Als ich ein Kind war von René Avold
Als ich ein Kind war
Maikäfer flieg
Eine Kindheit 1944 bis 1949
1944
Was ich schildere, sind Bilder, Einzelbilder aus der frühen Kindheit, die wie auf dem braunen Lack einer Radierplatte in meinem Gedächtnis eingezeichnet sind. Die Bilder beschreiben im kurzen Aufleuchten die Jahre 1944-48/49 aus der Sicht eines Kindes, vier oder fünf schwere, von Angst und Not erfüllte Jahre für alle, Kinder und Erwachsene. Vielleicht weniger für uns Kinder, denn wir erfassten die Gefahren nicht ganz.
Eine dunkle, kalte Nacht. Wir, meine Schwester Guni und ich, zudem ein Koffer und Deckbetten werden in einem Leiterwagen in schnellem Lauf über Sandwege gezogen, über uns das Dröhnen der Flugzeuge.
Die Flucht vor den Bomben endete in einem Luftschutzbunker im Kiefernwald.
Herrenalb
Wir streifen durch den kühlen, herbstlichen Wald und suchen Pilze. Ich bin sehr klein und den Pilzen nahe, so finde ich viele Pfifferlinge zwischen den Tannen. Wir gehen mit dem Korb an einem hohen Zaun entlang, hinter dem Männer stehen, die uns selbst gefertigtes Holzspielzeug reichen. Ich erinnere mich an pickende Hühner auf einem Brett, das wir noch viele Jahre aufbewahrten.
Es waren ausgemergelte, russische Kriegsgefangene. Ich hoffe sehr, dass die Eltern sie mit Nahrungsmitteln bezahlten.
1945
Weingarten
Wieder sitzen meine Schwester und ich in einem Wagen. Diesmal ist es ein weißer Peddigrohr- Kinderwagen, der uns nicht gehört. Der Hang einer Kiesgrube, in der große Löcher als Unterstände gegraben sind. Vater geht hinaus. Über dem dunklen Himmel Leuchtgeschosse und Granaten. Es ist noch Winter. Wir tragen Mäntelchen und Mützen.
An der Hand der Mutter gehe ich vom Eiskeller den Weg zu den Häusern hinauf. Plötzlich ein Dröhnen, die Mutter wirft mich in den Graben und sich selbst auf mich. Dann prasseln Schüsse über uns hinweg.
Ein Jagdflugzeug – welcher Nation? – auf der tödlichen Jagd nach Frauen und Kindern.
Wir haben Schutz gesucht in einer Waldhütte auf dem Hügel, die Mutter mit uns zwei Kindern. Auf Mutters linker Seite sitzt ein heftig zitternder, sehr junger Soldat, der sich in seiner Angst an sie klammert. Sie redet leise beruhigend auf ihn ein. Ein älterer Soldat kommt herein und nimmt den Jungen mit, lächelnd, ohne Bosheit. In der Ferne knallt es laut.
Am nächsten Tag sind die Amerikaner da. Die Sonne scheint. Die Leute sind erleichtert, fast heiter. Auch die amerikanischen Soldaten auf den Panzern lachen. Sie reichen uns Kindern, die alle im Dorf zusammengelaufen sind, Schokolade und Bonbons. Ich sehe auch schwarze Soldaten.
In die Küche kommen andere Soldaten in anderen Uniformen und mit Gewehren. Sie wollen meine Mutter mitnehmen. Wir Kinder klammern uns weinend an sie. Vater spricht mit den Soldaten in ihrer Sprache. Schließlich gehen sie – ohne die Mutter.
Alle Frauen und Mädchen in Weingarten wurden von den Franzosen und Marokkanern vergewaltigt – und nicht nur die Frauen!
Ich begleite den Vater bei schönem Wetter in den Garten des Hauses, in dem wir jetzt wohnen. Er öffnet den Deckel der Jauchegrube und versenkt darin ein kleines Gewehr. Er sagt, es ist jetzt verboten, eines zu besitzen, man wird dafür erschossen.
Die französische Besatzung schwelgt mit Hühnern, Gänsebraten und Schweinebraten in den Gasthöfen, während wir Futterrüben essen.
Der mittlere Bruder kehrt zurück, abgerissen, mager und braungebrannt. Er ist zu Fuß von Sonthofen nach Weingarten gelaufen. In der Napola in Sonthofen hatte man die Buben, bevor die Amerikaner kamen, in Zivilkleidern einfach nach Hause geschickt.
August 1945
Wir kommen zurück in unser Haus. Gras und Unkraut stehen sehr hoch, höher als ich selbst. Es ist warm, alle freuen sich. Aber am Haus sind fast alle Fensterscheiben zerbrochen oder fehlen. Die Fenster müssen mit Brettern vernagelt werden. Im Haus liegt viel Unrat. Fremde Leute haben hier gehaust. Es liegen schmutzige Kleider herum. Auf dem Parkett sind runde Brandmale von großen Töpfen. Die schweren Eichenmöbel und der Tisch sind mit einem Beil beschädigt. Jemand hat seinen Namen hinein geschnitten. Im oberen Stockwerk liegen ausgebrannte Brandbomben mit Brandlöchern im Boden. Das Haus selbst ist dunkelgrau, fast schwarz gestrichen wegen der Bomber. Neben der Garage ist ein tiefes Loch, darin liegt eine große Bombe, die nicht gezündet hat. Die Brüder schütten das Loch zu. Erst Jahre später wird die Bombe entschärft.
Das Dach wird geflickt. Es ist dunkel im Haus und in den Nächten kalt.
Im Winter bekommen wir manchmal Bettflaschen aus Kupfer, an denen man die kalten Füße wärmen kann. Im Haus gibt es nur einen Ofen, außer dem Küchenherd. Beide werden mit Holz geheizt. Aber Holz muss erst geschlagen werden, doch das ist streng verboten. Dennoch geht die Mutter nachts mit den großen Brüdern in den Wald, Bäume fällen und sägen. Sie bringen dann um Mitternacht einen Leiterwagen voll an und tragen die Stücke gleich ins Haus. Am Tag kommen die Kontrolleure. Sie dürfen nichts finden.
Vater hackt Wurzeln von Ginsterbüschen, die im Sommer so schön gelb blühen. Wurzeln, die in die Schützengräben ragen. Er legt sie in den Leiterwagen. Wenn dieser voll ist, zieht er ihn nach Hause, wir zwei kleinen Kinder müssen schieben. Vater ist sehr grau und schwach. Er spricht nicht mit uns.
Dies geschah, nachdem der Vater drei Monate in Untersuchungshaft war. Dann wurde er entlassen, freigesprochen, wie er sagte. Aber er durfte nicht als Arzt tätig sein und konnte nicht über seine Konten verfügen. Ein Freispruch zweiter Klasse? Wir lebten von den Ersparnissen der Mutter.
Niemals in dieser Zeit wurde über die vergangenen zwölf Jahre Naziherrschaft gesprochen, nicht zu uns kleinen Kinder, obwohl wir es vielleicht verstanden hätten, und nicht zu den Großen. Erst viele Jahre später sprachen die Eltern und Tanten davon, aber mit Widerwillen, Widerwillen über das Regime und Widerwillen über das Gespräch darüber. Vater war nicht in der Partei, sagten sie. Aber irgendwann später fand ich ein Passfoto von ihm mit Parteiabzeichen. Vater war Beamter und als solcher musste er wohl in der Partei sein, aber er hatte nicht den Mut zur Wahrheit.
Bald nach dem Wiedereinzug in unser Haus wurden uns Flüchtlinge zugewiesen. Alle Leute mussten Flüchtlinge aufnehmen, aus Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetenland, aus Kroatien…
Es sind fremde Leute zu uns gekommen. Sie sprechen anders, aber wir können sie verstehen. Eine alte Frau mit zwei großen Söhnen, einer großen Tochter und einem Bub etwa in meinem Alter, aber viel größer und breiter. Die Frauen tragen Kopftücher, sie riechen anders als wir. Sie wohnen unter dem Dach. Dort gibt es zwei Zimmer. In einem ist ein Waschbecken. Sie haben Bündel mitgebracht, sonst nichts. Der Bub, Leo, spielt nicht mit uns – und wir spielen nicht mit ihm. Vater sagt, sie kommen aus der Batschka, aber wir wissen nicht, wo das ist. Vater und Mutter kümmern sich nicht weiter um sie. Wir können sie nicht zum Essen einladen, wir haben kein Essen. Sie bekommen Essensmarken wie wir.
Die großen Söhne sind bald weg. Sie arbeiten auf einem Bauernhof in Niederbayern, aber wir wissen auch nicht, wo das ist. Später fährt Mutter zum Hamstern hin.- Die Flüchtlinge bleiben lange bei uns.
Da wir erst im August einzogen, konnte im Garten nichts mehr angepflanzt werden, so dass wir im Winter 45/46 stark an Hunger litten.
Mutter fährt zum Hamstern. Sie fährt mit dem Güterzug in Begleitung von Tante Hilde nach Niederbayern. So sagen die Tanten. Nach ein paar Tagen sind sie wieder da. Mutter hat fünf Pfund Mehl und ein paar Zwiebeln. Wir sind sehr enttäuscht.
Was man über die Essensmarken beziehen kann, reicht nicht zum Leben. In der Stadt verhungern alte Leute.
1946
Wir haben ein schmales Feld neben der Siedlung mit Mais bestellt. Der Mais ist reif und soll morgen geerntet werden. Am nächsten Morgen ist das Feld leer. Es bleibt nicht ein Kolben. Andere haben geerntet, aber nicht für uns.
Wir haben Hühner. Es kommt ein Mann zum Zählen des Viehs, das man hat. Man darf nur fünf Hühner und einen Hahn haben. Das ist Vorschrift. Wir haben aber zehn Hühner und einen Hahn. „Sie haben also fünf Hühner und einen Hahn und sonst keine Tiere“, sagt er. „Hier unterschreiben Sie!“ In diesem Moment kommen unsere vier Enten oben vom Garten herunter. Der Kontrolleur macht den Mund auf, dann schüttelt er den Kopf, macht kehrt und verschwindet um die Garage herum. Er hat wohl Mitleid mit den vielen Kindern.
Auf dem Gartenweg fliegt Max, der Hahn, auf meinen Kopf und hackt mit dem Schnabel in meine Stirn, ich schreie und renne den Hang hinab, es blutet und ergibt später eine Narbe.
