Berliner Kurzgeschichte – Erzählung von René Avold

Wo sind jene, sagt es mir,

die vor wenig Jahren,

eben also, gleich wie wir,

jung und fröhlich waren?

 

(Johann Christian Günther, 1695 – 1723)

  

Wir fuhren die ganze Nacht, von Freiburg nach Berlin, Berlin-West, gezogen von einer Dampflokomotive. Wir saßen in einem Zugabteil zu sechst, fünf Buben und ein Mädel,

Zwanzig Jahre alt. Wir spielten Skat, die ganze lange Nacht. Einmal sagte ich bei Pik  (Schippe) „ Schipinski hieß der Pole, vom Scheitel bis zur Sohle!“ Und haute das Pik As auf den Tisch. Von da an nannten sie mich Schipinski.

 

Wir waren durchgefallen bei der Aufnahmeprüfung in den Sezierkurs. Man hatte uns Histologiefragen gestellt. Histologie hatten wir aber nicht in den Vorlesungen, nicht jedenfalls in denen, die ich besucht hatte. Wir mussten durchfallen! Für 800 Studenten gab es keinen Platz im Sezierkurs, in zwei übereinanderliegenden Sälen mit je einer Leiche – aus Afrika!

 

Wir hörten, dass man in Erlangen eine kleine Zahl Studierender aufnehmen würde.

 

Mit einem alten, grünen VW- alle VWs waren seit den Fünfzigern grün – fuhren wir nächtens nach Erlangen. Wir waren angemeldet und betraten gegen 9 Uhr das Anatomische Institut. Der Professor, für uns junge Burschen ein uralter Mann, öffnete uns sein großes, düsteres Arbeitszimmer voller Katzen, setzte sich steif hinter den Schreibtisch und erklärte uns kalt, dass er uns keinesfalls aufnehmen werde.-  Da standen wir dann mit unseren ungewaschenen Hälsen und unrasiert, aber das war noch nicht so notwendig bei uns fünf Milchbubis.

 

Ein Kontingent von Gestrandeten wurde bald danach an der freien Universität von Berlin aufgenommen.

Als wir morgens dort ausstiegen, waren die Kameraden der Nacht sofort verschwunden. Ich stand allein auf dem Bahnsteig mit meinem Kunstlederköfferchen und wusste nicht, wohin. So wanderte ich langsam vom Bahnhof Friedrichstraße gegen den Wittenbergplatz. Der Eingangsbau zur U-Bahn, hässlicher, grauer Stein, so grau wie das Wetter. Langsam fuhren kreischende Straßenbahnen vorbei an Ruinen, von denen nur die Fassade geblieben war, wie faule, grauschwarze Zähne in einem alten Mund. Beim ratlosen Umdrehen erblickte ich die ausgebrannte Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche. Um den Wittenbergplatz standen Bretterbuden, Kneipen, Rotlicht. Das war 1961 im Herbst, die „Berliner Mauer“ war gerade erst erbaut.

 

Schließlich ein Schild: Zimmervermietung.

 

Ich fand ein winziges Zimmer mit Tisch und Stuhl, ein kleiner, stinkender Petroleumofen, eine schwarz-weiße Katze auf meinem Plumeau. Nach drei Tagen zog ich aus. Ein anderes Zimmer, Grunewaldstraße, unweit des Schöneberger Rathauses. Das große, graubraune Mietshaus war fast das einzige in dieser Straße, das stehengeblieben war. Dritter Stock, das ehemalige  Zimmer der Tochter der Wirtin, schwarze Tapete mit abstrakten Mustern, schwarze Zimmerdecke, ovale Liege, Nierentischchen. In der Ecke ein riesiger, weißer Kachelofen, ungeheizt. Die Wirtin selbst wohnte im vorderen Zimmer, das an den Türen oben verglast war. Alle paar Tage gab es darin rotes Licht, Gelächter und Gläserklingen.

 

Endlich fiel mir ein, dass ich mich immatrikulieren müsse. Das Büro sowie das Anatomische Institut befanden sich in Lichterfelde, 40 Minuten Fahrzeit. Beim Einsteigen in die Straßenbahn fragte ich den jungen Schaffner: „Kann ich hiermit nach Lichterfelde fahren?“

Er antwortete lachend, typisch Berliner Schnauze: „Ob Se können, weeß icke nich, aber Se dürfen!“

 

So fuhr ich nun jeden Werktag nach Lichterfelde in die Anatomie, wo alle Kommilitonen aus Freiburg längst angekommen waren. Meine kleine Gruppe sezierte einen Hals und einen Arm, den ganzen Winter lang. Alle anderen Institute, Physiologie, physiologische Chemie, habe ich nie besucht und weiß noch immer nicht, wo sie eigentlich waren.

