben.
Am Rand des großen Hagenauer Waldes wandert er während der Nacht nach Westen in Richtung der Berge.
Noch vor sieben Uhr erreicht er die kleine Bahnstation in Soultz. Der Frühzug bringt die Arbeiter und Angestellten in die Stadt. Karl löst eine Fahrkarte nach Reims. Am Nachmittag, nach Stunden in Bummelzügen und häufigem Umsteigen erreicht er Reims, von weitem an der alles überragenden, gotischen Kathedrale zu erkennen. Mit dem Strom der Reisenden steigt er schnell aus und geht sofort einen Stock tiefer in die Bahnhofsmission.
Hier auf dem Bahnhof können sie stehen, die Gestapo-Leute. Überall in Frankreich muss er jetzt damit rechnen, auf allen Plätzen, an allen markanten Punkten.
Ob sie bereits wissen, wer der Attentäter war? Möglich ist das. Leicht hat es ihnen Karl jedoch nicht gemacht. Woher kann der eine, einzige Schuss? Welchen Winkel zum Kopf hatte er? Von welchem Hausdach? Sie werden alles daransetzen, dies herauszufinden. Doch sie müssten auch das Gewehr entdecken unter dem Bodenbrett. Keine Fingerabdrücke, nirgendwo! Vielleicht waren sie, die Epigonen, auch gar nicht daran interessiert?
Die Bahnhofsmission in Reims ist ein dunkler Verschlag, darin ein altes Weiblein. Sie trägt eine Rotkreuz-Brosche an ihren dunklen Kleidern…
„Bonjour, Madame, excuséz moi, j´ai mal au coeur!”`
Sie weist ihm einen Hocker an im Hintergrund der Stube, über die in unregelmäßigen Abständen Züge donnern.
„Eine Tasse Tee?“
Karl trinkt Tee, dankbar und langsam, zusammengesunken auf dem Hocker, mit dem Rücken zur Tür.
„Können Sie mir sagen, wann der nächste Zug nach Paris fährt?“ Die Alte hat einen Fahrplan; der Zug geht in einer Stunde. Karl rennt zum Bahnsteig in letzter Minute, unbehelligt.
Er setzt sich in ein Abteil ans Fenster und ruht, die Baskenmütze überm Gesicht. Schlafen kann er nicht. Er will rechtzeitig aussteigen: der Gare del Est ist ein gefährlicher Ort!
Vor Paris, die Vororte sind bereits in Sicht, wird der Zug einen Moment langsam. Karl, der auf dem Gang steht, öffnet die Tür und springt ab. Bahndämme, damit ist er vertraut!
Eine weitere Etappe auf dem Weg in Sicherheit ist geschafft, ihm wird leichter zumute, ein Lächeln überzieht sein Gesicht.
Der Himmel ist blau, pariserblau, mit kleinen, schnell dahin segelnden Wölkchen. Die ersten Schwalben fliegen hoch oben am Himmel.
Sein Weg in die Stadt führt ihn in der warmen Abendsonne an Gärten und kleinen Vororthäuschen vorbei. Er erreicht eine Straße, von gestutzten Platanen gesäumt in einem unbekannten Ort. Die Häuser stehen einzeln, jedes mit einem kleinen Garten hinter Zäunen und Mauern aus großen, runden Steinen. Alle haben rote oder grüne Fensterläden und sind sich ähnlich, behaglich, sauber, bürgerlich.
Bald findet Karl ein Gasthaus. Eine Bar? Ein Restaurant, ein Bistro? Wie soll man es nennen?
Karl steigt die Stufen hinauf und tritt ein, die Tür ist offen.
Zwei junge Männer spielen Billard am grünen Tisch, einige stehen an der Theke mit einem Pastis, einem Rouge, rauchen, lachen, gestikulieren, ganz anders als jetzt in Deutschland. Karl ist glücklich: Freiheit, Leben, Lachen!
Ich dehnte unterm Tische mit Behagen
Die Füße aus, sah mir die Wände an
Mit ihrer simplen Malerei, oh, nicht zu sagen,
Als mir die Magd mit ihrem hohen Busen dann,
Mit ihrem frohen Blick, mit ihrem Mund, der lachte,
- die hat vor einem Kuss nicht Angst – auf buntem Teller
Butterbrot und warmen Schinken brachte,
So rosaweiß, von Knoblauchduft durchwürzt,
Und dann den Bierschaum, den ein heller
Spätsonnenstrahl umsäumt, ins hohe Glas gestürzt.
(Artur Rimbaud)
Wie schön muss es erst auf Französisch sein!