Wir haben einen elektrischen Brutkasten für Hühnereier, mit rot karierten Vorhängchen, sehr schön! Wir Kinder erleben, wie Küken schlüpfen, es ist sehr spannend. Sie pochen von innen an die Schale, bis sie sich öffnet, dann drängen sie sich kräftig hinaus. Sie sind erst ganz feucht, aber schnell trocknen sie, öffnen die Augen und stellen sich wacklig auf die Beinchen. Sie piepsen fein, sind bald leuchtend gelb und plusterig und schön. Ich lasse sie über meine nackten Beine laufen.
Mutter lässt eine Glucke auch Enteneier ausbrüten. Nach dem Schlüpfen gehen die kleinen Enten in den Teich, die Glucke ruft verzweifelt, aber ohne Erfolg, kleine Enten wollen schließlich schwimmen!
Mutter hält immer mehr Tiere, kürzlich hat sie zwei Flugenten gekauft. Als sie erwachsen sind, fliegen sie eines Tages einfach übers Haus davon.
Ohne die unermüdliche Arbeit der tüchtigen Mutter und ihrer Schwester Lina – Tante Lina – wären wir verhungert. Zeitweise waren wir mehr als zehn Personen: die beiden Eltern und die Tante, sechs Kinder, Vaters Mutter und einer seiner Brüder.
Vater baut Kartoffeln im Garten an. - Aus alten Bretten nagelt er vier Hasenställe, vorn mit Maschendraht. In jeden kommt ein Kaninchen, also kein Hase, die kennen wir vom Feld; sie sind größer und haben viel längere Ohren. Unser Hund jagt sie, er hat aber noch keinen gebracht.
Vater näht bei einem Kind eine große Risswunde an der Hand. Mutter, die Krankenschwester und Hebamme war, macht die Äthernarkose. Der Äther riecht gut. Ich bin fünf Jahre alt und schaue mit großen Augen zu.
Auf dem Feld mit dem Ginster, das unsere Siedlung vom Flughafen trennt, haben sich Leute niedergelassen. Sie haben aus Brettern und Blech eine Bude gemacht, in der sie wohnen. Sie haben viele Kinder. Der Vater ist auch alt. Er versucht, Kartoffeln und Bohnen um seine Hütte herum anzubauen. Außerdem hat er zwei Schafe und ein paar Hühner. Sie sind sehr arm, noch ärmer als wir. Wir spielen manchmal mit den Kindern, aber sie bleiben uns doch fremd.
Manchmal fahren Amerikaner mit einem offenen Auto durch die Strasse. Sie bauen eine Bahnlinie vor dem Wald, hinter ihren Baracken. Sonst sehen wir nicht viel von ihnen, aber wir hören ihre Flugzeuge, die über unser Haus fliegen, wenn sie auf dem Flughafen landen wollen. Einmal stürzt ein Flugzeug ab. Der Pilot ist wohl raus gesprungen, aber er fällt ohne Fallschirm in den Boden. Wir Kinder laufen am nächsten Tag hin. Wir sehen das Loch, das er beim Stürzen aus der Höhe hinterlassen hat und die Trümmer des Flugzeugs. Er tut mir sehr leid.
Ein anderes Mal wollen zwei Düsenjäger auf dem Flughafen landen, der aber zu klein für solche Flugzeuge ist, wie meine Brüder sagen. Sie fahren über die Landebahn hinaus und krachen in Bäume und Gärten. Beide Piloten sind auch tot.
Wir bekommen ein Paket aus Amerika. Wir haben Verwandte in Amerika, aber sie schicken uns nichts. Dies ist ein Carepaket. Es ist ein wahres Wunder, was es alles enthält. Corned Beef in Büchsen, Kaffee, Kekse und Schokolade. Ich bekomme auch ein Stückchen, in Silberpapier eingepackt. Als ich dieses abnehme, fällt die Schokolade auf den Boden und unser Hund frisst sie. Alle lachen – außer mir. Es ist das einzige Carepaket, an das ich mich erinnere.
Tante Lina arbeitet manchmal beim Heumachen auf einem Hof außerhalb des Dorfes. Die Leute heißen Grenzis, und man sagt, sie seien Russen. Der Bauer ist nach dem anderen Krieg hier geblieben und hat den Hof aufgebaut. Er pflügt mit einem großen, gelben Ochsen, der Max heißt. Tante Lina erzählt, dass der Ochse Punkt 12 Uhr, wenn die Glocken vom Kirchturm im Dorf läuten, mitten in der Furche stehen bleibt und keinen Schritt weitergeht. Herr Grenzis spricht dann mit ihm, Max bitte, nur noch diese eine Furche. Aber Max will jetzt in den Stall und sein Futter haben. Am Abend laufen Tante Lina und ich mit einem Liter Magermilch als Lohn den weiten Weg nach hause zurück.
Der 14jährige Sohn von diesen Leuten wurde direkt am Kriegsende von Franzosen an das grüne Scheunentor gestellt und erschossen.
Unser direkter Nachbar, Herr Blank, wurde auf seinem Balkon ebenfalls erschossen. Seine ältere Tochter hatte sich hinter ihm zu bergen versucht. Sie wurde im Gesicht schwer verletzt und war ganz entstellt. Als sie erwachsen war, ging sie in ein Kloster.
Mutter nimmt mich mit in die Stadt. Ich sitze auf dem Gepäckträger hinter ihr, es ist hart. Wir fahren durch den Wald. In der Stadt wohnen ihre Schwestern. Sie hat zwei Brüder und fünf Schwestern, meine Tanten. Sie sind alle sehr lieb zu uns Kindern, wir sehen sie oft, sie kommen auch zu uns zu Fuß hinaus.
Die Tanten wohnen in der Bismarckstrasse. Die Strasse ist zerstört, ich meine, es gibt viele kaputte Häuser, von denen nur das Gerippe steht. Das Haus, in dem sie wohnen, ist aber noch da. Sie wohnen unten. Gegenüber ist ein großer Berg von Schutt. Es gibt schmale Schienen und Loren. Alte Frauen und Männer schaufeln Schutt in die Loren. Andere ziehen sie fort zum Engländerplatz, wie Mutter sagt. Dort gibt es einen sehr großen Berg mit Schutt.
Es ist eine große Wohnung, in der meine Tanten wohnen, Emele, Hilde und Friedel. Tante Friedel wartet auf Onkel Ernst, er ist in Gefangenschaft. Vorn sind große Räume mit Parkett und alten Möbeln. Ganz hinten gibt es eine schöne, große Küche mit blauen Plättchen an den Wänden. Die hohen Schränke sind weiß und haben vorne auch blaue Plättchen mit Figuren.- Wenn man drei Stufen hochgeht, findet sich ein Rollladen und wenn man ihn öffnet, so kann man Teller und Schüsseln hineinstellen. Man zieht an einem Seil und das Essen fährt in den ersten Stock.- Im Hof ist schwarzes Kopfsteinpflaster, und es stehen hohe Bäume da, die Schatten geben. Weiter hinten ist ein Garten mit Teelaube, Rosen und anderen Blumen, ich glaube, sie heißen Phlox. Zu den Nachbarn ist ein Drahtzaun, aber dort drüben ist es wunderschön: Grotten und Tropfsteine, kleine Wege und viele Zwerge. Manchmal gehen wir hinüber, um alles zu sehen.
Tante Lina wohnt jetzt bei uns und hilft uns, weil wir so viele Kinder sind. Tante Marie ist die Älteste. Sie ist verheiratet und wohnt nicht hier, aber sie kommt mit dem Fahrrad und bringt einen Rübenkuchen mit. Die Schwestern setzen sich an einen Tisch vor der Laube. Sie trinken Malzkaffee. Guni und ich werden von einem Mann fotografiert.
Onkel Erich ist angekommen. Ich glaube, er war bei den Amerikanern in Gefangenschaft. Er ist jünger als der Vater. Die großen Buben waren frech, ich weiß aber nicht, was sie angestellt haben, jedenfalls schlägt er sie mit der Hand. Sie laufen alle um den Küchentisch herum. Der Älteste landet schließlich mit dem Hintern im Putzeimer und ist ganz nass. Onkel Erich hat sich die Hand verstaucht. Es ist sehr aufregend – und am Ende auch lustig, es lacht aber niemand.
Sommer 46
Wir haben einen jungen Ziegenbock und gehen mit ihm spazieren. Wir lagern uns im Sand hin und spielen mit ihm. Er ist sehr lustig und macht so ulkige Sprünge. Wir können ihn mit Gras füttern, er ist ganz zahm. Er ist wie mein Bruder, nur jünger. Der jüngere Bruder. Dann ist er wieder weg. Ich weiß nicht, was sie mit ihm gemacht haben.
Es ist sehr heiß. Tante Lina, meine Schwester und ich gehen durch Mohnfelder zum Baggersee. Der Mohn ist reif, wir öffnen Mohnkapseln, streuen den schwarzen Samen in die Hand und lecken ihn auf. Er schmeckt nach Nüssen.- Wir sitzen am Wasser. Tante Lina hat einen schwarzen, verschossenen Badeanzug an, wir unsere Unterhosen. Wir können noch nicht schwimmen. Tante Lina kann auch nicht schwimmen, dennoch geht sie mit uns bis zum Bauch ins Wasser und hält uns, damit wir nicht ertrinken.
Meine Brüder erzählen, dass sie ohne Aufsicht zum Baggersee gehen und dass sie heute den Zweitältesten vor dem Ersaufen gerettet haben. Er war von einem Brett ins Wasser gefallen.- Es ist schön am Baggersee. Das Wasser ist warm und ganz klar. Manchmal gibt es kleine Fische und Frösche.
An der Wäscheleine hängt Bettwäsche. Ich gehe drunter durch, Mutter schreit. Ich laufe weg, aber sie folgt mir und gibt mir eine Ohrfeige. Ich finde das nicht gerecht. Der Wäsche ist gar nichts passiert, und ich habe es nur in Gedanken gemacht. Ich nehme es ihr übel, weil ich immer brav bin.
Die Wäsche wird im Keller im großen Kessel gekocht. Dann auf dem Waschbrett mit Kernseife und Bürste bearbeitet. Tante Lina hat das anfangs fast ganz alleine gemacht, aber jetzt haben wir eine Waschfrau, die mit dem Fahrrad aus dem Dorf kommt und ihr hilft. Wir sind zehn Personen.
Die Oma ist die Mutter des Vaters. Sie isst mit uns, aber sie wohnt in einem Zimmer bei den Nachbarn gegenüber. Vater, scheint mir, kümmert sich nicht sehr um sie. Sie spricht wenig, nennt uns Kinder nicht beim Namen. Sie ist vielleicht schon zu alt. Später ist sie bei der Schwester meines Vaters, die auch Lina heißt, wo wir sie mal besuchen. Sie sieht Tiere an der Tapete und fuchtelt herum. Die Tapete ist voller Muster und auch ich kann darin Tiere sehen.