 

Eines Morgens in der Anatomie fragte mich das Mädel aus dem Zugabteil, ihren Namen habe ich vergessen, wie die aller anderen Freunde von damals, kein Wunder nach mehr als 50 Jahren, ob wir am Samstag etwas gemeinsam unternehmen wollten.

Ja, gern, wollen wir schwimmen gehen? Ganz in meiner Nähe ist ein Hallenbad!

 

Sie besuchte mich am Samstagmorgen, saß auf meiner ovalen Liege am Nierentisch, und dann- gingen wir schwimmen. Die Mädel trugen damals Badeanzug. Sie hatte eine weibliche Figur, also einen runden Busen und ebensolchen Po sowie etwas Weiberspeck an den Armen, wie es nötig ist der Hormone wegen. Aber sie hatte keine Rollen am Bauch oder war gar so spindeldürr, wie viele heute. - Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

 

Jetzt denke ich, dass sie an Dinge dachte, die Mädel dieses Alters vielleicht lieber tun, als im Hallenbad schwimmen, nennen wir es züchtig schmusen.

 

Ich war mit einer um zwei Jahre älteren Schwester aufgewachsen und muss damals wohl alle Mädel als Schwestern betrachtet haben. Was tut man mit Schwestern? Herumalbern, Schwimmen gehen! Was Mädel sonst wollen oder denken, mit zwanzig, war mir völlig unbekannt. Sie hat das schnell begriffen. Es war ein schöner Besuch im Hallenbad, aber wir gingen danach nie wieder schwimmen.

 

In einer Disziplin war ich unschlagbar: in Naivität! Neun unendliche Jahre humanistisches Gymnasium und nach einem verheerenden Krieg mutlose, ratlose Eltern haben das bedingt. Bis diese Naivität verging, dauerte es weitere 25 Jahre.

 

Wir sind uns aber doch noch einmal begegnet. Im nächsten Sommersemester in Freiburg, abends nach den Vorlesungen, als alle aufbrachen, um den Sonnenschein noch zu genießen, wären wir beinahe mit unseren Vespas zusammengestoßen. Sie schrie: „Schipinski, du Arsch!“

 

Von da an hatte ich auch in Freiburg diesen Namen.

 

In den nächsten Tagen, an einem Sonntagmorgen, der sonnig und sehr warm war, machte ich mich zu Fuß auf zur Berliner Mauer, natürlich ohne Stadtplan, sondern der Sonne und der Nase nach. Ich erinnere mich an stundenlanges Wandern an hölzernen Bauzäunen entlang, bis ich endlich amerikanische Militärpolizei, Schlagbaum, Mauer und Stacheldraht sah, daneben eine Bretterbude: eine Bierkneipe! Ich hatte Durst und trat ein.

„Wo bin ich?“- Die jungen Berliner Männer, die da saßen, lachten. „Check- point Charlie, da biste!“ Dann luden sie mich zum Bier ein und erklärten Ort und Situation.- Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!

 

Geld? Kein Geld! Wo konnte man mittags ´was essen? Bei „Aschinger“ am Kurfürstendamm, ein einstöckiges, provisorisches Gebäude, ich glaube, an der Ecke, an der später das Café Kranzler stand, das jetzt in der ersten Etage verkümmert. Bei „Aschinger“ gab´s Erbsensuppe für zweifünfzig und die guten, winzigen Aschinger-Brötchen für fünf Pfennig das Stück.

Und wo aß man abends? Auf der Bude. Ein Stückchen Fleischwurst, zwei Scheiben Brot und ein kleines Fläschchen Bier. Und danach? Wenn möglich, das heißt, wenn bezahlbar, ins Theater, Theater am Kurfürstendamm, Schillertheater, Thalia, Theater des Westens: „My fair Lady“ in Berliner Mundart mit Paul Hubschmidt, Karin Hübner und Rex Gildo, großartig! Ein Schweizer Freund, dem ich ein Jackett geliehen hatte, das ihm viel zu klein war, hat mich begleitet. –

All die Namen vergessen, niemals die Adressen aufbewahrt, wie dumm!