Der arme Rimbaud, vielfach begabt, wurde Waffenhändler im Orient!
Karl genießt Brot, Schinken und kühles Bier. Bei Einbruch der Dunkelheit lässt er sich ein Taxi rufen. „St. Sulpice, svp.“
Er betritt das Viertel „durch die Seitentür“, er ist vorzeitig aus dem Taxi ausgestiegen, um den Platz vor der Kirche zu vermeiden. Gemächlich geht er winklige Sträßchen entlang, es ist schon fast dunkel, die Straßen nur stellenweise von Laternen erleuchtet. Ein Geruch von feuchten Fundamenten und Hinterhöfen liegt in der Luft. Karl braucht ein gutes Mahl, eine halbe Flasche Rotwein und ein Bett in einem billigen Hotel.
Fast heiter, im Gefühl der neuen Freiheit, bleibt er stehen, betrachtet die kleinen Läden mit Gemüse, mit Seifen, Eimern und Waschpulver. Ein Mann geht vorbei, in jeder Hand eine Flasche Rotwein, eine Stange Brot unter die Achsel geklemmt. Niemand beachtet Karl.
Da und dort steht eine Prostituierte und schwenkt die Hüften. Er geht unbeirrt weiter, heiter und lächelnd. Dies hier sollte sein neues Quartier werden, ein Quartier der kleinen Handwerker, Angestellten, Putzfrauen und Witwen, kurz, von armen Leuten: nicht besonders einladend, aber vielleicht leidlich sicher für die erste Zeit.
An einer Stelle springt ein Haus vor, die Gasse macht eine Biegung. Unter einer Laterne steht eine junge Frau, eine gut gekleidete, junge Frau. Sie trägt ein helles Kostüm, das bis Mitte der Waden reicht, um den Hals einen violetter Seidenschal, auf dem Kopf ein ulkiges Hütchen mit einem bunten Vögelchen, wie ein Nest. Karl hatte nie so etwas gesehen. Die Frau nimmt den Hut ab, dreht ihn in der Hand – und setzt ihn wieder auf. Beide lachen. Da fasst sich Karl ein Herz und geht über die Gasse auf sie zu.
„Bonsoir, Mademoiselle, darf ich Sie zum Abendessen einladen?“
„Oh – bonsoir, Monsieur – eh - pourquoi pas?“
“Kennen Sie ein kleines Restaurant hier im Viertel?”
„Oui, Chez Yvette´, ich esse oft dort, Yvette ist meine Freundin. Das Essen ist gut – und nicht so teuer. Kommen Sie!“
Karl reicht ihr den Arm und sie hängt sich ein, sanft wie eine Feder, ein hergewehtes Blatt.
„Moi, c´est Nadine.“
„Et moi, c´est Charles!“
Einen Rest der alten Identität wollte er doch behalten. – Sie führt ihn sanft den Weg durch die Gassen.
„Woher haben Sie das lustige Hütchen, Mademoiselle?“
„Das habe ich selbst gemacht!“
„Wie schön, wie phantasievoll, ich kann mir gar nicht denken, wie man das macht!“
„Ich habe das gelernt.“
„Zeigen Sie´s mir? Vielleicht mache ich später Hüte.“
„Die Leute kaufen die Hüte jetzt im Kaufhaus, falls sie überhaupt welche tragen.“
„Das ist also keine Geschäftsidee?“
„Nein, leider nicht, Monsieur Charles!“
Es ist eines jener kleinen Bistrots in Paris, die nur zwei Reihen Tischchen haben, mit karierten Tischdecken und ebensolchen Servietten. Es gibt nur wenige Gerichte, aber diese sind vorzüglich. Die Patronne bedient, eine Köchin ist mit zwei Hilfen in der Küche. Die Gäste kennen Yvette und Yvette begrüßt alle mit Küsschen rechts und Küsschen links.
Nadine wird besonders herzlich begrüßt, drei Küsschen, Karl mit Handschlag: „Bonsoir, Monsieur, bienvenue!“ Niemand stellt Fragen.
Sie setzen sich gegenüber an den kleinen Tisch und sehen sich an, freundlich, fast freundschaftlich.
Nadine hat einen sehr hellen, fast weißen Teint und runde, graugrüne Augen. Senden Augen Licht? Ihre Augen, empfindet Karl, senden Licht, warmes Licht, ein Licht, das ruhig macht, Zeit gibt, Zeit hat. Ihre Hände, die gelassen auf dem Tisch liegen, sind wie chinesisches Porzellan, weiß mit blauen Adern.