Wir haben einen Hund, einen Airedaleterrier, es ist aber eine Hündin. Als Mutter ein Kind war, haben sie auch so eine Hündin gehabt, die Hex. Unsere heißt Ase. Mutter geht mit ihr zu einem Hundeplatz und bildet sie als Wachhündin aus. Sie ist sehr schlau und aufmerksam und versteht jedes Wort.
Wenn ein Einbrecher kommt, und es kommen immer wieder Einbrecher, so springt Ase den Mann an und steht mit geöffnetem Rachen knurrend vor ihm. Er bleibt dann immer stehen und sagt: „Gut Pollack! Nix machen!“
Herbst, Winter 46
Es gibt kein Brot, kein Mehl, keine Kartoffeln, kein Öl oder Fett, keine Milch, nur gestohlene Rüben.
Eines Morgens finden wir viel Blut vorn auf unserer Haustreppe. Blut auch auf den Schlacken der Straße und auf den Treppen der Nachbarn.
Die Eltern erzählen, dass es in der Nacht geklingelt hat, sie aber aus Angst nicht öffneten und sich auch gar nicht trauten, hinaus zu schauen. Es stellt sich heraus, dass in der Nacht in einem kleinen Fichtenwald in der Nähe ein älterer Mann von zwei jungen Burschen aus dem Dorf wegen einer Schuhnähmaschine mit der Axt auf den Kopf geschlagen wurde. Er hat sich von dort in unsere Siedlung geschleppt, weil er wusste, dass hier ein Arzt wohnt. Er wankte blutend in der Dunkelheit von Tür zu Tür, aber niemand öffnete, auch Vater nicht, der ein Telefon hatte und wohl auch selbst hätte helfen können. Der Mann starb, weiter kriechend, am Ende der Straße. Ich war fünfeinhalb Jahre alt, ich war beschämt. Ich bin es noch. Gewiss, es war eine unruhige, gefährliche Zeit. In der ehemaligen Kaserne waren viele Männer von allen Ländern untergebracht, displaced persons. Man hatte Angst vor Überfällen. Trotzdem – Vater war nicht mutig.
Mutter, Tante Lina und wir zwei Kleinen gehen in den Wald. Wir legen ein großes Tuch unter eine Buche und sammeln fleißig Buchelen, die braunen Samen von den Buchen, die man mit den Fingern aufmachen muss und die gut schmecken, um daraus Öl pressen zu lassen. Ich schlafe am Baum ein und träume von Zwergen, die in den Höhlen der Bäume wohnen.
Vater soll ein Hähnchen schlachten. Wir Kinder schauen ungerührt zu. Er legt das Tier auf den Hackklotz und schlägt mit dem Beil den Kopf ab, aber dann lässt er es erschrocken los. Es flattert über Nachbars Zaun – ohne Kopf!
Ein Kastenwagen mit Plane erscheint vorn an der Straße. Sie läuten mit einer Kuhglocke. Wir laufen hinaus. In dem Wagen haben sie zwischen Stroh einige Ferkel, die sie anbieten. Mutter kauft ein Ferkel, es ist rosa und sehr klein, wir tragen es vorsichtig nach Hause. Es wird mit Abfällen gefüttert, Gemüseabfällen vom Garten und Rübenschnitzeln, später mit Kartoffelschalen.
Dann ist es ein großes Schwein, der Watz. Ich gehe mit Vater zum Stall, wir blicken in den Schweinekoben. Vater spricht mit dem Schwein und sagt, er könne es hypnotisieren; er erklärt, was hypnotisieren ist. Er spricht lange und ruhig mit ihm, es legt sich schließlich auf die Seite und schließt die kleinen, hell bewimperten Äuglein. Ich glaube Vater nicht, das mit dem Hypnotisieren, er hat mich angeschwindelt, dem Schwein war es nur langweilig!
Vater erzählt:“ Heute Nacht haben sie versucht, in den Stall einzubrechen und das Schwein zu stehlen. Der Hund in der Küche hat angeschlagen. Ich bin mit den großen Buben hinaus, wir haben uns mit Hacken und Spaten bewaffnet und sind dem bellenden Hund gefolgt. Einer der Einbrecher war über den Zaun zum Nachbarn gestiegen, aber dort war ein zweiter Zaun für die Hühner, so dass er nicht weiter konnte und sich hin kauerte. Als er aufstand habe ich ihm eins mit der Schaufel über den Kopf gegeben, aber er ist dann doch davon gelaufen.“ Vater schildert es als Heldentat.
1947
Es gibt einen Maibaum beim Rosenhof. Der Rosenhof heißt so, weil es früher dort so nach Müll stank . Jetzt ist es eine Gastwirtschaft. Die Erwachsenen machen mit den Kindern Eierlaufen und Sackhüpfen. Ich bin nicht gut darin. Die Eier fallen mir immer gleich vom Löffel. Beim Sackhüpfen falle ich sofort auf die Nase; der Sack ist viel zu groß und schlingt sich um meine Beine.- Am Maibaum hängen ganz oben kleine Geschenke. Viele Buben versuchen, hinauf zu klettern, sie bleiben aber in der Mitte stecken. Als alle wieder unten sind und niemand mehr zusieht, als vielleicht meine Mutter, klettere ich hinauf bis ganz oben und hole mir ein Päckchen. Beim Runterrutschen bekomme ich dann viele Spreißel in den Händen, Füßen und den nackten Beinen. Das Päckchen enthält ein Dominospiel, wir spielen es am Abend.
Unsere Gegend
Unsere Strasse heißt Heidestrasse, die Siedlung Heidesiedlung. Für uns Kinder ist sie groß, aber es gibt nur drei Strassen: die Heidestrasse, die früher General Litzmann-Strasse hieß, dahinter die Rosmarinstrasse, als dritte die Rosenstrasse. Von hinter der Rosenstrasse kann man das Dorf sehen, wenn die Bäume keine Blätter haben. Hier ist ein Hang, den wir bei Schnee mit dem Schlitten herunterfahren. Er heißt Postbuckel.
Von uns aus können wir durch das Verbindungstürchen zu Göbels in den Garten und – durch ihren Hof – auf die Rosmarinstrasse. Von dort kommen wir durch die Tore und Höfe und Gärten bis in die Rosenstrasse. In dieser kennen wir die Leute nicht mehr so gut. In der Rosmarinstrasse aber alle.
Und alle Leute nennen uns beim Namen und stecken uns einen Apfel zu.
Schräg gegenüber unserem Haus ist ein alter, verwilderter Garten. Die Haselbüsche, die Holunderbüsche und die alten Rosenbüsche sind sehr hoch, unten mit Brombeeren verwachsen. Es ist alles ganz dicht und undurchdringlich. Wir haben uns aber doch niedrige Weglein gebahnt, durch die wir schlüpfen. In der Mitte des alten Gartens gibt es nämlich ein Hexenhäuschen, das man von vorn gar nicht sieht. Es ist groß, aus dunklem Holz, oben mit zwei Türmchen. Die Läden sind geschlossen und man kann nicht hinein. Aber es gibt eine Veranda, auf der man spielen und sitzen kann. Die Giebel sind geschnitzt und bunt bemalt. Die Schnitzereien sind auch um die Fenster, in grün. Es ist wunderschön und wie im Märchen von Dornröschen.
In unserer Strasse vorn auf unserer Seite wohnt ein Mann, der sehr klein ist. Er hat aber ein großes Herrenrad. Der Mann selbst hat einen runden Rücken und einen sehr kurzen Hals. Wir stehen oft vor seinem Tor, er lächelt uns an, wir lachen auch und sagen Guten Tag. Er heißt Dutzek. Herr Dutzek führt sein großes Fahrrad heraus. Um aufzusteigen, hat er eine Erfindung gemacht. Die Hinterachse ist verlängert und ganz glänzend poliert. Er steigt nun auf einen großen Stein, stellt das linke Bein auf die verlängerte Hinterachse, stößt sich ab und schwingt das rechte Bein aufs Rad. Dann fährt er ganz ruhig davon, winkt uns aber noch einmal. Er weiß, dass wir zwar neugierig, aber nicht böse sind. Manchmal sind wir in seinem Garten. Ein langer Sandweg führt auf das Gartenhaus aus Holz zu, in dem er wohnt. Er hat sehr schöne, gut geschnittene Obstbäume, besonders Pfirsiche, Birnen und Quitten, alle in Form von Spalieren. Die Beete sind eingefasst und glatt gerechelt. Aber in seinem Häuschen waren wir nicht. Es muss aber sehr schön sein, vielleicht mit kleinen Stühlchen und Tischchen wie bei den Zwergen.
Am Nachmittag im Sommer geht immer ein alter Herr mit Anzug, weißem Hemd und Krawatte oder Fliege und einem Spazierstöckchen in der rechten Hand sehr flott durch unsere Straße zu seinem Garten. Der liegt vorn an der Hauptstraße. Es fährt aber niemand über diese Straße, so dass er in seinem Garten Ruhe hat. Er zieht sich dann in der Gartenhütte um und arbeitet mit freiem Oberkörper lange an den Gemüsebeeten.
In der Mitte des Gartens steht ein großer Brunnentrog mit grüner Pumpe. Der Schwengel der Pumpe ist aber viel länger als bei uns.- Gegen Abend nach der Arbeit pumpt er eine Weile, damit frisches Wasser im Trog ist. Dann steigt er in Badehose hinein und bleibt lange darin sitzen. Er badet und genießt das kalte Wasser. Wir bewundern ihn. Später zieht er sich wieder an und läuft mit Anzug und Stöckchen in die Stadt zurück.
Gegenüber wohnt Herr Kniel, mit dem der Vater oft spricht. Herr Kniel sagt immer am Ende eines Satzes: „Wenn´s wahr ist!“ Vater benutzt das oft als ´geflügeltes Wort´, wie er sagt. Ist das nicht hübsch? Geflügeltes Wort! Ich stelle mir ein Wort mit Flügeln vor.
Herr Münch vorn in Nummer 10 ist groß und stark. Er arbeitet auch mit freiem Oberkörper, trägt aber eine Schürze. Die Beine sind frei. Er ist ganz braun, auch auf dem Kopf, auf dem ein paar weiße Haare sind. Er lacht immer mit uns. Im Herbst macht er Wein. Er hat viele Reben mit grünen Trauben im Garten und am Haus. Die schüttet er in seine grüne Weinpresse, legt dicke Holzbohlen darüber und presst mit einer Stange, die er zu sich her zieht. Für mich ist das zu schwer, er lacht mich aus.