Gegenüber des Charlottenburger Schlosses gab es eine ganze Kinolandschaft, 10 Kinos in einem Gebäude! Für einen Jungen aus der Provinz ein Fest in Kultur! Jetzt habe ich sie vergeblich gesucht.

Darf man eine Geschichte in der Ich-Form schreiben? Henry Miller hat das immer getan, „Stille Tage in Clichy“, „Der Koloss von Maroussi“. Schöne Geschichten, also darf man!

 

Mit einem Kommilitonen aus dem Sezierkurs, großer, blonder, freundlicher Junge, ich bemühe mich um seinen Namen (Dieter?)  machte ich einen Tagesbesuch in Ostberlin, neugierig, wie wir waren. Man musste Geld 1:1 umtauschen, 10 Mark pro Person. Auf der Straße, im Bahnhof konnte man vier „Reichsmark“ für eine DM haben, das mitzuführen war aber strengstens verboten. Vom Bahnhof Friedrichstraße fuhr die S-Bahn nur wenige Minuten in die Ostzone, wie es damals im Westen hieß, in die DDR. Volkspolizei in Massen, Betongebäude, schwere Maschenzäune („Moschendrahtzaun“, kommt das Liedchen der Wendezeit daher?). Wir wurden äußerst unfreundlich und kalt, um nicht zu sagen, voller

Hass in Kabinen gedrängt, bis auf die Unterhose ausgezogen und auch da noch betastet. Was suchten sie? Kapitalistische, antisowjetische Propaganda, Schwarzgeld. Wir hatten nichts, also durften wir einreisen für einen Tag in die „Hauptstadt der DDR“. Ich hatte wirklich nichts, mein Freund, risikofreudig, aber schon. In eine fast leere Brisk-Tube hatte er 20 DDR-Mark reingezwängt. Brisk war der Vorläufer des Haar- Gels, mit der sich die Jungs damals eine James Dean-Tolle stylten. Damit hatten wir also genug Geld, um einen Tag in Ostberlin zu verbringen; hier müsste für andere Städte „genießen“ stehen.

 

Wir wanderten an grauen, zerfallenden Mauern und Häusern entlang, so dunkel und trüb.

Wir besuchten Köpenik - wegen des Hauptmanns und Heinz Rühmann – ein Puppen-Kleinstadtstädtchen. Schließlich entschlossen wir uns, zum Treptower Ehrenmal für die sowjetischen Gefallenen des Krieges, immerhin 27 Millionen, mit der S-Bahn zu fahren. Warum eigentlich? Uns fiel wohl nichts Besseres ein – hätten doch die Museen besuchen können! Also besuchten wir das Treptower Ehrenmal mit Panzern und Sowjetposten.

 

Es war Winter, es dunkelte früh. Wir fuhren fröstelnd zurück nach Berlin mit der S-Bahn, fünf Uhr nachmittags. Die Beleuchtung des Bahnhofs war so schwach und schäbig wie die Kleidung und die Stimmung der Leute, die Mundwinkel tief herabgezogen, niemand lächelte.

 

Sie waren noch schlechter gekleidet, als die Menschen in der West-Berliner U-Bahn, noch schlechter als wir armen Studenten: ich besaß zwei Kordhosen, eine hellbraune und eine dunkelbraune.

Wir hatten Hunger und betraten ein staatliches Restaurant, groß, weitgehend leer, grüne Wände, Neonlicht, abstoßend und hässlich. Der Ober war höflich, die Speisekarte winzig.

 

Wir bestellten „Wiener-Würstchen“ mit Senf und Brot sowie ein Bier. Wir erhielten je ein lauwarmes Würstchen, pappig und fad, zwei schlaffe Scheiben Graubrot und ein Glas Dünnbier für 4,50 Ostmark. So arm wir waren, so sehr mussten wir doch die noch ärmeren Ostberliner bedauern: nicht mal ein anständiges Bier! Wo war das Problem? Konnten sie in der Planwirtschaft kein gutes Bier brauen, damals? Keine Gerste, kein Hopfen? Nein, eben nicht! Als wir endlich den Bahnhof Friedrichstraße im Westen wieder unversehrt erreichten, gönnten wir uns erstmal ein anständiges Bier, aufatmend. Ein lehrreiches Abenteuer war der Ausflug aber schon.