„Vous êtes en vacances, M. Charles?“
„Oui, des grandes vacances, j´ai travaillé beaucoup!“ Die Franzosen hören sofort, dass man aus Deutschland kommt, sie brauchen nicht zu fragen, Nadine fragt nicht.
An diesem Abend gibt es Rinderbraten vom Spieß mit pommes dauphines.
„J´ai faim, moi“ sagt Karl.
„Moi aussi“ Aber Nadine isst sehr langsam, wie ein Kind, das nicht auffallen will. Wie alt mag sie sein? 20, 22? Sie sieht so jung aus, mit ihrer Stupsnase, ihren runden Lippen, kein Rouge, kein Make-up. Wurde sie nicht abgeholt von ihrem Liebhaber heute Abend – oder ist sie doch auch ein käufliches Mädchen? Karl ist das völlig egal. Er hat die angenehmste Gesellschaft, ein freundliches, hübsches Mädchen. Also hat er doch etwas gewonnen nach dem Verlust aller Dinge: Familie, Heimat, Beruf und Verdienst, Identität und Muttersprache, alles!
Karl bestellt eine Flasche teuren Burgunder, die neue Freiheit soll gefeiert werden. Wenn man alles verloren hat, so ist man auch der alten Sorgen ledig!
„Santé, Mademoiselle Nadine!“
„A la votre, Monsieur Charles!“
Beim Café fragt Karl: “Darf ich mich neben Sie setzen, Nadine? Man kann sich so besser unterhalten, besser und leiser.“ Es ist laut geworden in dem kleinen Lokal.
„Ich brauche ein kleines Hotel, kennen Sie eines in der Nähe?“
„Ja, ich kenne alles hier, ich bin hier geboren, aber ein paar Jahre war ich in einem Waisenhaus, nicht weit von hier. Mein Vater fiel im Krieg, meine Mutter starb an der europäischen Grippe 1919… Es war eine schwere Zeit!“
„Oh, ja, das war eine schwere Zeit, auch für mich, der verfluchte Krieg!“
„Oui, la politique! Sie sind verrückt, die, die die Macht haben, die Politiker – oder, wie soll man sie nennen?“
„In meinem Land sind sie besonders verrückt jetzt, erschreckend verrückt – und niemand bringt sie zur Raison!“
„Jetzt rüsten sie wieder auf allen Seiten, als wenn es nichts Besseres gäbe, nichts Sinnvolleres!“
Nadine ist eine nachdenkliche Frau, wie angenehm – kein Dummchen.
„Darüber müssen wir noch viel reden, es ist so wichtig, für uns alle. Unsere Zukunft steht auf dem Spiel. Schon einmal hat man uns kleinen Leuten alles genommen – Millionen das Leben, und wofür?“
Nadine legt ihre Hand auf die seine.
„Mademoiselle Nadine, ich danke Ihnen sehr für das unerwartete, wunderschöne Willkommen in Paris. Ich würde mir wünschen, noch viele Abende mit Ihnen zu verbringen und mich mit Ihnen zu unterhalten – ich werde Sie jedes Mal einladen.“
„Geht das denn?“
„Ja, die Reserven reichen ein Weilchen.“
Nadine zeigt ihm eine bescheidene Pension und sie verabreden sich für den nächsten Abend.
Karl geht sofort zu Bett, entspannt und glücklich, wie schon sehr lange nicht mehr.
Karl muss sich in einen Franzosen verwandeln. Er streift durch das Quartier nach einem kurzen Frühstück in einem Café, auf der Suche nach Kleidern. Schließlich findet er ein Pfandleihhaus im Hinterhof, der allerdings keinen einladenden Eindruck macht.
Er tritt durch die quietschende Tür ein – und sieht einen sehr ordentlichen Laden mit einer polierten Theke, hinter der ein kleiner Mann steht mit einer weißen Kippa auf dem Kopf..
„Bonjour, Monsieur, womit kann ich Ihnen dienen?“
„Ich brauche ein oder zwei Anzüge, Hemden, Schuhe…“
Das Männlein nickt. „Oui, Monsieur, ich habe alles, Anzüge, Jacken, Hosen, Hemden, Krawatten, Uhren, was Sie wollen!“
Karl legt Baskenmütze und die Jacke auf den Tresen unter den flinken Äuglein des Besitzers.
Dieser hat eine hohe Stimme und liebt es, zwischendurch immer mal kurz zu kichern.
„Sie entschuldigen mich.“ Sagt er und beginnt, Karl das Maß zu nehmen. Dabei spricht er die Zahlen in jiddisch.