An der Seite fließt der Most in Bottiche, die er dann in ein großes Fass füllt. Es kommt ein Gärröhrchen darauf, später im Keller. Ich weiß nicht, wie er das Fass in den Keller kriegt. Vielleicht rollt er es.
Als der Wein im nächsten Februar fertig ist, bringt uns der Herr Münch ein Krügle davon zum Probieren. Zum Abendessen trinken die Eltern und die Tante den Wein. Sie sagen, es sei ein dünner Sauerampfer. Und Mutter beschließt, im Herbst selbst Wein zu machen. Wir haben nämlich eine große Rebe hinter dem Schuppen, in dem der Schubkarren und zwei alte Fahrräder stehen. Es ist eine Amerikanerrebe. Ich wusste gar nicht, dass die Amerikaner auch Reben haben.
Winter 47
Wieder bin ich mit Mutter in der Stadt, sie versucht, etwas zu ergattern, ich glaube, Handschuhe für die Kinder. Es wird gerade Winter. Es gibt viele Ruinen. In der Kaiserstrasse fehlen viele Häuser, man sieht tief in die Kellerlöcher hinein, hier wachsen schon kleine Bäumchen. Vor anderen Ruinen sind Bretterbuden aufgeschlagen, in denen etwas verkauft wird. Mutter sucht und spricht mit den Leuten. Alle sind alt. Sie haben dunkle Mäntel an.
Gegenüber der Hauptpost steht ein alter Mann neben einem schwarzen Ofen mit einem schönen, kleinem Ofenrohr, aus dem Rauch heraus kommt. Er brät Kastanien, Mutter sagt Maroni. Sie kauft für zehn Pfennig Maroni und wir essen sie gemeinsam. Sie schmecken sehr gut, aber es sind nicht viele.- Ich bin sehr dünn. Meine Brüder ärgern mich. Sie sagen: „Stopfnädele“ und „Du gehst durchs Schlüsselloch.“ Es macht mir aber nichts, ich bin es gewöhnt.
Frühjahr 47
Neben meinem Vater laufe ich ins Dorf. Er redet nichts. Wir betreten einen Friseurladen. Der Friseur schneidet mit einer Hundeschere meine schönen, blonden Locken ab, er rasiert mich über den Ohren. Ich sehe im Spiegel aus wie alle älteren Buben, hässlich und dumm. Ich weine nicht. Auf dem Nachhauseweg gehe ich weit hinter dem Vater her, der mich auslacht. Er hat mir nicht gesagt, was geschehen würde. Ich werde ihm das nie verzeihen.
Nach Ostern komme ich in die Dorfschule, sechs Jahre alt. Ich bin der Kleinste, wegen der Magermilch, sagt die Tante.
Nur am ersten Tag bringt mich meine Mutter mit dem Fahrrad hin, danach gehe ich immer zu Fuß. Es gibt keine Schuhe. Mutter hat uns welche aus Maisstroh geflochten, die Sohle besteht aus zerschnittenen, alten Fahrradreifen.
Der Weg ist vielleicht nicht sehr weit, aber wir brauchen fast eine Stunde.
Die Straße besteht aus grauem Schotter mit tiefen Löchern und ist eine Birnbaumallee. Im Herbst liegen ganz viele gelbe und grüne Mostbirnen da, die von den Wespen gefressen werden, diejenigen, die nicht gesammelt wurden, weil sie beim Fallen schon zerplatzt sind.
Im Juni stehen die Kornfelder so hoch, dass sie weit über unsere Köpfe reichen. An den Rändern wachsen Klatschmohn und Kornblumen, das sieht sehr schön aus. Ende Juli wird das Korn mit der Sense geschnitten.
Meist gehe ich mit Kati, sie ist ein Flüchtlingsmädchen, aber sie spricht fast so, wie ich. Kati ist meine Freundin, sie hat lange, blonde Zöpfe; wir sprechen viel miteinander. Meine Schwester Guni hat auch lange, braune Zöpfe, die dann seitlich wieder hochgebunden werden und Affenschaukeln heißen. Ich gehe auch mit anderen Mädchen. Auf dem Nachhauseweg legt sich die Heidi, die auch blond ist, aber kürzere Haare hat, an einen kleinen Abhang am Straßenrand in die Sonne. Sie zieht ihr Kleidchen hoch und streift ihr weißes Höschen ab. Sie reicht mir einen trockenen Strohhalm und möchte, dass ich sie kitzle, da, wo bei mir der Zipfel ist. Ich tue das gern. Wir lächeln dazu. Heidi ist schön, ganz glatt und weiß.
Wir haben einen Ranzen auf dem Rücken, den schon die älteren Brüder hatten. Darin ist eine Schiefertafel, die auch die Brüder hatten, und ein Griffel. Aus dem Ranzen rechts hängt an einer Schnur ein Schwämmchen und ein Lappen. Wir lernen schreiben und rechnen auf der Tafel. Erst später, im zweiten Schuljahr, haben wir Hefte. Der Ranzen und unser ganzes Aussehen ist so, wie bei der „Hasenschule“.
Alle Buben haben kurze Hosen an, die Mädchen Kleider. Im Winter kommen lange, braune Strümpfe dazu, die an einem Strumpfband um den Unterbauch hängen. Oben haben alle von ihren Müttern gestrickte Pullover in verschossenen Farben, weil sie aus anderen, alten Pullovern, die aufgezogen wurden, gestrickt sind. Meiner ist dick, hellblau, kratzt und ist viel zu groß.
Meine kurze Hose ist grün. Mutter hat sie aus den Resten eines Soldaten -mantels genäht. Lange Hosen gibt es nicht. Die Mädchen haben auch diese langen, braunen Strümpfe, das ist sehr hässlich. Erst viel später im dritten Schuljahr bekommen wir dicke, blaue Turnhosen für den Winter.
Die Bänke und Schreibpulte im Klassenzimmer sind sehr alt, verkratzt und mit Tintenflecken übersät. Vorn oben ist ein Tintenfass eingelassen, wir dürfen es nicht benutzen. In der Pause schmieren wir aber den Nachbarn mit dem Finger blau.
Es gibt einen großen, eisernen Ofen und eine Landkarte, ich weiß aber nicht, was sie zeigt, ich glaube, den Rhein und den Schwarzwald. Da waren wir aber noch nicht. Der Boden ist auch schmutzig, am schmutzigsten sind die Latrinen im Hof, jedenfalls bei den Buben. Es gibt nur eine Rinne am Rand, der ganze Betonboden ist nass und stinkt; ich gehe fast nie hinein.
Die Böden der Räume und Gänge sind aus Holzbrettern, die schön laut dröhnen, wenn wir drüber rennen.
Im Dorf gibt es einen Schmied, in seiner Werkstadt war ich, es gibt eine Esse und einen Amboss, hat er mir erklärt. Vater sagt, er beschlägt die Pferde mit Hufeisen. Aber Pferde gibt es gar nicht. Er macht Gitter wegen der Einbrecher
und hohe Tore. Er hat zwei Söhne im Alter meiner Brüder, die ihm helfen. Sie sind stark, ich möchte auch so stark werden.
Es gibt auch einen Schuster, der die Schuhe von Vater besohlt. Wir Kinder haben erstmal keine Schuhe. Der Schuster ist auch alt, wie fast alle Leute. Er trägt eine staubige, blaue Schürze und sitzt vor einem Eisenständer, auf dem ein Schuh umgekehrt liegt. Der Schuh ist auch alt. Hier gefällt es mir nicht, aber zu dem Schmied, Herrn Wagner, gehe ich bald wieder.
Manchmal müssen wir Kartoffelkäfer sammeln, die sollen die Amerikaner von Flugzeugen abgeworfen haben, weil es nämlich bei uns früher keine Kartoffelkäfer gab.
Im Mai gibt es sehr viele Maikäfer, am Abend schwirren sie um unsere Köpfe.
Wir greifen uns welche und sperren sie in eine leere Streichholzschachtel, in die wir ein Luftloch gebohrt haben. Dann lassen wir sie am nächsten Morgen im Klassenzimmer fliegen, aber nur in der Pause, denn der Lehrer Vogel ist sehr streng.- Manchmal spielt er die Geige und singt wie ein Rabe. Wenn er den Mund weit öffnet beim Singen, fallen ihm die oberen, falschen Zähne herunter, das ist mir sehr peinlich. Er drückt sie dann mit dem Zeigefinger wieder hinauf. Er hat einen langen Rohrstock, mit dem er Tatzen auf die Hände gibt, mir aber nicht; ich bin immer brav und habe meine Hausaufgaben gemacht. Einen Buben, Uggele genannt, er ist ein Schelm, schlägt er. Ich muss aufstehen von der ersten Bank. Lehrer Vogel drückt den Buben mit dem Oberkörper darauf, dann spannt er seinen Hosenboden und schlägt wild darauf. Uggele macht eine große Pfütze vor die Bank, einige Kinder weinen. Uggele wird nach hause geschickt. Am nächsten Tag trägt er dieselbe, gelbliche Leinenhose. Es ist wohl seine einzige.
In unserer Straße steht eine Laterne, dort können wir am Abend sehr viele Maikäfer sammeln, die wir dann unseren Hühnern füttern. Die Eier schmecken dann nach Maikäfer.
Maikäfer, flieg,
Dein Vater ist im Krieg,
Deine Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer, flieg!
Ein Kind von heute kann sich das gewiss nicht vorstellen. Die Maikäfer sind ausgestorben, von DDT vernichtet worden. Wo einst Tausende waren, ist jetzt nicht Einer. Und die Bienen? Hast Du dieses Jahr Bienen gesehen? Zwei? Jetzt sind die Bienen dran und mit ihnen die Früchte des Gartens und die Vögel. Wann wird man endlich die Chemie- und Agrarindustrie an die Leine legen? Bisher laufen sie frei herum.
Der Schulhof liegt etwas über der Straße, ich halte mich am rostigen Geländer. Die Straße besteht nur aus festgetretenem Sand mit tiefen Löchern, mitten im Dorf. Eine alte, schwarz gekleidete Frau geht mit einem Stock in der linken Hand, sie führt zwei knochige Kühe hinter sich her, die einen großen Wagen mit Mist ziehen. Sie gehen sehr langsam. Warum hat sie keine Pferde, wie in unseren alten Bilderbüchern?
Die Bauern sind sehr arm und alt, junge gibt es nicht, die sind alle tot oder in Gefangenschaft. Der Boden besteht aus Sand und ist wenig fruchtbar. Sie haben keine Pferde, weil man sie ihnen weggenommen hat. Aus dem gleichen Grund gibt es nirgendwo ein Auto oder Lastwagen, das Land ist autofrei!