 

Wir machten einen Nachtbummel durch Berliner Kneipen und landeten in „Wilma´s Bar“.

 

Wilma´s Bar war ein  Transvestitenlokal am Kurfürstendamm. Wilma selbst ein ziemlich alter Kerl mit Haaren auf der halbnackten Brust, Frauenperücke und rot geschminkten Lippen. Er machte den Clown vor und hinter der Theke im brechend vollen Lokal, voller exotischer Besucher. Wir bestellten bei Wilma zwei Bier und erhielten diese im bemalten Glas: eine schwarze Katze mit dem Schriftzug „Wilma´s Bar“. Das Glas habe ich mitgehen lassen und 40 Jahre mit mir getragen, von Wohnung zu Wohnung. Kürzlich ist es den Gang aller Gläser gegangen.

 

Eines Morgens stand ich im weißen Kittel auf der Vortreppe des Anatomischen Institutes, um die Januarsonne zu sehen und mich vom Formalindunst zu erholen. Eine sehr alte, dürre, schwarz gekleidete Frau betrat die Stufen und sprach mich an.

„Ich möchte zum Professor, ich stelle meinen Körper der Anatomie zur Verfügung nach meinem Tod: Wo finde ich ihn?“

Ich führte sie zum Vorzimmer des Professors im ersten Stock. So arm waren die alten Leute in Berlin, ich war erschüttert.

 

Ein zweites Mal war ich, waren wir in Ostberlin, diesmal mit einem etwas älteren Bundesbruder aus Freiburg, dessen Namen mir sehr wohl einfällt, Jochen Prein, der jetzt in Berlin Medizin und Zahnmedizin studierte. Jochen besaß einen gelben Heinckel-Roller, das Beste, was es damals gab. Er wollte einen 80 jährigen Alten Herrn in einem Randgebiet von Berlin (Buch?) besuchen. Wir passierten Check-Point Charlie und fuhren bei schneeglatten Straßen fast eine Stunde. Es war sehr kalt auf dem Roller, Kleidung für solche Ausflüge hatte ich nicht, aber Jugend ist unempfindlich…

 

 

Wir fanden den Alten Herren in zwei Zimmern des Souterrains eines Hauses, das ihm einst gehörte, ein freundlicher, alter Mann, der Arzt gewesen war. Er war allein, anbieten konnte er uns nichts. Wir saßen auf drei alten, staubigen Sesseln und hörten seine Klagen: Wenn er einen Arzt benötige, müsse er in eine Großambulanz und dort stundenlang warten. Kürzlich habe er wegen einer Herzattacke sofortige ärztliche Hilfe benötigt, man habe ihm aber telefonisch mitgeteilt, dass er 14 Tage warten müsse. Sein bitteres Lächeln ist mir noch immer in Erinnerung. - Er bedankte sich für den Besuch von zwei jungen Leuten seiner ehemaligen Studentenverbindung, die er noch nie gesehen hatte und nie wiedersehen würde.

 

Spät im März erhielten wir unsere Testate für die Sektion von Hals und Arm, das Wintersemester in Berlin endete. Ich machte noch einen wehmütigen Ausflug an die „Krumme Lanke“, an den Treptow-Kanal, an die Ruine des Anhalter Bahnhofes… Berlin war mir ans Herz gewachsen, Berlin zieht dich in seinen Bann. Es dauert keine vier Monate und du wirst ein Berliner.

 

Wir fuhren nach Hause im strömenden Regen mit dem Citroen eines koreanischen Kommilitonen, viele Stunden.

 

Wir waren glücklich!

Items have been added to cart.
One or more items could not be added to cart due to certain restrictions.
Schließen
In den Warenkorb gelegt
- Fehler beim Hinzufügen zum Warenkorb aufgetreten. Bitte versuchen Sie es noch einmal.
Menge aktualisiert
- Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es nach etwas Wartezeit noch einmal.
Aus dem Warenkorb gelöscht
- Dieses Produkt kann momentan nicht aus dem Warenkorb gelöscht werden. Bitte versuchen Sie es nach etwas Wartezeit noch einmal.
René Avold , Otto-Balzer-Str. 39, 56130 Bad Ems, Germany 2024 Copyright © Alle Rechte vorbehalten René Avold Tel +49 2603 5049343 Mail info@reneavold.com