„Sprechen Sie deutsch?“
„Nu ja, reden Sie, ich verstehe!“ Damit verschwindet er zwischen langen Reihen von Kleidern auf blitzenden Stangen.
„Is Frühjahr.“ Er bringt einen hellbraunen und einen leichten, grauen Anzug: „Probieren Sie!“
„Lieber den grauen, von braun hatte ich jetzt genug!“ Sie sprechen wieder französisch.
„Entschuldigen Sie, natürlich nicht braun, wie dumm von mir! - Wenn etwas nicht passt, machen wir das in einem Tag!“
Am Ende hat Karl eine komplette Garderobe, getragen, aber gut. Und zwei Paar Schuhe, alles zu günstigen Preisen.
„Sie brauchen eine Uhr!“ Und schon legt er schwarze Kistchen mit Uhren auf den Tisch.
Als Karl eine Uhr ans Handgelenk hält, sagt der kleine Mann auf deutsch:
„Sie müssen vorsichtig sein, Monsieur, sie sind überall in Paris.“
„Was meinen Sie?“
„Nu, die Gestapo, die hat das doch gemacht!“
Karl hat auf den Handrücken je eine runde Narbe von den Zigaretten.
„Das haben die gemacht, damit sie Sie gleich erkennen, eine Erkennungsmarke!“
„Daran hatte ich gar nicht gedacht, Sie haben ja recht – wie naiv ich bin! Was könnte man tun – und woher wissen Sie das alles?“
„Monsieur, ich bin ein alter Hase. In den letzten Jahren waren viele von drüben hier, viele jüdische Auswanderer, aber auch Christen, politische Häftlinge, Journalisten, Schriftsteller, Maler. Viele brauchten Geld, um weiterzukommen nach USA, Cuba, Haiti, Südamerika…
Ich red´ mit ihnen.“
„Sehr interessant. Das trifft auch auf mich zu. Sie helfen mir sehr! Was könnte man gegen die Narben tun, immer Handschuhe?“
„Das wäre noch auffälliger. – Die Gestapo ist jetzt überall in Frankreich, stehen auf Plätzen, sitzen in Cafés. – Abdecken mit Make up oder operieren lassen, ich geb´ Ihnen eine Adresse.“
„Monsieur, vielen Dank für das alles, und haben Sie noch mehr Ratschläge?“
„Ja, nehmen Sie ein Fahrrad, wir haben auch gebrauchte Fahrräder, da fahren Sie an diesen Leuten einfach vorbei, mit Pariser Kleidung, Schnurrbart, Zigarette, ein béret basque haben Sie ja schon. Setzen Sie sich nicht in Cafés, besuchen Sie keine Museen!“
„Das mache ich! Tauschen Sie auch Reichsmark in Francs?“
„Selbstverständlich, und zu günstigen Kursen. Kommen Sie, setzen wir uns hinten an den Tisch und trinken einen Café…“
Der tüchtige Mann weiß, dass Karl noch mehr brauchen wird, Hosen, Jacken, einen Regenmantel, bald Herbst- und Winterkleidung.
„Sie haben alles, können Sie auch alles besorgen?“
„Ja, gewiss, was Sie wollen. Alle Währungen, Führerschein, Papiere, alles.“
„Einen französischen Pass zum Beispiel?“
„Ich will fragen, kommen Sie in ein paar Tagen wieder und bringen Sie ein Passphoto mit.“
Einige Tage danach kauft Karl ein französisches Herrenrad, viel leichter als ein deutsches. Er gibt ein Passphoto ab und erhält nach zwei Wochen einen perfekten Pass: Charles Muller, geboren in Strasbourg am 2. 10. 1900, ausgestellt 1927. Was für ein Mann, der Pfandleiher!
An einem der folgenden Abende `Chez Yvette` sagt Nadine:
„Ich bin Ihnen so dankbar, Charles, einfach, weil Sie da sind und mit mir sprechen – und ich schäme mich so, Ihnen gegenüber.“
„Aber, ich bitte Sie, ich bin das doch, der dankbar ist, dankbar, dass Sie mich so großzügig und freundlich aufgenommen haben hier in Paris, ein wahres Glück – und schämen müssen Sie sich gar nicht!“
„Doch, ich möchte es Ihnen erklären.“ Nadine spricht noch leiser, sie drückt seinen Arm.