Es ist eine längst vergangene Zeit. Die Dinge waren noch so, oder wieder so, wie sie hundert Jahre vorher auch schon waren. Die Veränderungen, die in schneller Folge zur heutigen Zeit führten, begannen erst nach 1950.
In der großen Pause rennen wir hinter den Gärten vom welschen Teil des Dorfes zur Schule des deutschen Teiles. Wir haben kleine Kännchen dabei und erhalten Schulspeisung: Kakao und einen Amerikaner.
Dies war ein Hefebrötchen, die Schulspeisung eine Spende der Quäker: Quäkerspeisung. Ganz wollten sie uns doch nicht verhungern lassen. Vielleicht brauchten sie uns noch gegen die Russen, wie es ja dann auch tatsächlich geschah.
Der Lehrer Vogel ist nicht mehr da, wir haben Frau Unger als Lehrerin. Sie ist viel jünger und freundlich, sie schlägt niemand. Wir haben sie alle gern; sie ist blond.
Weil ich so klein bin, finde ich auf dem Schotterweg nach Hause von der Schule oft verbogene Nägel oder auch alte Knöpfe, die ich aufsammle und nach hause bringe, wir können sie noch brauchen. Einmal finde ich ein Strumpfband, das ich Tante Lina schenke.
Tante Lina singt manchmal mit uns und sie beobachtet meine Schulaufgaben, helfen muss sie aber nicht. Sie hat eine schöne, hohe Stimme, früher hat sie im Kirchenchor gesungen. Sie singt Kinderlieder und manchmal auch die erste Strophe von Kirchenliedern.- In die Kirche gehen nur die Nachbarn Blank, die sind katholisch. Wir gehen nicht in die Kirche, wir sind evangelisch.
Tante Lina singt: Kommt ein Vogel geflogen, lässt sich nieder auf dein Knie, oder Regentropfen, die an dein Fenster klopfen, die sagen dir, das ist ein Gruß von mir. Sie singt auch manchmal lustige Sachen von früher:
Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz?
Auf den Feldern um unsere Siedlung gibt es im März ganz viele Lerchen. Vater erklärt uns: sie sind Zugvögel. Etwas später fliegen sie in Kreisen nach oben und tirilieren, Nach einiger Zeit, die sie weit oben, kaum sichtbar, mit Singen verbracht haben, stürzen sie schnell herunter, ich glaube, zu ihren Nestern am Boden. – Im März gibt es auch viele Hasen, die schnell hinter einander herlaufen und kaum bemerken, dass wir kommen; die Ase verfolgt sie oft und alles Rufen nützt nichts, sie kommt lange nicht.
Unser Garten ist sehr schön im Frühling. Vorn am Zaun sind große Fliederbüsche, weiß, hell- und dunkelviolett und gelbe Büsche mit Dolden. Vater hat alle rechtzeitig geschnitten. Dann steht da noch ein japanischer Kirschbaum, der seine rosa Blüten tief herunter hängen lässt. Davor ist das Kartoffelfeld, es sind aber noch keine im Boden.
In unserem Garten gibt es im Sommer ganz viele Schnaken, vor allem, wenn wir grüne Bohnen pflücken sollen, dann kommen ganze Wolken von Schnaken heraus und fallen über uns her. Gleich mehrere sitzen auf unseren Handrücken, am Hals und an den nackten Beinen und fangen auch gleich an, Blut zu saugen. Wir schlagen schon gar nicht mehr drauf, denn es sind gleich wieder andere da. Manchmal warten wir aus Bosheit, bis sie sich voll Blut gesaugt haben und schlagen dann erst zu. Es gibt einen großen Blutfleck. Es juckt ein bisschen, aber dick und rot wird es bei mir nicht mehr, ich bin es schon ganz gewöhnt. Man kann sowieso nichts dagegen tun.
In unserer Siedlung, weiter vorn zum Flughafen hin, gibt es jetzt eine Biberfarm. Wir Kinder gehen alle oft hin und sehen uns die Bieber an. Sie sind einzeln hinter einem Zaun, haben ein Wasserbecken aus Beton und nagen mit ihren großen, gelben Zähnen an Stöckchen herum. Wir bringen ihnen Möhren aus dem Garten. Sie sind sehr schön und tun mir leid, weil sie nur so wenig Platz haben. Wir Kinder haben viel Platz und können überall herumrennen.
Mutter lässt sich später einen Biberpelz machen, aber ich weiß nicht genau, wann. Der Mantel hängt im Schrank mit Mottenkugeln und sie trägt ihn nie.
Ich bin wohl zu spät geweckt worden, jedenfalls habe ich nicht die Zeit, in die Schule zu laufen. Meine Mutter bestimmt meinen um sieben Jahre älteren Bruder Gunter, mich mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren, er hat jetzt ein altes Herrenrad mit Stange. Er fährt mich auf der Stange in die Schule, aber schimpft die ganze Zeit laut, dass er das jetzt für mich machen muss. Ich will nie wieder von ihm irgendwohin gefahren werden.
Vorn an unserer Straße, gegenüber der neuen Biberfarm, ist ein alter Bunker. Man sieht nur die schrägen Eingänge vorn und hinten aus Beton. Sonst sieht man nur einen mit Gras bewachsenen, gewinkelten Wall, unter dem wohl der Bunkergang liegt. Wir wollten immer gern hinein sehen, aber die Türen sind aus Stahl. Wir wissen auch gar nicht, wozu der gedient hat, denn wir sind ja in die großen Bunker im Wald gerannt, wie Mutter sagt. Diese sind jetzt gesprengt. In unserem krummen Bunkergang macht ein Mann eine Champignon-Zucht. Wir bekommen aber keine Champignons von ihm, nur manchmal sammelt die Tante Wiesenchampignons. Die dünstet sie dann mit ein bisschen Öl und Petersilie.
Der eine züchtet Bieber, der andere Champignons. Mutter will jetzt eine Hundezucht machen. Ase ist nämlich eine reinrassige Airedale-Terrier-Hündin. Mutter lässt sie also decken, wie sie sagt. Ein paar Wochen später kommen in der Küche die Jungen zur Welt.- Das erzähle ich gleich, aber jetzt klingelt es auf der Straße: der Milchmann kommt. Es ist ein alter Mann mit Schnauzbart, Herr Brunn. Er sieht aus, wie sein Hund, ein grauer, mittelgroßer Schnauzer. Dieser hat ein Geschirr an und muss den kleinen Wagen mit den zwei Milchkannen ziehen. Mein Bruder und ich gehen mit einer Henkelkanne hinaus und kaufen einen Liter Milch. Auf dem Rückweg schleudert der Bruder die volle Kanne im Kreis, ohne etwas zu verschütten. Ich bewundere ihn sehr.
Vater erzählt: Der Brunn, der züchtet Schnauzer, der hat mich mal mit in seinen Keller genommen. Er hat mir ein Pökelfass gezeigt: Schauen Sie, das ist bestes, gepökeltes Hundefleisch! Er isst seine Hunde!
Schwere Zeiten erzeugen skurrile Leute.
Also, Ases Junge kommen gerade in der Küche auf die Welt. Wir Kinder schauen zu. Sie sind erst in einer Haut, die Ase mit Zähnchen und Zunge vorsichtig entfernt und die Kleinen, die nacheinander ankommen, dann am Bauch schleckt, damit sie atmen. Es ist sehr spannend. Schließlich sind es sieben Stück. Sie haben ganz glatte, runde Köpfchen und fest geschlossene Augen. Bald krabbeln sie zum Bauch der Mutter, um Milch zu trinken, dabei patschen sie so ulkig mit den Pfötchen. Etwas später machen sie schon kleine Ausflüge in Kiste und Küche und hinterlassen überall ihre kleinen Häufchen, die Ase aufschleckt.
Als sie nach drei Wochen die Augen öffnen, sind sie noch süßer. Sie haben mehr Fell und wenn man sie auf den Arm nimmt, riechen sie so gut, eben wie kleine Hundlen. Mutter hat mit einem Bindfaden schon die kleinen Schwänzchen abgebunden. Sie, die Welpen, haben arg gepiepst, aber jetzt trocknen die Stümpfe ab. Airedaleterrier haben ja nicht so lange Schwänze.
Dann müssen alle, Ase und ihre sechs Junge, das Siebte fehlt jetzt, ich weiß nicht, warum, in den Zwinger und wir gehen hinein, um mit ihnen zu spielen. Es ist das Schönste, das ich kenne!
Später verkauft Mutter alle, bis auf Ali. Der ist ein Männchen und stark und wunderschön. Sein Fell ist tiefschwarz mit den braunen Stellen, die alle haben. Er ist bei uns im Hof und im Garten und sehr munter und fröhlich. Aber nach einem Jahr stirbt er auf der Holzkiste in der Küche neben dem Herd an der Staupe. Wir sind alle sehr traurig, auch die Erwachsenen, wir Kinder weinen lange.
Mutter sagt, es sei immer noch schlecht. Sie könne uns nichts zum Anziehen kaufen, nur Wolle zum Stricken für Strümpfe und Fausthandschuhe für den Winter und Schals und mal einen Pullover, der kratzt. Nach dem Abendessen stopfen Mutter und Tante Lina unser aller Strümpfe. Sie sitzen am Tisch im Esszimmer und sind weiter fleißig, wenn wir schon lange im Bett sind. Ich schlafe im mittleren Zimmer bei meinem ältesten Bruder, der schon in die Lehre geht. Er ärgert mich immer nach dem Licht ausmachen:
Licht aus
Messer raus
Drei Mann zum Blutrühren.
So ein Idiot!
Auf dem Feld hat ein alter Mann mit einem Kastenwagen, das von einem der wenigen Pferde- das ist, glaube ich das erste, das ich sehe- Sand geholt. Nach und nach entsteht ein Loch, größer und größer. Er fährt den Sand zu Baustellen in der Stadt. Er arbeitet ganz allein, aber doch wird das Loch immer breiter und tiefer. Vorher hat niemand gebaut; auch in unserer Straße wird ein Haus gebaut, zwei Stockwerke, aber viel kleiner, als unseres. Das Dach ist fertig – und dann bleibt es so stehen, roh, ohne Fenster. Allerhand dunkle Gestalten gehen am Abend hinein. Vater sagt, sie brechen ein und stehlen. Tatsächlich wird jetzt überall in der Siedlung eingebrochen. Vater sagt auch, dass es beim Hitler keine Einbrüche gegeben habe, man habe die Türen nicht abschließen müssen. Er erzählt, dass Leute gehängt wurden, die ein Schwein schwarz geschlachtet hatten. Mir erscheint die Strafe zu groß zu sein, für ein Schwein. Was ist schwarz schlachten?