„Vom 14. bis zum 17. Lebensjahr bin ich in die Lehre gegangen bei einer Modistin – ich habe viel von ihr gelernt. Ich arbeitete von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends für eine ungeheizte Dachkammer und ein wenig Essen. Ich konnte froh sein, dass ich überhaupt eine Lehrstelle hatte. Aber als ich ausgelernt hatte, brauchte man Modistinnen nicht mehr. Die reichen Frauen, die sich schöne, große Hüte machen ließen, gab es nicht mehr, die jungen Frauen trugen solche Kappen aus dem Kaufhaus, wenn sie überhaupt etwas auf dem Kopf hatten – die Mode war vorbei. Eine Weile habe ich noch bei einer sehr alten Schneiderin gearbeitet, Kleider ändern, Kragen wenden, solche Sachen. Sie ließ mich in ihrer Wohnung schlafen, bald erlitt sie einen Schlaganfall und starb. Ich stand vor dem Nichts!“
„Wie ich jetzt.“
„Ja, Charles, ich habe es schon bemerkt. Aber Sie sind besser ausgebildet und begabter. Sie werden Ihr Plätzchen finden! – Familie hatte ich nicht, was sollte ich tun? Das Waisenhaus, der Hunger, die Kälte haben mich nicht vollständig gebrochen, haben mir auch meinen Glauben nicht völlig genommen. Ich war fest entschlossen zu leben. Also begann ich mit dieser Tätigkeit, die ich noch immer mache – nicht aus Neigung, sondern aus Not.
Nadine sieht Karl schüchtern an.
„Mademoiselle Nadine, an Ihrer Stelle hätte ich genauso gehandelt. Bestehen oder untergehen! Sie brauchen sich nicht zu schämen, im Gegenteil, ich bewundere Ihre Konsequenz und Ihren Überlebenswillen!“
Wieder drückt sie seinen Arm.
„Das haben Sie schön gesagt, aber ich schäme mich doch!“
„Das sollen Sie nicht.- Und ich, was habe ich getan? Von 1934 bis jetzt habe ich für einen schlimmen Nazi gearbeitet, aus den gleichen Gründen, wie Sie: zum Überleben. Tag und Nacht im Op. als Pfleger, statt einfach abzuhauen.“
„Ich muss Ihnen noch etwas sagen, Charles.“ Nun noch leiser: „Ich habe mich von Anfang an immer geschützt, so war ich nie krank oder gar schwanger.“
Nadine richtet sich auf, die Augen kühl und stolz.
„Können Sie mich jetzt noch ansehen, können Sie mich noch leiden?“
„Aber ja, je vous adore!“
Ganz leise: „Ich nehme nur ältere Männer mit ins Hotel, es sind alles Stammkunden, Familienväter, sie kommen regelmäßig und zahlen ebenso. So kann ich mir meine kleine Wohnung im 6. Stock leisten, die hat außer Yvette noch niemand betreten, und ein bisschen Kleidung. Das meiste nähe ich selbst. Dieses Kostüm hier habe ich auch ganz alleine gemacht.“
„Es ist sehr schön und steht Ihnen gut, ich bewundere Ihr Geschick!“
„Und morgens helfe ich einer alten Dame, ich kaufe für sie ein, bereite das Frühstück und das Mittagessen und halte die Wohnung in Ordnung. Putzen muss ich nicht, sie hat eine Putzfrau.
Da fällt mir etwas ein: Sie sind doch Krankenpfleger, könnten Sie ihr nicht helfen, beim Baden zum Beispiel? Sie ist stark gehbehindert, sie kommt schlecht in die Wanne und kaum wieder heraus. Es wird immer schlimmer.“
Karl wohnt jetzt bei Madame d´Ormont. Nadine hat ihn am nächsten Morgen vorgestellt. Er bewohnt ein Schlafzimmer in der großen Wohnung und das ehemalige Herrenzimmer ihres verstorbenen Mannes. Hier schreibt er, hierher zieht er sich zurück, zeichnet und malt. Auch Tyrannenmörder können etwas Glück haben, sie werden nicht immer sofort bestraft. Karl ist sicher, dass seine Tat notwendig und richtig war.
Madame d´Ormont hat ein komfortables Radio, man kann Radio London und Zürich empfangen, oft gestört und unterbrochen, aber höchst aufschlussreich. In Deutschland steht das Hören ausländischer Sender unter schwerer Strafe, jeder kann deswegen angezeigt werden, Eltern von ihren eigenen Kindern, von Freunden, von Nachbarn. Was für ein Land, welche Qual, welche Unfreiheit. Hoffentlich endet das bald!
Doch jetzt sind die Nachrichten noch beängstigend. Himmler, der Gestapochef und Obermörder, führt das Kommando und mordet rings um sich her.
Madame d´Ormont ist eine stattliche, alte Dame von fast 80 Jahren mit hoch aufgetürmtem, weißem Haar. Wegen eines schweren Hüftschadens kann sie nur mit zwei unter die Arme geklemmten Krücken gehen – und auch das nur mit Schmerzen. Nur in ihrem riesigen Lehnstuhl ist ihr wohl, hier residiert und repräsentiert sie, von hier aus verwaltet sie ihre Werkstätten im Hof: die „Goldberg Optic Compagnie“, die ihr Mann in Wien gegründet hatte, aber bald nach dem Krieg nach Paris verlegte.
Madame verfügt über eine große Bibliothek und es scheint, als habe sie all die vielen Bücher gelesen. Es gibt keinen Autor von Rang, auf dessen Werke man sie nicht ansprechen könnte, die französische, die deutsche und die russische Literatur und die amerikanische und englische dazu: den gesamten Shakespeare in englisch, Cervantes auf spanisch und so fort.
Die Bücher und die Kommentare von Madame sind für Karl nach dem puren Überleben eine zweite, eine geistige Lebensrettung. An einem Arzt, der von früh bis spät, jahraus, jahrein in einer Klinik arbeitet, geht viel vorbei: Theater und Konzert, Bücher und Bildung, Freundschaft und Geselligkeit, an vielen gehen die Ehe und die Kinder unbemerkt vorbei…
Morgens kurz nach acht Uhr kommt Nadine. Sie begrüßt Karl mit einem richtigen Küsschen, sie sind gute Freunde, fast wie Geschwister. Nadine erinnert ihn so sehr an seine Schwester, die Frühverstorbene. – Ein Liebenpaar sind sie nicht.
„Kitzelt Sie mein Schnurrbart nicht?“ „Doch, ein wenig, aber so werden Sie bald aussehen, wie ein Franzose.
Nadine bringt frisches, duftendes Baguette. Sie bereitet das Frühstück vor, das, so wünscht es Madame d´Ormont, ausführlich zelebriert werden soll, wie zur Jahrhundertwende, wie auf Bildern Monets: mit Champagner und Früchten, Kaffee, Eiern und süßem Gebäck. Madame besitzt eine kleine Landschaft von Monet, es stellt einen Waldrand dar, fast ganz in grün und doch so leuchtend. Madame bewundert Monet.
Nach dem Frühmahl, muss man fast sagen, nimmt sie ihr Schaumbad. Karl hilft beim Ein- und Aussteigen – und hilft auch sonst den ganzen Tag. Madame trinkt weiter Champagner und erzählt, von Wien, wo sie aufwuchs, heiratete, zwei Kinder gebar, von der Firma – und von der Musik: Beethoven ist ihr Liebling, von Mozart, den sie als romantischen Träumer sieht und von Wagner, den sie hasst. Dann eine Anekdote von Eichendorff und eine andere von Casanova, der einst in Wien versuchte, seine gesammelten Schriften auf der Straße zu verkaufen.
Von ihrem verstorbenen Gatten hat Madame eine große Sammlung von europäischer Kunst in mehreren dicken Mappen, alte Stiche und Radierungen, darunter eine Aquatinta von Goya, Handzeichnungen von Moreau, Marquet, Leger, Menzel, Pisarro und natürlich etwas von ihrem Favoriten Monet, von Toulouse-Lautrec, von Valadon, Skizzen von Liebermann, von Larionow und Marie Laurencin, um nur einige zu nennen, ein wahrer Genuss für den kleinen Maler Karl.
Endlich, nach vier Wochen des Vertuschens lassen sie H. sterben. Der erwartete Aufschrei der Bevölkerung bleibt aus. Es wird ein pompöses Staatsbegräbnis in Berlin zelebriert, Vorbeimarsch von Tausenden von Soldaten, zu allererst die SS-Einheiten zu Pferde, dazu Panzer, Kanonen auf Lafetten. Aber die Leute scheinen fast unbeteiligt, gar lethargisch, wenn man den ausländischen Sendern glauben darf. – Zwei Wochen Staatstrauer!
Himmler ist jetzt „Reichsführer“. Von den Generälen der Wehrmacht kein Wort, viele sollen erschossen worden sein, ohne Verfahren; sie müssen jetzt ihr Gelübde auf Himmler ablegen.
Das Regime zeigt wieder seine ganze, kriminelle Energie.- Man nimmt im Ausland an, dass auch Goebbels umgebracht wurde, nicht schade drum!
Anfang Juli 37 lädt Karl seine Freundin Nadine zu einer kleinen Reise ein.