Die Grube, die der Mann auf dem Feld allein mit der Schaufel gemacht hat, ist nun schon so groß, dass er mit Pferd und Wagen hinunterfahren muss. Erst viel später bekommt er einen Lastwagen. Da ist es schon eine Kiesgrube.
Es gibt noch eine sehr alte Kiesgrube, bei uns ist alles Sand und weiter unten Kies. In dieser gibt es Schilf und kleine Erlen, kommt man ans Ufer, so springen die Frösche ins Wasser. Wir fangen Kaulquappen und tun sie in ein Marmeladeglas von Tante Lina. Sie sind sehr interessante Tiere, manche haben zwar einen Schwanz, aber schon vier Beinchen. Viele gehen so an Land und beginnen zu hüpfen.
In unserer Siedlung kennen wir jetzt fast alle Leute, weil wir in ihren Gärten herumrennen dürfen, was wir jeden Nachmittag tun. Wir kennen auch viele Häuser von innen, die Leute sind freundlich zu uns, vielleicht, weil wir auch freundlich sind und nichts anstellen, nur halt neugierig, und weil wir die Kinder vom Doktor sind, den sie vielleicht mal brauchen. Die Nachbarn erzählen uns interessante Sachen. Hofmanns zum Beispiel fangen Amseln, wie, weiß ich nicht, aber sie fangen Amseln und machen eine Suppe daraus.
Unser Nachbar Göbel ist fast der einzige jüngere Mann in der Heidesiedlung, er war in der Marine, erzählt er, in Norwegen auf der „Blücher“, die dort unterging. Er legte seine Kleider ab und sprang ins Wasser, vier Grad kalt. Er schwamm mit einigen wenigen Anderen auf eine kleine Insel, wo sie sich die ganze Nacht mit Laufen warm zu halten suchten – und dann gerettet wurden.
Es gibt noch einen zweiten Nachbarn, der bei der Marine war, Herr Plattner, ein sehr großer und starker Mann. Er soll einmal seinen Kapitän mit einem Arm über Bord gehalten und gedroht haben, ihn fallen zu lassen. Sie haben ihn überwältigt und eingesperrt, dann aber als Verrückten entlassen. Das hat uns aber der Vater erzählt, nicht der Herr Plattner, der zu uns Kindern sehr freundlich ist. Nur seine eigenen und seine Frau schlägt er im Keller.
Vater darf wieder arbeiten. Er kauft ein schwarzes Damenrad.
Gestern war ich in der Stadt bei meinen Tanten. Tante Hilde ist mit mir in den Schlossgarten gegangen, der vorn gegenüber der Bismarckstraße liegt. Er ist sehr schön mit hohen Kastanienbäumen und es blüht viel. Aber die Orangerie und das Schloss selbst sind noch zerstört, doch sogar die Ruinen sind noch schön, bis auf die Trümmerhaufen, die da liegen. Tante Hilde sagt, dass das Schloss wieder aufgebaut und repariert werden muss. Gegen die Stadt zu, ich weiß aber nicht, wie die Straßen alle heißen, außer der Akademiestraße, sieht man nichts als Trümmer, nur einzelne, halb wieder hergerichtete Häuser. Tante Hilde kauft mir eine Bretzel, sie kostet 10 Pfennig. Ich sitze dann noch eine Weile bei der Tante im hinteren Zimmer. Vorn hat der Vater jetzt eine Praxis eingerichtet. Mutter hilft ihm. Ich warte, bis meine Eltern nach Hause fahren, ich hinten auf Mutters Rad.
Bei sehr schlechtem Wetter sitzen meine Schwester und ich oben auf der Treppe. Im oberen dunklen Flur gibt es einen alten Bücherschrank mit vielen Büchern, Kinderbücher aller Art und Brehms Tierleben, sehr interessant, aber staubig; ich muss niesen und die Nase geht mir zu. Aber wir haben keine neuen Bücher.
Im Wintergarten haben wir jetzt an zwei Fenstern Glasscheiben, die die Tante Emele besorgt hat, und nicht nur Sperrholz und Bretter. Das gestohlene Holz, das wir hier versteckten, ist weg. Mutter stiehlt kein Holz mehr, wir feuern jetzt mit Bricketts. Im Wintergarten stehen ein runder Tisch und vier Stühle, Tante Lina hat zwei Kaktuspflanzen auf der Fensterbank.
Wenn man die Tür öffnet, kommt man auf die Terrasse, sie ist mit großen Sandsteinplatten belegt, zwischen denen Unkraut wächst, das wir ausrupfen sollen. Davor ist ein Steingarten mit vielen Eidechsen, grüne und braune. Vater sagt, die grünen sind die Männchen. Manchen fehlt ein Stück Schwanz, Vater meint, das wächst nach. Ich habe aber oft Eidechsen mit Stummelschwänzen gesehen. Nach dem Regen spielen wir mit den Weinbergschnecken, sie bewegen sich so schön langsam, aber wenn man kurze Zeit später wieder hingeht, sind sie doch schon ganz woanders. Wenn man sie anfasst, ziehen sie sich ganz schnell in ihr Haus zurück, kommen aber bald neugierig wieder hervor und schauen mich mit ihren schwarzen Augen auf den Stielen genau an, ich tue ihnen aber nichts.
Wir haben Würmer! Vater düngt die Beete im Garten mit der Jauche aus unserer Grube im frühen Frühjahr. Er hat eine lange Stange, an der vorn ein Stahlhelm als Schöpflöffel befestigt ist. Er schöpft die Jauche, mit allem, was darin ist, in den rostigen Schubkarren und fährt die schwappende Brühe dann auf das Feld, die Brüder müssen sie unterhacken. So bekommen wir riesige, süße Möhren, die aber bei uns Gelberrüben heißen, mit zwei r.
Nein, im Sommer müssen wir nicht so hungern. Schon Ende Juni, wenn wir aus der Schule kommen, klettern alle auf den großen Frühkirschbaum drüben vor Blanks Gartenzaun und essen so viele Kirschen, dass wir Bauchweh haben. – Vater hat den Garten gleich so anlegen lassen, dass es alle Obstsorten und Nüsse geben sollte. Da hatte er ja schon vier Kinder.-
Bald gibt es auch Johannisbeeren, weiße, rote und schwarze. Die Ase zieht mit ihren vorderen Zähnchen die Beeren einfach vom Stängel, der am Johannisbeerstock hängen bleibt. Es folgen die frühen Pflaumen, die Mirabellen, die schwarzen Kirschen, von denen wir aber nicht so viele essen sollen, weil sie eingemacht werden für den Winter.
Und sieben Sorten Äpfel, ich habe sie alle gezählt, und alle schmecken anders! Die Birnen sind gelb, grün und rot. Und Pfirsiche sowieso, mehrere Bäume.
Tante Lina und die Mutter, besonders aber die Tante, verarbeiten das Obst während des ganzen Sommers am Nachmittag. Ihre Finger sind braun und rau. Sie machen die Pfirsiche ein in Gläser. Sie kochen Marmel aus Kirschen, Mirabellen und Zwetschgen, ganz im Herbst aus unseren Quitten. Quittenmus ist besonders gut, bloß Butter gibt es nicht. Mein erstes Butterbrot esse ich 1948 - ein halbes.
Tante Lina klebt auf die Gläser noch ein Schildchen, auf dem in ihrer schönen, winzigen Schrift
Pfirsichmarmelade
steht.
Im Herbst gibt es Haselnüsse und sehr viele Walnüsse. Der Hund legt sie dann auf einen flachen Stein, knackt sie seitlich und isst die Kerne säuberlich, die Schalen lässt er liegen. Wenn der Nussbaum das Laub abwirft, recheln wir große Haufen zusammen und bauen uns darin Höhlen.- Ase hat weil sie wieder Junge bekommt, eine große Höhle gegraben, der Vater ist hineingestürzt.- Wir haben heimlich ein bisschen gelacht.
Herbst 1947
Das Schwein ist geschlachtet worden!! Es soll furchtbar geschrieen haben, als der Metzger es abholte. Ich war in der Schule, ich bin erst sechseinhalb Jahre alt. Die Eltern sagen, das hat uns gerettet.
Wir schauen beim Metzger im Dorf in den Kessel, in dem die Blut- und Leberwürstchen kochen. Am Abend gibt es Metzelsuppe. Das schmeckt mir nicht, aber allen andern. Die Würstchen sind auch gebracht worden, sie werden auf Besenstielen über die Badewanne gehängt. Die Würstchen schmecken gut auf Brot, besonders die Leberwurst, die gut nach Kräutern riecht und grau ist. Aber Brot ist zu wenig da. Die großen Brüder, die schnell wachsen, haben immer Hunger. Brot gibt es auf Marken, Mutter holt es am frühen Morgen mit dem Fahrrad im Dorf. Die Brüder bestehen darauf, dass sie ihr Brot in einem Stück ausgehändigt bekommen, sie essen es dann auch in einem Stück: gleich darauf haben sie wieder Hunger. Das Essen schmeckt aber jetzt besser, weil Mutter Schweineschmalz hinein tun kann, in die Graupensuppe, die Kartoffelsuppe und ins Sauerkraut.- Die Badewanne ist von einer Brandbombe kaputt, aber es gibt sowieso kein warmes Wasser. Wenn wir mal gebadet werden sollen, heizt Tante Lina den Waschkessel im Keller an. Sobald das Wasser ein wenig warm ist, schöpft sie es mit einem Eimer in eine Zinkwanne, in der wir beide, Guni und ich dann sitzen. Auch die Haare werden mit Kernseife gewaschen, das brennt in den Augen und meine Schwester heult. Im Keller ist es kalt, deswegen baden wir im Winter nicht, wir werden mit kaltem Wasser gewaschen.
Wir haben die Masern, sie haben unsere Betten ins Esszimmer gestellt, wo es warm ist und wir dann liegen, wir sind ziemlich krank. Sonst sind wir aber nicht krank, außer den vielen Gerstenkörnern an den Augen; wir sitzen dann abends am Ofen, drücken weiße Lappen daran und halten sie ans Auge. Das Gerstenkorn soll aufgehen, damit der Eiter abfließt. Es gibt keine Salbe, auch beim Doktor nicht, der unser Vater ist.