„Mademoiselle, was halten Sie von einer kleinen Urlaubsreise, eine Woche faulenzen an der See? Ich würde so gerne einmal das Meer sehen, ich war noch nie dort – von Paris aus ist es nicht sehr weit! Wir könnten ein kleines Hotel nehmen und – Ferien, einfach Ferien! Hatten Sie mal Ferien?“
„Ferien hatte ich noch nie, und an der See war ich auch nicht, ich kann mir das gar nicht vorstellen!“
Karl mietet einen Wagen, sie fahren nach Trouville in der Normandie, Madame d´Ormont hat diesen Ort empfohlen.
Nadine ist wie ausgewechselt, die Sprödigkeit ist dahin, weich lehnt sie sich während der Fahrt an Karls Schulter. Nach einer Stunde des Kurvens entlang der Seine schläft sie an seinem Arm ein, süß wie ein kleines Mädchen.
Sie besuchen Giverny, den Wohnsitz von Monet. Sie halten vor dem geschlossenen Tor eine Art Andacht für den großen Meister der französischen Malerei.
Am Nachmittag liegen sie schon im warmen Sand, es ist Ebbe, bis zum Horizont scheint sich der Strand auszudehnen, bis schnell die sickernde Flut hereinkommt, die Fischerboote sich im schmalen Hafen vom Sand erheben, um Gegen Abend zum Fang auszufahren. Sie haben noch ihre Masten, doch keine Segel. Alles riecht nach Meer, nach Krabben, Muscheln und Austern, nur den Champagner muss man noch dazustellen…
Ferien, nach Jahren der Mühe und Qual für beide.
Am Spätnachmittag erst ruhen sie sich aus.- Nadine ist so schüchtern und verschämt, wie eine Jungfrau.
„Tu sais, Charles, c´est l´amour, mais je ne connais pas l´amour!”
Doch sie genießt es sehr, geliebt zu werden, geliebt zu sein.
Jetzt sind sie doch ein Liebespaar. Immerzu halten sie sich aneinander fest.
Man muss weit aufwärts der Seine fahren, um sie zu überqueren zur Steilküste der Normandie bei Étretat. Karl zeichnet das Felsentor im Meer, das Monet gemalt hat.
Dann schwimmen sie. Den Strand mit den riesigen Kieseln aus Muschelkalk gilt es erst barfuss zu überwinden - und gleich tiefes Wasser mit einer hohen Uferwelle, herrlich, abenteuerlich. Nadine jauchzt vor Freude.
Karl liest keine Zeitung, hört keine Nachrichten; sie sind weit weg von all dem Hässlichen ihrer Zeit.
Im Radio hält Himmler im Oktober eine Rede in SEINEM Stil: brüllend, hoch aggressiv mit heftigsten Drohungen gegen Frankreich, gegen die Regierung in Österreich, gegen die Tschechei. Karl kann Teile der Rede bei Radio Zürich hören. Es ist eine Imitation, die Stimme zu hoch, nur die Bosheit scheint noch größer.
Im Laufe des Herbstes und Winters nehmen die Pressionen gegen die Juden zu. Viele werden von Schlägern aus ihren Wohnungen getrieben und beraubt, nicht wenige erschlagen.
Der Schweizer Rundfunk berichtet von willkürlichen Erschießungen durch die SS., von Morden in den Lagern, den Erzählungen von einzelnen Entkommenen folgend. Von Goebbels und Göring ist nichts mehr zu hören, aber täglich von Himmler, immerzu Himmler!
Am Weihnachtsabend 1937 wird er von einem Wehrmachtsoffizier aus nächster Nähe getötet.
Endlich haben sie´s kapiert: nur so geht es! Bis dahin sind von der SS Hunderte von Morden geschehen.
Die Wehrmachtsführung übernimmt die Regierungsgewalt. Sie beruft fünf Zivilisten, ehemalige, von den Nazis entlassene Bürgermeister und hohe Verwaltungsbeamte hinzu.
Der britische Rundfunk berichtet von Straßenkämpfen in Berlin, im Ruhrgebiet und in Bayern zwischen SS-Einheiten und Wehrmacht. All diese Nachrichten muss Karl mühsam aus Bruchstücken von ausländischen, jetzt auch deutschen Radiomeldungen gewinnen.-
Die SS wird entwaffnet und in die regulären Truppen integriert. Einzelne wie Heydrich, Himmlers Nachfolger, werden der zivilen Gerichtsbarkeit übergeben und sollen wegen Morden angeklagt werden.
Im Februar 38 werden die Lager geöffnet, alle politischen Gefangenen, soweit sie noch am Leben sind und nicht den Morden der SS anheim gefallen, werden entlassen. Sie sollen rehabilitiert werden.
Eine zivile Kommission, die eine neue Verfassung erarbeiten soll, wird eingesetzt.
Karl jubelt: Herr, ich danke Dir!
Die NSDAP und die Kommunistische Partei werden gleichermaßen verboten, die Parteibücher sollen unverzüglich bei der nächsten Polizeidienststelle abgegeben werden. Hohe Parteifunktionäre werden verhaftet.
Die provisorische Regierung zeigt Mut und Selbstvertrauen.
Die Zensur und die Gestapo werden abgeschafft, Zeitungen wieder zugelassen.
Die Züricher Zeitung berichtet, dass ihre Journalisten wieder ungehindert ins Reichsgebiet einreisen können. Sie schreiben, dass die Menschen in Deutschland wieder lachen können, sich freuen, die Gewalt und das Chaos los zu sein.
Ein neunstöckiger Turm
Erhebt sich aus einem Häuflein Erde.
(Tao Te King, LXIV)
1973
Ich übernahm den Bericht von `Charles Muller`, ohne irgendetwas zu verändern oder zu korrigieren. Die Geschichte schien mir so authentisch, dass ich auch nur wenig zu meinem eigenen Verständnis recherchieren musste.
Ich rief Madame Bertrand an und wir trafen uns im gleichen Lokal zum Abendessen.
„Madame, ich habe Ihnen eine Abschrift mitgebracht, alles so belassen, wie im Original. Soll ich es Ihnen nicht doch mal übersetzen?“
„Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nicht, ob ich noch die Kraft habe, das zu lesen, ich meine, ich sollte bei meiner eigenen Erinnerung bleiben. Wissen Sie, Monsieur Charles ist immer bei mir. Wenn ich eine Frage habe, wenn ich nicht weiter weiß, so spreche ich mit ihm und er gibt mir Rat. Es ist ein großer Trost. Auch nach dieser Zeit war mein Leben, allein, ja nicht leicht. Aber an der Straße stehen brauchte ich nicht mehr. Ich pflegte Madame d´Ormont noch drei Jahre bis zu ihrem Tod. Dann begann ich mit den Büchern.“
„Was geschah mit M.Charles?“
„Eines Tages im Mai 38 öffnete er die Tür des Herrenzimmers und rief: Les enfants, venéz vite! Er hatte das Radio aufgedreht, eine Verlautbarung der deutschen Regierung. Ich verstand kein Wort, Mme. D´Ormont aber wohl. Charles hat mir später alles erklärt. Die neue Regierung kündigte die Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit und eine Verfassung sowie demokratische Wahlen an. Die Diktatur war beendet.
Charles war glücklich. Nie haben wir ihn so entspannt erlebt, wie in diesen Tagen. Großer Gott, sagte er immer wieder, es war doch nicht umsonst, Herr, ich danke Dir!
Ein paar Tage später ging er morgens gegen 11 Uhr auf die Straße, um Farben zu kaufen. Wir hörten zwei Schüsse und liefen hinaus. Charles lag direkt vor der Tür, aus nächster Nähe in die Brust geschossen, tot.
Ich stürzte zu ihm, nahm seinen Kopf in meine Arme und küsste ihn wieder und wieder unter Strömen von Tränen. – Sein so ansteckendes Lächeln war auf seinem Gesicht, ein letztes Mal.
Die Leute, die herbeigelaufen waren, sagten später, ich hätte laut geschrieen: Er war doch meine große, meine einzige Liebe!
Die Polizei kam und die Leute zogen mich weg. Einen Zeugen der Tat gab es nicht. Die Untersuchung wurde schnell eingestellt.
Madame d´Ormont sagte: „Es war die Gestapo!“
Wir haben ihn auf dem Pêre Lâchaise beerdigt, ein kleines Grab ganz außen an der Mauer.
Wir wollten ein Kreuz aufstellen, aber Mme d´Ormont meinte: „Lassen wir das, er war doch kein Christ, sondern Taoist: Tao, das Ewige, hat keinen Namen! Also ließen wir eine Bronzetafel an der Mauer anbringen, die aber bald gestohlen wurde.
Aber noch immer gehe ich zweimal im Jahr dahin, an seinem Geburtstag im April und am Totengedenktag. Ich muss dann noch immer weinen.“
Madame Bertrand bedeckte ihr Gesicht mit ihren schönen, weißen Händen.