Vorn in der Siedlung, zum Wald und der Kaserne hin, wohnt ein Schrotthändler. Er ist ein grober Klotz und schreit immer, aber gutmütig. Wir lungern viel bei ihm herum. Daneben wohnen Zigeuner, die aber eine Hütte und keinen Wagen haben, wie in unseren staubigen Kinderbüchern. Sie heißen Rose und sehen auch nicht anders aus, alle anderen armen Leute, bloß mit schwarzen Haaren. Sie sind Vaters Patienten, er sagt, sie waren im KZ, er erklärt uns aber nicht, was das ist.
1948
Plötzlich habe ich ein rotes Tretauto, ich weiß nicht, von wem. Vielleicht von meiner erwachsenen Kusine Gretel, die meine Patentante ist und sehr großzügig. Es ist alt, aber sehr schön. Wir fahren damit im Hof herum, müssen das Auto aber immer über die Abflussrinnen heben, in denen es stecken bleibt. Auf der Straße können wir damit nicht fahren, sie besteht aus grober, brauner Schlacke.
Im Keller haben wir Rollschuhe aufgestöbert, sie sind von unseren Brüdern. Man bindet sie mit Riemen an die Schuhe ( ja, Schuhe haben wir jetzt auch, jeder ein Paar Halbschuhe). Wir können damit auch nur im Hof fahren und versuchen, über die Rinnen zu hüpfen, fallen aber immer auf die Knie.- Wenn wir draußen auf der Straße fallen, und das passiert oft, weil wir so schnell rennen, bluten die Knie gleich von den scharfkantigen Schlacken, die schwarz gesprenkelte Narben hinterlassen.
Onkel Ernst ist gekommen, habe ich das schon erzählt? Er ist der Mann von Tante Friedel, die rote Haare hat und mir mal eine Ohrfeige gegeben hat, natürlich ohne Grund. Onkel Ernst war in Gefangenschaft in Kroatien, wie er sagt, aber zum Vater; wir sind zu klein. Er ist Schriftsteller und schreibt wieder für die Zeitung, die der Vater auseinander schneidet für Lokuspapier. Ich lese das manchmal, verstehe aber nichts, es ist auch langweilig.
Onkel Ernst geht oft mit Vater in unserem Garten auf und ab, redet mit Händen und Füßen und ist ganz aufgeregt, Vater sagt, wegen eines Romans.
Vater erzählt, dass wir jetzt neues Geld kriegen. Jeder bekommt 40 Mark. Ich denke, 40 Mark, so viel, was mache ich damit? Aber Guni und ich bekommen nur jeder 10 Pfennig für unsere Sparbüchse.- Wir haben gar keine Sparbüchse!
Also wollen wir unser Geld in eine leere Streichholzschachtel tun, finden aber nur eine, so müssen wir unser Geld zusammenlegen. Das 10 Pfennigstück ist gelb und ganz neu. Vorn steht eine 10, hinten ist ein Eichblatt.
Bald gibt es mehr zu kaufen, Mehl, Trainingshosen und ich esse mein erstes halbes Butterbrot. Ich habe nicht so viel Hunger, ich kann nicht viel essen, ich bin sehr dünn, das sehe ich selbst.
In unserem Haus gibt es keine Musik, außer, wenn Tante Lina singt. Aber ihre Freundin von der Post, die Annie Weih, die von Zigeunern stammt, spielt Klavier, das gefällt mir so gut. Sie sagt, es ist Schumann. Was ist Schumann?
Vater arbeitet immer mehr, Mutter hilft ihm in der Praxis. Oft, wenn er heimkommt, hat er Migräne, das sind starke Kopfschmerzen. Er setzt sich dann im Dunkeln an den Radiotisch, in dem früher seine Zigaretten waren, jetzt aber nur alte Brillen liegen, und hält sich den Kopf. Wir müssen ganz leise sein. Ein Radio haben wir natürlich nicht, aber die Tante Friedel hat eines von früher. Manchmal abends klappert der Vater mit ein paar Fünfmarstücken in seiner Jackentasche. Fünf Mark bekommt er für einen Hausbesuch mit dem Fahrrad.
Dann ist die Konfirmation. Mein Bruder Gunter wird 14.
Alle meine Tanten und Onkel sind eingeladen, Mutter will einen großen Nachmittagskaffee mit Kuchen machen. Dafür braucht sie aber noch Mehl und Kaffee. Das bringt der Onkel Ludwig, den ich noch nicht kenne.
Am Samstag früh knattert es im Hof, Onkel Ludwig fährt mit seinem Motorrad herein. Meine Brüder laufen herbei und sagen sofort: das ist eine NSU Max. (Noch ein Max, nach dem Ochsen und unserem Hahn). Ich habe noch nie ein Motorrad gesehen. Es ist schwarz und glänzend. Er selbst, Onkel Ludwig, trägt eine braune Lederhaube, die er aufmacht, aber auf dem Kopf behält und eine braune Lederjacke.
Meine Onkel sind alle schon älter, sie waren nicht in diesem Krieg, sondern im Krieg davor, deshalb, glaube ich, leben sie noch.
Onkel Ludwig hat rote Apfelbäckchen, viele Fältchen und sieht sehr lustig aus. Er ist auch lustig und macht Witzchen, die ich aber nicht verstehe; die Mutter und die Tante lachen aber. Vater ist nicht da.
Onkel Ludwig arbeitet als Vertreter für Lebensmittel, schon immer. Er fährt im ganzen vorderen Schwarzwald herum und besucht die kleinen Geschäfte in den Dörfern. Er sagt, er kennt jedes und alle Besitzerinnen kennen ihn und nennen ihn beim Vornamen.
Deshalb kommt er an Mehl und Kaffee.
Tante Lina macht Kaffee von dem, den er gerade mitgebracht hat. Sie schüttet Bohnen in die gelbe, hölzerne Kaffeemühle, klemmt sie zwischen die Knie und dreht so lange, bis alle gemahlen sind. Das Pulver gibt sie mit einem kleinen Löffel in die Kanne, eine kleine; wir haben auch eine große, von der die Erwachsenen ihren Muckefuck trinken, ich glaub´, das ist Malzkaffee. Dann gießt sie den Kaffee durch ein Sieb, das aber bei uns Seierle heißt, in des Onkels Tasse. Er ist dünn. Mutter und Tante Lina trinken auch eine Tasse und sagen: ist der gut!
Onkel Ludwig lässt sich nicht beirren und erzählt weiter seine lustigen Geschichten, die ich nicht verstehe, immer mit der Lederhaube auf dem Kopf.-
Onkel Ludwig ist der Mann von Tante Marie, Mutters ältester Schwester, sie ist 18 Jahre älter als sie. Sie hat meine Mutter als Kind auf dem Arm gehabt und sie hat sich geschämt, weil die Leute meinten, es sei ihr Kind, erzählt Mutter.
Dann ist die Konfirmation.
Mein Bruder Gunter hat einen schwarzen Anzug an, keine Ahnung, woher, wahrscheinlich geliehen von den älteren Vettern. Jedenfalls gibt es einen großen Nachmittagskaffee mit Kuchen. Alle Tanten und Onkel kommen, sogar Onkel Willy aus Mannheim. Er ist auch lustig. Er ist Sportredakteur beim „Mannheimer Morgen“, aber fast taub nach der Verschüttung im anderen Krieg. Die Tanten tragen ihre Sonntagskleider.
Wir haben einen sehr langen Tisch im Wohnzimmer am Fenster, das wieder aus Glas ist, mit weißen Tischdecken – und ich weiß gar nicht, wo das nun alles herkommt.
Tante Lina hat einen gefüllten Kranz gebacken und Nusshörnchen, Mutter eine Biskuittorte mit Sahne dazwischen. Alle trinken Kaffee und essen und sind sehr lustig und laut. Die Onkel fragen meine Schwester und mich, wie es in der Schule ist, und wir sagen immer: schön! Damit sind sie zufrieden. Guni und ich würden schon gerne draußen spielen und toben, aber wir kommen nicht weg.
Am späten Nachmittag spielt der jüngste Bruder des Vaters, Robert, die Ziehharmonika und sie singen dazu und sind ganz vergnügt. Dabei fällt mir auf, dass Onkel Ludwig nicht da ist – aber er hat immerhin den Kaffee und das Mehl gespendet, vielleicht nicht ganz freiwillig.
Am Abend um sieben gibt es noch Abendessen. Mutter hat alles zusammengekratzt, was wir haben, Leberwurst, Blutwurst und vor allem russische Eier. Tante Lina sagt uns, es gehört eigentlich Kaviar auf die Eier, das sind schwarze, kleine Fischeier. Da will ich keine russischen Eier mehr, obwohl wir gar keinen Kaviar haben. Sowieso kann ich nicht mehr essen als ein halbes Leberwurstbrot, weil ich um vier Uhr ein Stück Nusskranz gegessen und nach und nach drei von Tante Linas wunderbaren, gefüllten Hörnchen geknabbert habe, das war viel besser, als russische Eier.- Die Erwachsenen trinken Bier und Wein. Vater spendet dann noch ein Zwetschgenwasser, das er in der Praxis geschenkt bekam.
Sommer 1948
Mutter sagt, es ist Messe und sie will gern mit uns dahin. Früher, als sie Kind war, gab es auch Messe, auf dem Messplatz, wie jetzt. Damals, erzählt sie, hat ihr Vater, mein Großvater, den ich nicht mehr kennen gelernt habe, weil er an einer Lungenentzündung gestorben ist 1925, sechs Wochen nach seiner Frau, meiner Großmutter, die an einer schlimmen Mittelohrentzündung starb,
hat ihr Vater also damals auf der Messe Trompete gespielt, so schön, dass alle Leute stehen blieben und zuhörten.
Wir gehen also zur Messe. Wir gehen nicht, das ist zu weit, wir fahren von der Hauptpost mit der Elektrischen, das ist die Straßenbahn. Sie ist außen gelb mit einem roten Streifen und hat ein Wappen. Es sind zwei Wagen. Wir steigen vorne ein und müssen stehen, weil es keine Sitzplätze mehr gibt. Mir ist das ganz recht, ich kann dann sehen, was der Fahrer macht. Er hat eine blaue Uniform mit Mütze und steht an einer Kurbel. Wenn er losfährt, dreht er die Kurbel nach rechts, wenn er langsam fahren muss oder halten, nach links. Dann kommt der Schaffner, er hat auch eine blaue Uniform mit Mütze. Vor allem aber hat er zwei wunderschöne, alte, speckige Taschen umgehängt. Mutter sagt: „Eine Erwachsene und zwei Kinder!“ Sie bekommt aus der linken Tasche den Fahrschein. Die rechte Tasche hat vorn mehrere längliche Fächer aus Blech, für Zehner, Fünfziger und Markstücke. Wenn er Geld ´raus gibt, drückt er oben auf einen kleinen, glänzenden Hebel und unten fallen ihm die Münzen in die hohle Hand, er braucht dann gar nicht mehr zu zählen, sehr praktisch!
Wir fahren durch die Kaiserstraße. Es ist Samstagnachmittag und die Geschäfte sind geschlossen, aber es gibt sowieso nicht so viele, nur das Kaufhaus Tietz.
Die Straßenbahn hält dann am Marktplatz; Mutter erklärt uns die Stadt, ihre und unsere Heimatstadt, die wir noch gar nicht kennen, weil wir ja in der Heidesiedlung wohnen, da kennen wir alles! Mutter zeigt von der Straßenbahn aus die Pyramide, der die Spitze fehlt. „Hier ist das Herz vom Großherzog beerdigt.“ Warum nur das Herz und nicht der ganze Großherzog?
„Gegenüber ist die Stadtkirche“, sagt sie. Dann sagt sie: „War die Stadtkirche!“
Denn es steht nur eine Wand und vorn ein paar Säulen. Auf der linken Seite können wir das Schloss sehen, weil alle Häuser weg sind. Mutter sagt, die Stadt ist wie ein Fächer, sie zeigt das mit ihrer gespreizten Hand. Man kann von allen Straßen das kaputte Schloss sehen. Was ist ein Fächer?
Als alle Leute aus und andere eingestiegen sind, fahren wir weiter durch die Kaisertrasse. Schutthaufen sind nicht mehr viele da. Manche Ruinen sind mit Balken abgestützt, damit sie beim Zusammenfallen niemanden erschlagen.
Am nächsten Platz steht eine große Kirche aus rotem Sandstein, es ist nur das Dach kaputt.
Wir steigen dann am Messplatz aus und sind gleich im Gewühl untergegangen.
Da ich so klein bin, sehe ich fast nichts. Aber es gibt Karussells mit Feuerwehrautos und Motorrädern , Schießbuden, Stände mit Zuckerwatte und Zuckeräpfeln. Und noch ein Gruselkabinett und eine Geisterbahn, aber wir gehen nicht hinein, Mutter sagt: “Wir hatten genügend böse Geister.“
Am besten gefallen hat mir die Familie der Zwerge, Mutter sagt, es sind Liliputaner.- Und die dicke Frau, die auf einem Thron sitzt im goldenen Kleid, wie eine Königin. Sie ist wirklich sehr dick, ungeheuer! Sonst sind alle Leute dünn, dicke sehe ich nicht.
Plötzlich finde ich auf dem Boden, auf den ich ständig sehe, weil oben so viele Leute sind, die mir die Sicht verstellen, 50 Pfennig. Mutter sagt, sie hat auch immer was auf der Messe gefunden, aber meistens nur Zehner. Von den 50 Pfennig kaufen wir dann gebrannte Zuckermandeln, die wir knabbern.
Ich will nächstes Jahr wieder auf die Messe!
Einmal gehen wir abends ins „Weiße Haus“. Wir müssen an der Kaserne vorbei
bis zur Landstraße, die zu den weiter entfernten Dörfern führt. Sie ist sehr schön, aus schwarzem und rotem Kopfsteinpflaster. Die Bäume des Waldes berühren sich ganz oben, so dass die Straße ganz beschattet ist. An der Seite ist ein Fahrradweg. Autos fahren nicht.
Wir kennen die Wirtsleute im „Weißen Haus“, vielmehr, meine Eltern kennen sie. Der Mann, Herr Fretz, betreibt noch die kleine Tankstelle vor dem Haus mit einer schönen, roten Zapfsäule zum Pumpen. Seine Tochter, die Frau Köpf, hat eine Tochter, die Edith, die hübsch aussieht; sie ist, wie fast alle Mädchen außer meiner Schwester, blond, aber ein bisschen fad. Sie besucht mich manchmal mit ihrer Mutter am Nachmittag zum Spielen in unserem Garten.
Es gibt panierte Schnitzel, die es bei uns nicht gibt, Bratkartoffeln und Salat.
Ich kann aber nur ein halbes Schnitzel essen. Ich bin noch immer so klein und dünn. Da es keine neuen Kleider gibt, muss ich aber auch nicht hinein wachsen.
Ich sitze auf Mutters Schoß. Sonst sitze ich nie auf Mutters Schoß, dafür hat sie keine Zeit. Jetzt aber haben wir aus der Schule Läuse mitgebracht und werden gelaust. Die Küchentür ist offen, die Abendsonne scheint herein.
Wir haben jetzt ein kleines, schwarzes Radio mit Drehknöpfen, damit der Vater Nachrichten hören kann. Sie sagen im Radio, dass der Krieg wieder ausgebrochen ist. Wir alle, außer Vater, weinen laut. Wir sind voller Angst.
Es war der Beginn des Koreakrieges.
Weihnachten 1948
Es ist doch besser geworden! Ja, es ist so, wie man es sich als Kind vorstellt, besonders vor Weihnachten. Da werden nämlich die Weihnachtskekse gebacken, die aber bei uns Weihnachtsbrödlen heißen. Das dauert! Es gibt so viele verschiedene, Zimtsterne, Spritzgebäck, Butterbackes – und alle haben einen anderen Teig. Mutter und die Tante machen das ab Mitte Dezember jeden Nachmittag. Wir Kinder helfen dabei, ausstechen und probieren. Der Teig ist immer sehr gut, fast besser, als die fertigen Kekse. Die ganze Küche riecht nach Gebäck, und ich glaube, das ist das Schönste an Weihnachten.
Schließlich hängt eine tote Gans am obersten Giebelfenster des Hauses an einem Nagel, zum Abhängen! Vater – nein, natürlich Mutter, hat einen Tannenbaum auf dem Fahrrad mitgebracht, und ich glaube, sie hat ihn nicht gestohlen, sondern bezahlt. Das Stehlen von Holz und Bäumen ist vorbei. Es war nur aus Not, sagt Mutter. Ohne das wären wir gleichzeitig verhungert und erfroren. Ich wäre, glaube ich, schneller erfroren, als verhungert, weil ich so wenig Essen brauche.
Der Baum kommt dann in einen grünen Ständer aus Gusseisen in die Ecke des Wohnzimmers, da, wo Vaters Bücher sind, und wir Kinder schmücken ihn mit Tante Linas Hilfe mit sehr altem Christbaumschmuck, aus einer ebenfalls sehr alten, ovalen Pappkiste, die selber schön ist. Am Ende kommen noch schmale Kerzen hinzu, aber nicht viele. Wir dürfen sie am Weihnachtsabend nur kurz anzünden, weil der Vater daneben steht und Angst hat, dass das ganze Haus abbrennt.
Unter dem Baum steht dann jedes Jahr eine große, hölzerne Eisenbahn von früher, mit denen schon meine Brüder gespielt haben – man kann nicht viel damit machen. Guni bekommt einen Kaufladen aus Holz, auch von früher, für den wir dann Tütchen mit Mehl, Gries, Zucker und Salz machen.
Dann müssen alle im Stehen „O Tannenbaum“ singen, meine Brüder machen aber nur den Mund auf.
Die Tanten Hilde (die immer die Namen verwechselt: zum Hund sagt sie René und zu mir Waule) , Emele sowie Friedel mit Onkel Ernst sind auch da. Onkel Ernst setzt sich in Vaters Sessel, seine dicken Brillengläser funkeln, er redet begeistert Sachen, die ich nicht verstehe und fuchtelt mit den Händen. Dann schickt er meinen Bruder Gunter und mich in den Keller, um ein Krügle aus dem Fass mit unserem Schillerwein zu holen. Ich probiere den Wein mit dem Finger am Hahn, er schmeckt ganz süß, Gunter probiert aus dem Krug. Und da wir später noch oft in den Keller zum Weinholen müssen und er immer wieder probiert, wird es ihm später schlecht und er verschwindet ins Bett.
Wir essen dann Kasseler mit Kartoffelsalat, wie in allen späteren Jahren. Vielleicht haben schon die Eltern unserer Eltern und deren Eltern am Weihnachtsabend Kasseler und Kartoffelsalat gegessen.
Die Gans gibt es am ersten Weihnachtstag zu Mittag mit Klößen und Rotkraut. Bei neun Personen muss gut geteilt werden. Aber sowieso ist danach das Abnagen des Gestells in der Küche das Beste, alle fallen darüber her, die arme Gans!
Der Baum bleibt dann bis zum 6. Januar, Dreikönigstag, stehen. Er hat schon viele Nadeln verloren, obwohl es bei uns ja nicht so warm ist.
Ich mach´mir nicht so viel aus Weihnachten, bei uns glaubt sowieso niemand ans Christkind. Vater sagt, er ist Atheist und erklärt es auch. Aber ich glaube ihm nicht, so dumm ist er nicht, er hat nur nicht den Mut. Ich glaube an Gott, aber halt nicht ans Christkind.
Bald kommt dann die Fastnacht!
Ich habe ein Stirnband um den Kopf mit einer Hühnerfeder. Einmal hatte ich auch eine Bussardfeder, die ich im Reisig, das ist das Ginstergestrüpp mit den Schützengräben dazwischen vor dem Flughafen, gefunden hatte. Dazu habe ich einen Gürtel und ein Messer, das ich aus Holz selbst geschnitzt habe.
Wir sind Indianer, meine Schwester eine Squah, die dunklen Zöpfe hat sie ja schon. Wenn wir nach dem Toben in unseren Kostümen hereinkommen, essen wir ganz viele Fastnachtsküchle, ich natürlich nur zwei. Die Tante hat einen weichen Teig gemacht und die Küchle dann in flüssigem Öl gebacken, bis sie ganz braun und knusprig sind, innen mit einer Luftblase. Sie wälzt sie noch in Zimt und Zucker, das ist vielleicht gut!
Ich erhalte meine erste Zahnbürste; die Milchzähne sind schlecht, es gab ja auch keine Milch!
Sommer 1949
Vater hat einen Volkswagen!!
Einen schwarzen, nagelneuen Volkswagen mit rotem Kunststoff innen. Vorne ist eine kleine, weiße Vase, in die wir Kinder gleich Blumen stecken. Er hat zwei Türen und hinten eine schöne, geteilte Scheibe. Vater fährt mit uns die Straße einmal auf und ab.
Ein paar Tage später machen wir mit dem Auto einen Ausflug in den Schwarzwald. Wir steigen aus und essen Heidelbeeren. Es gibt viele Kurven im Schwarzwald und meiner Schwester wird es schlecht. Sie bricht dem Vater in den Nacken, die saure Heidelbeersoße läuft ihm ins Hemd und den Rücken hinunter.
Es geht jetzt alles viel besser bei uns.
René Avold